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Koblenz/Ottawa

Shopify: Koblenzer revolutioniert Onlineshops

Vom Auszubildenden zum eigenen Unternehmen mit 400 Mitarbeitern in Ottawa, der Hauptstadt Kanadas. Der Koblenzer Tobias Lütke hat eine der erfolgreichsten Neugründungen Nordamerikas geschafft. Mit 33 Jahren. Sein Produkt: Shopify, ein Software-Baukastensystem. Das macht es Unternehmen leicht, eigene Internetseiten unkompliziert zu bauen und Waren online zu verkaufen.

Zweimal im Jahr fährt Tobias Lütke in die alte Heimat. Das Foto entstand im Haus seiner Großeltern in Urbar.
Zweimal im Jahr fährt Tobias Lütke in die alte Heimat. Das Foto entstand im Haus seiner Großeltern in Urbar.
Foto: Rheinhard Kallenbach

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Kallenbach

Mehr als 100.000 Anwender in 150 Ländern nutzen Shopify. Der Schwerpunkt liegt allerdings im englischsprachigen Raum. Das soll sich ändern. Tobias Lütke und Mitgründer Daniel Weinand (34) wollen sich jetzt auch dem europäischen Markt widmen. Die Voraussetzungen hierfür sind denkbar gut. Über Mangel an Geldgebern können sich die beiden nicht beklagen. Gilt Shopify doch als eine der erfolgreichsten Neugründungen in Nordamerika. Der Unternehmenswert wird auf rund 1 Milliarde Dollar geschätzt.

Obwohl das Unternehmen erst seit gut acht Jahren besteht, zieren große Namen wie General Electric oder Tesla Motors die Referenzliste. Dazu kommen viele positive Empfehlungen. Allein in Deutschland gibt es bereits 2.000 Nutzer – und das, obwohl Tobias Lütke und seine Mitstreiter hier noch gar nicht mit der Vermarktung begonnen haben. Wo der Schlüssel zum Erfolg liegt? Gute Programmierung, leichte Anwendung und ein hohes Maß an Flexibilität könnte die Antwort lauten. Dazu kommen Durchhaltevermögen und der Wille zum Erfolg – und auch Glück. Fand doch der Koblenzer Mitstreiter, die nicht nur an das Projekt glaubten, sondern auch stets loyal waren. Das war eine wichtige Voraussetzung für das ungewöhnliche Wachstum.

„Wer ein erfolgreiches IT-Unternehmen gründen will, muss nicht ins Silicon Valley ziehen“, ist Tobias Lütke überzeugt. Aus seiner Sicht lässt sich eine gute Idee überall durchsetzen. Dass er am Ende in Kanada landete, hat vor allem private Gründe. Doch zunächst galt es, einen steinigen Weg zu meistern.

„Ich war ein miserabler Schüler“, räumt der Unternehmer ein, der sich schon immer mehr für Computer als für die Schule interessierte. Sein Vorteil: Er konnte bereits sehr früh programmieren. „Schon als Kind hatte ich meinen ersten Rechner“, erinnert er sich und ist seinen Eltern dankbar, dass die seine Neigungen früh erkannten, obwohl sie sich um seine schulischen Leistungen sorgten. Nach seinen Jahren am Görres- und am Hilda-Gymnasium wechselte Tobias Lütke an die Realschule Karthause, die er erfolgreich abschloss. Danach traf der die richtige Entscheidung. Er bewarb sich um eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Bei der damaligen Ko-blenzer BOG (heute RC Mid-market Solutions) erkannte man sein Talent und stellte ihn ein.

Noch heute ist Tobias Lütke von den Vorzügen der dualen Ausbildung in Deutschland überzeugt. Vergleichbares gibt es in Kanada nur in wenigen Berufen. Der Unternehmer würde es begrüßen, wenn eine vergleichbare Ausbildung zum Fachinformatiker auch in Kanada eingeführt würde. Denn für ihn hat der praktische Weg alle Tore geebnet. Schon in der Ausbildung wurde er von einer Nürnberger Firma abgeworben, später wechselte er nach Dortmund.

Es war der erste Boom des Internets in den späten 90er-Jahren, der schnelle und außergewöhnliche Karrieren möglich machte. Tobias Lütke nahm die Herausforderung an – und arbeitete regelmäßig bis zum frühen Morgen durch.

Die bessere Lösung

Die entscheidende Wende in seinem Leben brachte jedoch ein Winterurlaub, in dem er seine heutige Frau Fiona kennenlernte. Das junge Paar lebte noch eine kurze Zeit in Deutschland, zog dann aber 2002 nach Ottawa um, weil die Ehefrau ihr Masterprogramm beenden wollte. Danach erhielt sie direkt eine Stelle bei der Regierung, sodass eine Entscheidung gefallen war, weil Tobias Lütke flexibler arbeiten konnte. Zunächst war er noch für seine alten Auftraggeber tätig, begann dann aber 2004 mit dem Onlineverkauf von Snowboards. „Der Winter in Kanada ist lang.“ Das sagt er mit einem Lächeln, denn diese Station war für ihn entscheidend. Denn bei der Beobachtung anderer Onlinehändler erkannte er, wie kompliziert die bestehenden Shopsysteme waren – und das bei eingeschränkten Möglichkeiten.

Tobias Lütke bat seinen Freund Daniel Weinand, für ein halbes Jahr nach Kanada zu kommen, um gemeinsam etwas Besseres zu entwickeln. Der Informatiker folgte der Einladung trotz zunächst begrenzter Verdienstmöglichkeiten – und blieb. „Die ersten Jahre waren hart. Wir sind zu den Schwiegereltern, um Kosten zu sparen“, erinnert sich Tobias Lütke, der dann das Glück des Tüchtigen hatten. Sein Angebot kam bei den ersten Kunden gut an. Ein Unternehmen empfahl die junge Firma an John Philipps. Der Investor, der in der Telekommunikation sein Geld gemacht hatte, rief bei den Jungunternehmern an und stellte schließlich das Risikokapital bereit, das neben Steuervorteilen für Gründer den Grundstock für das rasante Wachstum legte.

Die Gründung geht schneller

„In Kanada ist vieles ganz ähnlich wie in Deutschland“, sagt Tobias Lütke mit Blick auf die Banken, die sich mit jungen Unternehmen nach wie vor schwertun – vor allem dann, wenn es um die Abwicklung von Onlinegeschäften geht. Was deutlich schneller geht, ist jedoch die Gründung einer Kapitalgesellschaft. Eine S-Corp., das Gegenstück zur deutschen GmbH, wird einfach angemeldet und kann sofort loslegen. Das würde jedoch nicht reichen, wenn das Produkt nicht stimmen würde.

Shopify folgt einem neuen Trend: Die Software wird nicht gekauft, sondern mit schlanken Monatsgebühren gemietet. Und sie kann im Rahmen von „Paketen“ beliebig erweitert oder abgespeckt werden. Und so kommt es, dass das System vom Kleinstbetrieb bis zum Großunternehmen passt, weil es individuell abgestimmt werden kann und auch die Preisgestaltung variabel ist. Und: Kunden erhalten eben nicht nur einen Onlineshop, sondern den kompletten Internetauftritt, ohne dass Dritte merken, dass der Service von Shopify kommt.

Auch das Thema Netzsicherheit wird im Unternehmen großgeschrieben. „Die Diskussion wurde in Europa angestoßen. Sie spielte in Nordamerika lange keine große Rolle“, erklärt Tobias Lütke, der die Entwicklungen in der Heimat weiterhin aufmerksam verfolgt. Der Sohn des bekannten Internisten Dr. Albin Lütke kommt zwei Mal im Jahr nach Koblenz. Denn manchmal vermisst er die alte Heimat doch.

Wirtschaft
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