40.000
Aus unserem Archiv
Mainz

Trauer und Dank: Auch im Tod bewegt Kardinal Lehmann die Menschen

Fast eine Woche lang bangten nicht nur Katholiken um das Leben des langjährigen Bischofs von Mainz. Jetzt hat der Geistliche seine letzte Reise abgeschlossen. Sein Nachfolger würdigt den Verstorbenen als „leidenschaftlichen Brückenbauer (Pontifex) zwischen den Konfessionen“.

Schwer und tief liegt der Klang der großen Martinus-Glocke über dem Mainzer Domplatz. Sie läutet zum Tod von Kardinal Karl Lehmann. Sechs Tage nach der Bitte des Bistums um Gebete für den letzten Weg des Geistlichen ist der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Sonntag im Alter von 81 Jahren gestorben. Passanten bleiben stehen, schauen zu den Türmen des mächtigen Doms hinauf und denken an ihren Karl, wie der Verstorbene in Mainz liebevoll genannt wurde.

„Ich habe ihn als fortschrittlich, als behutsam-hartnäckig erlebt“, sagt Wiltrud Kolbeck aus dem Winzerdorf Gau-Algesheim. „Das hat mir gefallen.“ Jeder Besucher, jede Besucherin der Totenvesper im überfüllten Dom bringt eine andere Erinnerung an den Verstorbenen mit: die Kritik am Entzug der Lehrerlaubnis für den Tübinger Theologen Hans Küng, das Eintreten für die Seelsorge von Geschiedenen wie für die Beratung von Schwangeren in Gewissensnöten, das Engagement für die Aufnahme von Geflüchteten.

Einige halten ihre Gedanken auf Blättern für das Kondolenzbuch fest, auf einem Tisch vor dem Altar. Einer der ersten Einträge lautet schlicht: „Danke!!!“ Ein anderer schrieb: „Danke für Ihren unermüdlichen Einsatz für die Menschen! Rest in Peace!“

„Mit Kardinal Karl Lehmann verlieren wir einen großen und liebenswürdigen Menschen“, sagt sein Nachfolger im Bischofsamt, Peter Kohlgraf. Keine sieben Monate ist es her, dass Kohlgraf von Lehmann zum Bischof geweiht wurde.

Die Aufbruchsstimmung damals ist am Sonntag großer Betroffenheit gewichen. Aber als geistlicher Hirte muss Kohlgraf nach vorn schauen. Lehmann habe zu aktuellen Fragen in Kirche und Gesellschaft immer Position bezogen. „Da müssen wir in den nächsten Jahren genauso weitergehen“, sagt Kohlgraf. „Da hat er gute Spuren hinterlassen, auf denen zu gehen sich lohnt.“

Halt gibt den Gläubigen die Liturgie der Totenvesper im Dom. Und das Gefühl von Gemeinschaft. Er glaube, dass die Gebete der vergangenen Tage den Kardinal auch wirklich erreicht hätten, sagt Kohlgraf in seiner Vesperpredigt. „Es war manchmal nicht einfach zu sehen, wie er in den letzten Wochen immer schwächer geworden ist.“ Aber er sei überzeugt, dass Lehmann seinen Frieden mit Gott gemacht habe. Und nun bitte er darum, diese Gebetsgemeinschaft zu Requiem und Beisetzung des Kardinals am 21. März weiterzuführen.

Vor knapp zwei Jahren sprach Lehmann in einem Vortrag selbst über die Endlichkeit des Lebens. Damals sagte er: „Das Wissen darum, dass der Lebensbogen zu Ende geht, macht die Dinge und das Leben ... dichter und ernster, kostbarer und wertvoller.“ In der Hoffnung des ewigen Lebens könne der Mensch „freudig auf die letzte Stunde hingehen“.

So starb Lehmann nun am Sonntag Laetare, der im Kirchenjahr als Aufruf zur Freude begangen wird. Diese sei auch an einem solchen Tag möglich, sagt Kohlgraf und spricht von „einer Freude, die tiefer geht als eine oberflächliche Fröhlichkeit – in einer solchen Freude darf dann auch eine Träne sein“.

Von Peter Zschunke (dpa)

Rheinischer Präses würdigt Lehmann als „echten Pontifex“

Der oberste Repräsentant der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, hat den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann als Brückenbauer zwischen Kirche und Gesellschaft und zwischen den Konfessionen gewürdigt.

Karl Kardinal Lehmann
Kardinal Karl Lehmann, aufgenommen im Bischöflichen Ordinariat.
Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv - dpa

„Wir haben Bruder Lehmann als einen echten Pontifex, einen Brückenbauer, erlebt: Er hat Konfessionen übergreifend Brücken geschlagen und dabei immer wieder auf die Quellen verwiesen, aus denen wir gemeinsam schöpfen“, würdigte der rheinische Präses am Sonntag in seinem Kondolenzschreiben an Lehmanns Nachfolger, Bischof Peter Kohlgraf.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das „segensreiche Wirken“ des im Alter von 81 Jahren gestorben früheren Mainzer Bischofs, Kardinal Karl Lehmann, gewürdigt. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und als Bischof von Mainz habe er „über viele Jahre das Bild der katholischen Kirche in unserem Land maßgeblich mitgeprägt“, schrieb das Staatsoberhaupt in einem Kondolenzschreiben an Lehmanns Nachfolger in Mainz, Bischof Peter Kohlgraf. Der ökumenische Dialog habe ihm immer am Herzen gelegen. Er sei einer der wichtigen Brückenbauer zwischen den Konfessionen und Religionen gewesen.

„Dass er dabei nicht nur den eigenen Kräften vertraut hat, sondern auch mit der Gnade Gottes rechnete, merkten die Menschen, die ihm begegneten“, schrieb der Bundespräsident. „Sie spürten es an der Zuversicht und auch an seinem ansteckenden Lachen, das aus der tiefen gläubigen Fröhlichkeit kam, die Karl Kardinal Lehmann ausstrahlte. Jedes Gespräch mit ihm war eine Bereicherung, sein Rat für mich von besonderem Wert. Wir alle sind ihm für sein segensreiches Wirken dankbar und wir werden ihn nicht vergessen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit Trauer auf den Tod von Kardinal Karl Lehmann reagiert und ihn als wichtigen Vermittler gewürdigt. Merkel ließ mitteilen, sie denke heute mit tiefer Dankbarkeit an die guten Gespräche und Begegnungen über viele Jahre. Kardinal Lehmann sei ein „begnadeter Vermittler, zwischen den deutschen Katholiken und Rom, im Geist der Ökumene zwischen den christlichen Kirchen, genauso aber zwischen Christen und den Gläubigen anderer Religionen“ gewesen.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hat Kardinal Karl Lehmann als kritischen Mahner und wichtigen Ratgeber gewürdigt. „Ich bin ihm für viele gute Gespräche und Anregungen sowie den vertrauensvollen Austausch mit der Landesregierung sehr dankbar“, erklärte Dreyer am Sonntag in Mainz. Lehmann habe „Maßstäbe für einen weltoffenen Katholizismus gesetzt“. Er habe sich nach dem Grundsatz gerichtet, dass Kirche dort mit anpacke, wo Hilfe gebraucht werde. 

Als Beispiel nannte Dreyer die Aufnahme von Flüchtlingen. Beim kirchlichen Beistand für Schwangere im Gewissenskonflikt habe sich Lehmann an die Seite der Frauen gestellt und auch den Konflikt mit dem Vatikan nicht gescheut. Die Ministerpräsidentin sprach Bischof Peter Kohlgraf und allen Gläubigen im Bistum Mainz ihr Beileid aus und sagte: „Rheinland-Pfalz trauert um einen großartigen Menschen und eine herausragende Persönlichkeit.“

Als „guten Geist in Mainz“ hat die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann bezeichnet. Auch für Menschen ohne Bezug zur katholischen Kirche sei er das bekannte Gesicht der Stadt gewesen, erklärte die christdemokratische Politikerin am Sonntag in Mainz.

„Mit dem Tod von Karl Kardinal Lehmann verlieren wir eine bedeutende Persönlichkeit, ein Stück Geschichte, einen wahren Zeugen des Glaubens, einen herausragenden Wissenschaftler und Philosophen“, fügte Klöckner hinzu, die auch dem Zentralkomitee Deutscher Katholiken (ZDK) angehört. Dem „warmherzigen Zuhörer“ seien die Sorgen und Nöte der Menschen immer ein Anliegen gewesen. „Kardinal Lehmann war eine Institution - gütig, lebensfroh und beliebt bei den Menschen. Er wird fehlen – nicht nur in der Landeshauptstadt.“

Kardinal Karl Lehmann hat die Erneuerung der katholischen Kirche nach Einschätzung von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) maßgeblich vorangetrieben. „Kardinal Lehmann wird dieser Welt als authentischer Repräsentant und Erneuerer der katholischen Kirche fehlen“, ließ Bouffier am Sonntag anlässlich Lehmanns Tod mitteilen. Über die Parteigrenzen hinweg sei der langjährige Mainzer Bischof auch für die Politik „ein geistig und geistlich bereichernder Gesprächspartner“ gewesen. „Insbesondere als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat er wichtige gesellschaftliche Impulse gegeben.

Mit großer Betroffenheit und Trauer hat die Deutsche Bischofskonferenz auf die Nachricht vom Tod Kardinal Lehmanns reagiert. „Ein großer Theologe, Bischof und Menschenfreund geht von uns“, sagte Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Bischofskonferenz und Erzbischof von München und Freising. Mit Lehmann gehe ein warmherziger und menschlicher Bischof von großer Sprachkraft. „Die Kirche in Deutschland verneigt sich vor einer Persönlichkeit, die die katholische Kirche weltweit wesentlich mit geprägt hat“, heißt es in der Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom Sonntag. Lehmann war am frühen Sonntagmorgen im Alter von 81 Jahren gestorben.

Mehr als zwanzig Jahre leitete Lehmann die Bischofskonferenz. Dabei habe er „Höhen und Tiefen erfahren“, sagte Marx. Dazu gehörten Momente wie die „Kölner Erklärung“ von 1988, das Ringen um den richtigen Weg in der Schwangerenkonfliktberatung und das Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Verdienste habe sich Lehmann auch bei der Ökumene erworben. „Den Kontaktgesprächskreis zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD hat er mit Leben und Ideen, Diskussionen und Anregungen gefüllt“, sagte Marx. Mit dem Tod von Karl Lehmann verliere die Kirche in Deutschland eine prägende Gestalt und einen überzeugten Europäer. „Karl Lehmann war ein katholischer Weltbürger, auskunftsfähig zu allen Themen der Zeit.“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat den im Alter von 81 Jahren gestorbenen Kardinal Karl Lehmann als Wegbereiter für die Annäherung beider Kirchen gewürdigt. „Für die evangelische Kirche war er in den vergangenen Jahrzehnten ein ganz wichtiger Ansprechpartner und Mitstreiter für das ökumenische Miteinander“, schrieb der bayerische Landesbischof in einem Brief an Lehmanns Nachfolger in Mainz, Bischof Peter Kohlgraf. Er habe ein „weltweit beachtetes Zeichen für die Verständigung der beiden großen Konfessionen“ gesetzt.

„Es ging ihm immer darum, Christus neu zu entdecken“, schrieb Bedford-Storm. Durch seine „herausragende theologische Kompetenz, gepaart mit einem weiten Herzen“, habe er die Ökumene entscheidend vorangebracht. „Wir werden ihn alle sehr vermissen. Ich vertraue darauf, dass er in Gottes Hand geborgen ist und jetzt schauen darf, woran er geglaubt hat.“

Das Bistum Limburg hat den Einsatz des verstorbenen Kardinal Karl Lehmann für die Verständigung der Konfessionen gewürdigt. „Die katholische Kirche in Deutschland verliert mit ihm einen ganz großen Brückenbauer. Die Brücken, die er geschlagen hat, sind solide und können weiter gefestigt werden“, erklärte der Limburger Bischof Georg Bätzing am Sonntag in einer Mitteilung. Lehmann habe sich immer für die Ökumene eingesetzt. „Wenn wir heute sagen, uns verbindet viel mehr als uns trennt, dann ist das nicht zuletzt Frucht des jahrzehntelangen ökumenischen Dialogs, für den sich Kardinal Lehmann kontinuierlich im Gesprächskreis von katholischen und evangelischen Theologen einsetzte.“

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat sich „sehr betrübt“ über den Tod von Kardinal Karl Lehmann geäußert und ihn als treuen Freund Europas bezeichnet. „Zeit seines Lebens hat Kardinal Lehmann Brücken der Menschlichkeit und der Solidarität in und für Europa gebaut“, teilte Juncker am Freitag in Brüssel mit. „Viel hat er so dazu beigetragen, Ost und West zusammenzubringen, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Dialog mit Polen.“ Er habe stets in die Zukunft Europas investiert.

„Als moralischer Kompass hat er uns den Weg gewiesen und an die Werte erinnert, die Europa zu etwas Besonderem machen“, so Juncker. Solidarität und Nächstenliebe seien ihm ein Handlungsauftrag gewesen. Lehmann habe unter anderem in der Flüchtlingsfrage dazu aufgerufen, „sich auf die europäische Kraft des Gemeinsamen zu besinnen und im Sinne der Menschlichkeit zu reagieren.“

Als einen der „intellektuellen Köpfe der Bischofskonferenz“ hat Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann gewürdigt. Mit seiner ruhigen und ausgleichenden Art sei es dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz immer wieder gelungen, gemeinsam getragene Positionen der katholischen Bischöfe zu erarbeiten. Als Schüler des Theologen Karl Rahner und während seiner römischen Studienzeit sei der Verstorbene einer der deutschen Bischöfe gewesen, die das II. Vatikanische Konzil noch persönlich erlebt haben. „Er war zweifellos ein wandelndes und kommentierendes Lexikon dieses Konzils“, sagte Overbeck in einer Mitteilung des Bistums Essen am Sonntag. Die Ökumene habe Kardinal Lehmann besonders am Herzen gelegen und er sei deshalb nicht müde geworden, sich stets für das Zusammenwachsen der Kirchen einzusetzen. Die starke pastorale Prägung seines Engagements sei vor allem in seinem Wirken als Bischof von Mainz zum Ausdruck gekommen.

Die Stadt Mainz trauert um ihren Ehrenbürger Kardinal Karl Lehmann. Er habe sich vor allem durch „seine Offenheit für die Menschen“ ausgezeichnet, erklärte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). „In einer Zeit, in der so viele nicht mehr offen sind, in der sich viele gar nicht mehr bemühen, einander zu verstehen, in der die Schranken nicht nur an die Grenzen, sondern auch in manche Köpfe zurückkehren, werden wir diese Eigenschaft wohl mit am meisten vermissen.“

Auch der Fußball-Bundesligist Mainz 05, in dem Lehmann Ehrenmitglied war, kondolierte: „Er hat Mainz als Bischof mit seiner Klarheit, Aufrichtigkeit und menschlichen Wärme über viele Jahre mit geprägt“, teilte der Verein mit. Lehmann habe „auch beim 1. FSV Mainz 05 Spuren hinterlassen, die seine Lebenszeit überdauern werden“. dpa

Rheinland-Pfalz
Meistgelesene Artikel
Anzeige
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
  • Lokalticker
  • Regionalsport
  • Newsticker
Das Wetter in der Region
Montag

5°C - 17°C
Dienstag

4°C - 16°C
Mittwoch

7°C - 19°C
Donnerstag

9°C - 22°C

Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

Anzeige
Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!