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Westerwaldkreis

Westerwald: Metzger kritisieren Wurstkartell

Bußgelder gegen 21 bundesweit agierende Wursthersteller – das schmeckt den Großen in der Branche gar nicht. Westerwälder Metzger setzen auf Qualität und Ehrlichkeit, um beim Verbraucher zu punkten.

Von Stephanie Kühr und Natalie Simon

Wegen verbotener Preisabsprachen hat das Bundeskartellamt jüngst Bußgelder in Höhe von 338 Millionen Euro gegen 21 Wursthersteller verhängt. Davon betroffen sind auch Marken wie Wiesenhof, Böklunder, Meica, Rügenwalder, Ponnath oder Herta. Die Wettbewerbsbehörde wirft dem deutschen Wurstkartell vor, sich jahrelang über Preisspannen für Produkte wie Brühwurst und Schinken abgesprochen und dadurch höhere Preisforderungen gegenüber dem Einzelhandel durchgesetzt zu haben.

Mit den Preisen der Fleischindustrie können die Handwerksbetriebe der Westerwälder Fleischer-Innung, die zumeist noch selbst schlachten, vorwiegend Schlachttiere aus heimischen Ställen beziehen und ihre Wurst selbst herstellen, nicht mithalten. Heimische Metzgereien setzen vielmehr auf ehrliches Handwerk und Qualität – und können damit auch beim Verbraucher punkten.

Deutliche Worte findet in diesem Zusammenhang Hans-Jörg Wirths, Obermeister der Fleischer-Innung im Kreis Altenkirchen. Der Metzgermeister hält die Preisabsprachen in der Industrie für eine Unverschämtheit. „Die Kartelle wollen die Handwerksbetriebe weg haben", vermutet Wirths. Er und seine Kollegen müssten mit den jeweiligen Tages- und Wochenpreisen arbeiten. Der Fleischermeister kritisiert: „Wir zahlen für eine Schlachtung viel Geld. In der Industrie sinken die Preise, wenn die Anzahl der Schlachttiere steigt. Bei mehreren Tausend Tieren sinken die Kosten auf einen Bruchteil unserer Preise."

Auch Metzgermeister Markus Botte von der Burgmetzgerei Botte in Hartenfels und Ransbach-Baumach geißelt die Mafia-Methoden der deutschen Wurst- und Fleischindustrie. „Das ist unlauterer Wettbewerb. Die extrem günstigen Preise für Wurstwaren in Discountern spiegeln nicht das wider, was die Wurst- und Fleischwaren in Wirklichkeit wert sind", sagt er. Sein Vorwurf: „Das Wurstkartell hat die Einkaufs- und die Verkaufspreise bestimmt und damit die Erzeugerpreise in den Keller gedrückt." Da die Erzeuger versuchen würden, kostendeckend und damit möglichst billig für die Großkonzerne zu produzieren, seien Tiermast, Tierquälerei und Lebensmittelskandale zwangsläufig die Folge. „Mich packt einfach die Wut, wenn ich sehe, dass der Tierschutz unter diesen Methoden leidet. Viele Mitarbeiter, zumeist aus Osteuropa, werden ausgebeutet, bekommen ihre Löhne nicht ausbezahlt oder sind nicht versichert", kritisiert Botte.

Hinsichtlich der Produktionskosten und der Preise kann das heimische Fleischer-Handwerk zwar nicht mit der Industrie mithalten, dafür setzen Metzgereien im Westerwald auf Qualität, macht Fleischermeister Botte deutlich. So schlachtet die Burgmetzgerei am Stammsitz in Hartenfels selbst und stellt auch die Wurst zu 100 Prozent im eigenen Betrieb her. Dabei werden nur Rinder und Schweine aus der Region Westerwald geschlachtet. Lediglich Geflügelfleisch kauft Botte hinzu. „Wir verkaufen unsere Waren zu Preisen, die wir haben müssen. Qualität hat ihren Preis", bekräftigt er. Schließlich hat die Metzgerei zwei Metzgermeister und drei Gesellen und beschäftigt ausschließlich gut ausgebildete Fleischereifachverkäuferinnen.

Zwar könnten Land-Metzgereien ebenfalls billiger einkaufen und dadurch Kosten senken. Doch darunter leide die Qualität. „Die Kunden wissen unsere Waren zu schätzen", sagt Botte selbstbewusst. Am Ende haben es die Verbraucher in der Hand, meint auch Metzgermeister Leo Friedrich aus Wirges, der zwar nicht mehr selbst schlachtet, aber seine Wurst nach eigenen Rezepten herstellt – und das auch nur mit Tieren von heimischen Bauern. Der Kunde muss sich zwischen der Industrieware in den Supermärkten und den handwerklich hergestellten Produkten von Metzgern am Ort entscheiden. Friedrich: „Qualität ist das A und O. Dafür zahlen unsere Stammkunden auch gerne mehr als im Discounter." Das bestätigt auch Heinz-Werner Schäfer von der Metzgerei Gerlach-Schäfer in Niederahr. „Wir liegen bis zu 30 Prozent über den Preisen der Industrie. Doch die Qualität spricht für den Fleischerladen", sagt er.

Trotz des Wurstkartells ist Metzgermeister Mike Lehmler aus Welschneudorf, der selbst schlachtet und Wurst macht, zuversichtlich. „Die Situation im Handwerk ist gut. Der Verbraucher will etwas Ordentliches auf dem Teller haben. Und das am besten von glücklichen Rindern und Schweinen", sagt er. Tierschutz und artgerechte Haltung seien für Kunden wichtige Themen. „Die Kundschaft will wissen, woher wir die Tiere haben und wie sie gehalten wurden", schildert er. Lehmler: „Das ist Qualität, die man schmeckt."

Die Mitglieder des Wurstkartells

Wegen verbotener Preisabsprachen bei Wurstwaren hat das Bundeskartellamt im vergangenen Monat Geldbußen von mehr als 338 Millionen Euro gegen 21 Wursthersteller und zahlreiche Führungskräfte der Branche verhängt. Die Höhe der einzelnen Bußgelder ist unbekannt. Die Mitglieder des sogenannten Wurstkartells gegliedert nach Bundesländern:

Nordrhein-Westfalen: Herta GmbH, Herten (Nestlé), Franz Wiltmann GmbH & Co. KG, Versmold,  Heinrich Nölke GmbH & Co. KG, Versmold,  H. & E. Reinert Holding GmbH & Co. KG, Versmold/ Sickendiek, Fleischwarenfabrik GmbH & Co. KG, Neuenkirchen-Vörden, Marten Vertriebs GmbH & Co. KG, Gütersloh, Metten Fleischwaren GmbH & Co. KG, Finnentrop, Wiesenhof Geflügelwurst GmbH & Co. KG, Rietberg (PHW-Gruppe), Willms Fleisch GmbH, Ruppichteroth, Westfälische Fleischwarenfabrik Stockmeyer GmbH, Sassenberg (heristo AG).

Niedersachsen: Meica Ammerländische Fleischwarenfabrik Fritz Meinen GmbH & Co. KG, Edewecht, H. Kemper GmbH & Co. KG, Notrup, Heidemark Mästerkreis GmbH & Co. KG, Emstek-Höltinghausen, Rügenwalder Mühle Carl Müller GmbH & Co. KG, Bad Zwischenahn.

Schleswig-Holstein: Döllinghareico GmbH & Co. KG, Elmshorn.

Bayern: Hans Kupfer & Sohn GmbH & Co. KG, Heilsbronn, Höhenrainer Delikatessen GmbH, Feldkirchen-Westerham,Lutz Fleischwaren GmbH, Landsberg am Lech (Vion),Ponnath DIE MEISTERMETZGER GmbH, Kemnath, Rudolf und Robert Houdek GmbH, Starnberg.

Hamburg: Bell Deutschland Holding GmbH, Seevetal (vormals Coop-Gruppe).

Bremen: Böklunder Plumrose GmbH & Co. KG, Böklund/Könecke Fleischwarenfabrik GmbH & Co. KG, (zur Mühlen-Gruppe, ClemensTönnies-Gruppe).

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