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Görgeshausen

Twitter bringt Autorin in die Buchcharts und den Westerwald/F

Es ist eine Geschichte vom Sieg gegen Vorurteile – über das Internet. Über das Alter. Über das, was Männer verächtlich Frauengedöns nennen. Das Ergebnis jedenfalls ist eine echte Lesung am kommenden Samstag in einer leibhaftigen Bäckerei in Görgeshausen im Westerwald mit Gästen aus der ganzen Republik.

Die Expedition durch die Netzwerke führte sie über Xing und Facebook zu Twitter – und von dort in den Westerwald zu einer Lesung, bei der Autorin Dietlinde Hachmann ihre virtuellen Freunde treffen wird.
Die Expedition durch die Netzwerke führte sie über Xing und Facebook zu Twitter – und von dort in den Westerwald zu einer Lesung, bei der Autorin Dietlinde Hachmann ihre virtuellen Freunde treffen wird.

Görgeshausen. Es ist eine Geschichte vom Sieg gegen Vorurteile – über das Internet. Über das Alter. Über das, was Männer verächtlich Frauengedöns nennen. Das Ergebnis jedenfalls ist eine echte Lesung am kommenden Samstag in einer leibhaftigen Bäckerei in Görgeshausen im Westerwald mit Gästen aus der ganzen Republik. Das halbe Dorf hilft mit und alle freuen sich drauf. Und alles nur, weil zwei sich in der virtuellen Welt des Internets angeraunzt haben.

Aber der Reihe nach. Dietlinde Hachmann, Jahrgang 1951 und Mutter von vier Kindern, hat keine Ahnung von Computern oder gar dem Internet, als ihr in ihrem Zuhause nahe Stuttgart die Erinnerungen ihrer Mutter Lieselotte in die Hände fallen. Lieselotte Hachmann ist ihrer Tochter bis zu diesem Tage schlicht als Gründerin der Deutsch-Indischen-Gesellschaft in Hamburg bekannt. Von der dramatischen Liebesgeschichte mit einem indischen Studenten, die davor stand, ahnte die Tochter nichts. Bis jetzt.

Doch Hachmann, von je her eine Freundin des Wortes, erkennt schnell, dass das Schicksal ihrer Mutter geradezu danach schreit, erzählt zu werden. Doch wem? Und wie? Der simple Tipp ihrer erwachsenen Tochter katapultiert Dietlinde Hachmann in den folgenden Wochen nicht nur im Geiste bis nach Indien, sondern auch einmal quer durch die sozialen Netzwerke, die das Internet inzwischen vorhält. Die Suche nach einem Verlag? „Probier Xing“, sagt die Tochter. Und Hachmann liest sich fest in diesem Netzwerk, das im Internet vorwiegend für geschäftliche Kontakte genutzt wird. Sie stöbert nach Gleichgesinnten, fragt, bekommt Antworten – und unterschreibt Monate später den Vertrag bei dem kleinen Buchverlag Acabus aus Hamburg.

Doch Xing wird zu klein. „Probier Facebook“, sagt die Tochter. Die Mutter probiert, stellt sich vor in diesem Netzwerk. Sammelt Freunde, „adden“ heißt das dort. Reicht aber immer noch nicht.

Ein Buch braucht Werbetrommeln, dazu aber hat der kleine Verlag kein Geld. „Probier Twitter“, empfiehlt der Verlag. Eine Nachricht pro Tag soll sie als @AutorinHachmann ins Netz zwitschern. Der Anfang ist schwer. „Warum soll ich schreiben, dass ich jetzt Kaffee trinke“, fragt sich Hachmann. Aber langsam bekommt sie raus, dass sie mit simplen Nachrichten durchaus Freude bereiten kann. „Wenn ich einen Schmetterling sehe und mich daran erfreue, twitter ich das und die Leute antworten erfreut.“ Vom Krach mit dem Ehemann erfährt niemand etwas. „Ne, das ist privat.“ Und so nimmt Hachmanns Popularität auf Twitter unter@Autorinhachmann ihren Lauf, einer zwitschert es dem anderen und viele stoßen auch auf ihr Buch. Heute gibt es ganze Diskussionsgruppen, die sich über Lieselotte Hachmanns Indien-Erfahrungen austauschen. Anfangs belächelt der jüngere Sohn die Mutter, die auf dem Papier so gar nicht zur IT-Zielgruppe zu zählen scheint, ob ihrer neu entflammten Computerliebe. Inzwischen lacht niemand mehr über ihre gewonnene Kompetenz.

Ihre Twitter-Freunde, die Follower, kommen aus der ganzen Republik. Und mit Frederic Reuter (@freuter) eben auch aus Eppenrod oder mit Michael Weyland (@Michael_Weyland) aus Siershahn im Westerwaldkreis. Über eine leicht naive Technikfrage Hachmanns kommt sie mit Reuter – zunächst etwas schroff – ins Gespräch. Der Austausch wird intensiver. Und noch bevor sie sich persönlich gegenüberstehen, richten Reuter und Weyland per Fernsteuerung ihre Seite so ein, dass Hachmanns Buch virtuell umgeblättert werden kann, während die Autorin dazu erzählt. Reuter, der die Klaviatur des Netzes virtuell zu spielen versteht, nutzt das, um immer mehr Menschen auf sie aufmerksam zu machen. Als Internet-Buchhändler Amazon kurz nach dem Erscheinen angesichts einer Fülle positiver Bewertungen an Manipulation durch den Verlag glaubt, schaltet er sich ein. Und bei einer Lesung Hachmanns in einer Realschule in Kornwestheim bei Stuttgart steht das Ehepaar Reuter schließlich überraschend in der Tür.

Am Samstag nun kommt Hachmanns Revanche. In der Bäckereifiliale, in der Reuters Ehefrau arbeitet, in Görgeshausen wird Hachmann von 13 Uhr an aus ihrem Buch „Mein Wunscherbe“ lesen und so die Bäckerei stärker ins Gespräch bringen. 15 000 Handzettel haben Reuters in Eigenregie dafür drucken lassen und verteilt. Der Ortsbürgermeister stellt das Kühlhaus des Dorfgemeinschaftshauses für Getränke zur Verfügung. Zwei Kunden steuern ihre Großzelte bei. Wie viele Zuhörer kommen werden, vermag Reuter nicht zu schätzen. Eine Handvoll Twitterfreunde aus der Republik bringt Reuter im Dorf unter – und über Wer-kennt-wen haben sich bislang 28 Gäste aus der Region angemeldet. Für Hachmann sind die echten Menschen hinter der Twitter-Fassade das größte Geschenk: „Ich mag ja erzählen können, aber mich vermarkten, das kann ich absolut nicht.“

Rebekka Neander

Einen Blick in das Buch von Dietlinde Hachmann „Mein Wunscherbe“ gibt es im Internet auf ihrer Seite.

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