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    Spiel mit den Zahlen: Wie Renn-Veranstalter Interesse vortäuschen

    Von 2015 bis 2018 will Capricorn, der Nürburgring-Besitzer in spe, die Formel 1 in die Eifel holen. Doch die Besucherzahlen beim Rennzirkus sind regelmäßig irritierend.

    Fans genießen die dichte Atmosphäre beim Truck-Grand-Prix am Nürburgring, ...
    Fans genießen die dichte Atmosphäre beim Truck-Grand-Prix am Nürburgring, ...
    Foto: dpa

    Von unserem Bad Neuenahrer Redaktionsleiter Uli Adams

    ... während Nico Rosberg bei der Formel 1 in Hockenheim vor dürftig besetzten Tribünen zum Sieg fährt. Fotos: afp, dpa
    ... während Nico Rosberg bei der Formel 1 in Hockenheim vor dürftig besetzten Tribünen zum Sieg fährt. Fotos: afp, dpa
    Foto: AFP

    Wer am vergangenen Wochenende live oder via TV die Formel 1 am Hockenheimring vor dürftig besetzten Tribünen verfolgt hat, dürfte Robertino Wild raten, den Vertragsabschluss mit Bernie Ecclestone zu überdenken, wenn die EU Wilds Capricorn am Ring zum Zug kommen lässt.

    Die Gefahr war noch nie so groß, ein finanzielles Desaster zu erleben. Trotz deutscher Dominanz im Renngeschehen hatten gerade einmal 50.000 Zuschauer Eintrittskarten für die Königsklasse des Motorsports gekauft. Damit lässt sich das Millionenunternehmen Formel 1 für den Ausrichter nicht finanzieren. Aber nicht nur die Eliteklasse klagt über sinkende Aufmerksamkeit, geringe Zuschauerzahlen und im Sinkflug befindliche TV-Einschaltquoten. Dem Motorsport generell laufen die Anhänger weg.

    Und darüber können auch Erfolgsmeldungen wie die vom Truck-Grand-Prix am Nürburgring nicht hinwegtäuschen, der parallel zur Formel 1 im Badischen rund "170 000 Besucher über die Veranstaltungswoche" in der Eifel meldete. Wenn der ADAC Mittelrhein als Veranstalter des größten Truck-Rennsport-Events in Europa seine Ticketverkäufe fürs Wochenende zusammenzählt, dann dürfte er auch nur auf rund 50.000 zahlende Besucher kommen. Dann sind die Verkäufe an Industriepartner schon mitgerechnet. Und auch die Besucher unter 12 Jahren, die bei freiem Eintritt auf Gelände und Tribünen durften, gehören dann schon mit zu den "Besuchern über die Veranstaltungswoche".

    Vorgetäuschtes Interesse

    Doch das faule Spiel, mit Mondzahlen bei Zuschauern ein nicht vorhandenes Interesse vorzutäuschen, hat im Rennsport schon seit Jahren Methode - nicht nur am Ring. Um Werbepartner und TV-Anstalten bei Laune zu halten, werden aus zahlenden Besuchern Besuche der Eintrittszahler auf das Gelände. Über drei Tage gerechnet, sind dann auch mal schnell 170 000 "Besuche" möglich, die an den Eingängen gescannt werden. Und weil in Deutschland ARD und RTL, die seit Jahren DTM und Formel 1 unter Vertrag haben, mit Millionenaufwand von den Rennen weltweit berichten und über die Einschaltquote ihre Werbeblöcke berechnen, werden die von Veranstaltern genannten Zahlen kommentarlos gesendet. Wer sägt schon auf dem Ast, auf dem er sitzt.

    Warum der ADAC dieses Spiel mit zumindest irritierenden Zuschauer- und Besucherzahlen bei seinem Truck-Grand-Prix munter mitspielt, bleibt für den Außenstehenden ein Rätsel. Denn anders als AvD und Hockenheimring GmbH mit der Formel 1 verdient der ADAC mit den Truckern Geld. Das Geschäftsmodell ist ein komplett anderes als in der Königsklasse. Der ADAC zahlt anders als die Ausrichter der Formel-Grand-Prix keinen zweistelligen Millionenbetrag, damit Fahrer und Trucks zum Rennen kommen. Truckrennsportler und die Rennserien im Rahmenprogramm sind für eher kleines Geld zu haben.

    Finanzrisiko für Ausrichter

    Auch beim Geldverdienen gibt es grundsätzliche Unterschiede. Bei der Formel 1 fließt jeder Cent aus Werbung und TV-Rechten in die Kasse des Ecclestone-Konzerns. Dem Ausrichter bleiben dagegen nur die Ticketgelder, von denen er Fahrergeld und einen gigantischen Organisationsaufwand bezahlen muss. Weniger Kosten und doppelte Einnahmemöglichkeiten hat dagegen der ADAC. Der freut sich nicht nur über jeden zahlenden Besucher, er hat mit seinem Stuttgarter Messepartner auch jeden Quadratmeter Gelände im Innenfeld der Rennstrecke vermietet. Auf 240 000 Quadratmeter präsentierten sich am vergangenen Wochenende Lkw-Hersteller, Speditionen und Zulieferer im Fahrerlager und den angrenzenden Bereichen.

    Der Truck-Grand-Prix ist aber nicht nur ein gänzlich anderes Geschäftsmodell. Er zeigt auch, dass Motorsportveranstaltungen heute mehr bieten müssen als spannende Rennen. Sport, Musik, Unterhaltung, Information und ganz nah am Geschehen sein dürfen - das verkörpert der Truck-Grand-Prix.

    Dagegen steht die Formel 1 für ein System aus Distanz, Geschäft und hohen Kosten. Eine grenzenlose Arroganz verkörpert die Formel 1. Steril und selbstverliebt. Das sieht selbst einer ihrer Protagonisten so. "Das System Formel 1 glaubt, dass man alles bevormunden, kontrollieren, überwachen und regulieren muss", sagt Niki Lauda. Und damit meint er nicht nur ein permanent wechselndes Reglement der Serie und Teams, die von den Leitständen in der Box ihren Fahrern sprichwörtlich den Fuß vom Gas nehmen können.

    Doch auch wenn die Mängel offenkundig sind, ändert sich wenig oder nichts in der Formel 1, um sich dem Publikum attraktiver zu präsentieren. Fahrer, Boliden und Teams werden in einem Hochsicherheitstrakt namens Fahrerlager abgeschirmt. Autogrammstunden der Fahrer werden in homöopathischen Dosen für eine überschaubare Klientel angeboten, bei Führungen durch die Boxengasse am Donnerstag für das gemeine Volk bleibt manche Garagen mitunter ganz zu. Ein Rahmenprogramm außerhalb der Rennen - Fehlanzeige. Richtig begriffen, wie Volksnähe geht, hat die Königsklasse immer noch nicht. Dafür ist man groß in Ausreden: Mal war das Wochenende zu nass, mal zu heiß, wenn mal wieder vor gähnend leeren Tribünen gefahren wurde.

    Doch selbst wenn die Formel 1 sich im kommenden Jahr radikal erneuert, dürfte es schwer werden, die Massen wieder in die Motorsportarenen zu locken. Der Fetisch Auto hat an Attraktivität massiv eingebüßt. Längst nicht mehr jeder 17- oder 18-Jährige sehnt den Tag der Führerscheinprüfung herbei - vor allem in den Großstädten nicht. Das Auto ist als Fortbewegungsmittel zwar nach wie vor Nummer eins, nur als Statussymbol taugt es immer weniger. Und damit sinkt auch das Interesse am Motorsport. Ob Henry Ford, der einmal gesagt haben soll, "das letzte Auto, das gebaut wird, wird ein Sportwagen sein", Recht behält, darf mittlerweile bezweifelt werden.

    Was Capricorn-Chef Robertino Wild sicherlich nicht davon abhalten wird, alles zu versuchen, die Formel 1 zurück an den Ring zu holen. Aber sicherlich wird er das nicht um jeden Preis tun.

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