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Koblenz/Diez

Versuchter Totschlag in der JVA Diez: Lange Haft und anschließende Sicherheitsverwahrung für den Täter

Eugen Lambrecht

Thorsten S. schmuggelte eine Porzellanscherbe in den Besuchsraum der JVA Diez – und stach damit siebenmal auf seine Ehefrau ein. Jetzt hat ihn das Landgericht Koblenz wegen versuchten Totschlags zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Zudem ordnete es Sicherungsverwahrung an. Vom Vorwurf der Vergewaltigung sprach ihn die Kammer hingegen frei. Eine Entscheidung, über die sich der 36-Jährige zu freuen schien: Während der Urteilsverkündung präsentierte er sich mit einem Dauergrinsen.

Die brutale Attacke eines Gefangenen auf dessen Ehefrau im Besuchsraum der Justizvollzugsanstalt Diez hat ihren juristischen Abschluss vor dem Landgericht Koblenz gefunden. Das Gericht verhängte eine lange Haftstrafe und Sicherungsverwahrung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.  Foto: Uli Pohl
Die brutale Attacke eines Gefangenen auf dessen Ehefrau im Besuchsraum der Justizvollzugsanstalt Diez hat ihren juristischen Abschluss vor dem Landgericht Koblenz gefunden. Das Gericht verhängte eine lange Haftstrafe und Sicherungsverwahrung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Foto: Uli Pohl

Die Bluttat vom 2. November vergangenen Jahres löste bundesweit Entsetzen aus. Der Fall zog auch eine politische Debatte über mögliche Sicherheitsdefizite im Diezer Schwerverbrechergefängnis nach sich. Mittlerweile wurde der Besuchsraum so eingerichtet, dass die Beamten eine bessere Übersicht über die 170 Quadratmeter haben. Die abgetrennte Spielecke, in der sich der Gewalteklat ereignet hatte, wurde abgebaut und nicht ersetzt. Auch deshalb spielte das Thema im Prozess nur eine untergeordnete Rolle. In der Urteilsbegründung resümierte der Vorsitzende Richter Ralf Bock: „Die Kontrollen in der JVA hätten genauer sein können. Aber hinterher ist man immer schlauer.“

Doch wie konnte es zu der brutalen Attacke kommen? Am Nachmittag des 2. November besucht Sharon S. gemeinsam mit ihren Kindern ihren Ehemann im Diezer Gefängnis. Sie trägt eine Strumpfhose, einen Rock und ein schulterfreies Oberteil. Ein Outfit, das der Jahreszeit nicht so recht entsprechen mag. Doch ihr Ehemann hat es so gewollt. Und obwohl es bereits seit Monaten zwischen den beiden kriselt, kommt sie diesem Wunsch nach. Gegen 15.30 Uhr betritt sie den Besuchsraum. Erst unterhält sich das Paar, dann kommt es zum Geschlechtsverkehr – und letztlich zum Streit. Gegen 17.30 Uhr zieht Thorsten S. eine Porzellanscherbe aus seiner Socke und sticht seiner Frau in die Schläfe und in den Hals. Sharon S. fällt blutend zu Boden, ihre Kinder weinen.

Ein zweifacher Polizistenmörder, der mit seiner Verlobten ebenfalls im Besuchsraum ist, eilt herbei, versucht den Mann von seinem Opfer wegzuzerren. Doch Thorsten S. bringt auch ihn durch Schläge und Tritte zu Boden – und sticht weiter auf seine Ehefrau ein. Erst als Justizvollzugsbeamte eingreifen, lässt S. von seiner Frau ab, wirft die blutverschmierte Scherbe aber nicht zu Boden – sondern in Richtung der Frau. Dabei brüllt er: „Jetzt hast du das, was du verdient hast, du Ratte.“

Was klingt wie ein schlechter Film, muss sich an jenem Novembernachmittag genau so abgespielt haben. Darin waren sich alle Prozessbeteiligten einig. Nicht zuletzt deshalb, weil Thorsten S. die Bluttat bereits zu Prozessbeginn eingeräumt hatte. Uneinigkeit herrschte hingegen darüber, ob S. in Tötungsabsicht zustach und ob er seine Ehefrau vor der brutalen Attacke vergewaltigt hatte. Für Maike Naumiuk, die das Opfer als Nebenklägerin vertritt, stand fest: „Es war nicht sein Motiv, ihr lediglich einen Denkzettel zu verpassen. Er wollte sie vergewaltigen und wegmachen.“ Florian Eder, Anwalt des Polizistenmörders, pflichtete ihr bei: „Die Denkzettel-Geschichte ist Blödsinn.“

Sandra, Jessica, Stefanie, Sharon: Jede Frau, die sich auf Thorsten S. einließ, musste früher oder später einen hohen Preis dafür zahlen. Seine Jugendliebe Sandra vergewaltigte er unter Vorhalt eines Messers. Auf Jessicas Haut drückte der Mann eine Zigarette aus. Auf Stefanie stach er vor einem Pirmasenser Einkaufszentrum 38-mal ein. 2008 verurteilte das Landgericht Zweibrücken Thorsten S. zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sechs Jahre später lernte er über Facebook Sharon S. kennen. Im September 2016 heiratet das Paar hinter den Gefängnismauern. Während der Besuche gibt es auch immer wieder sexuellen Kontakt. Doch die Beziehung ist geprägt von Lügen, Eifersucht und Misstrauen. Im Sommer 2017 steht die Trennung im Raum. Doch Sharon S. besucht ihren Ehemann auch weiterhin, verpfeift ihn zugleich bei der JVA-Leitung wegen seines hineingeschmuggelten Handys.

Das Gericht sprach letztlich von einem Motivbündel – und wertete die Bluttat auch deshalb nicht als Mordversuch. Die Vergewaltigung hingegen sei schlicht nicht beweisbar, die Schilderungen des Opfers zu widersprüchlich. Damit folgte das Gericht den Ausführungen von Michael Hürth, der Thorsten S. im Prozess vertrat.

Der ließ im Laufe der vier Sitzungstage nicht einen Funken Reue durchblicken. Und in seinem letzten Wort suchte der 36-Jährige auch dafür die Schuld bei seiner Frau: „Ich würde mich ja entschuldigen. Aber sie kam ja nur an einem von vier Prozesstagen.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von unserem Reporter Eugen Lambrecht

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