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    Koblenz

    Schulte-Wissermann: Ich hatte immer Glück im Leben

    Nach fast 16 Jahren Amtszeit übergibt der Koblenzer Oberbürgermeister das Rathaus an seinen Nachfolger - Entscheidung für neues Schwimmbad hätte er gerne noch mitgetroffen

    Blick zurück ganz ohne Zorn: Gut gelaunt zeigt sich Dr. Eberhard Schulte-Wissermann im Interview.
    Blick zurück ganz ohne Zorn: Gut gelaunt zeigt sich Dr. Eberhard Schulte-Wissermann im Interview.
    Foto: Thomas Frey

    Koblenz - Nach fast 16 Jahren Amtszeit übergibt der Koblenzer Oberbürgermeister das Rathaus an seinen Nachfolger -  dann endet die Ära Eberhard Schulte-Wissermann. In seinem Dienstzimmer trafen wir den 67-Jährigen und blickten gemeinsam mit ihm auf eine bewegte Zeit zurück.

     

    Das Interview mit Dr. Eberhard Schulte-Wissermann im Wortlaut:

     

    Herr Oberbürgermeister, nach so vielen Jahren im Amt scheidet man sicher mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Was überwiegt bei Ihnen?

     

    Ich versuche, die Emotionen zurückzudrängen und bei der Normalität zu bleiben. Es ist noch eine Menge abzuarbeiten. Und ich werde dann nicht nur spazieren gehen. Ich gehe zurück in den Anwaltsstand, aber nicht, um zu malochen, sondern zur Freude.

     

    Wenn Sie noch einmal zu entscheiden hätten, was würden Sie anders machen?

     

    Also, ich habe immer Glück gehabt im Leben. Ich bin mit meiner Frau seit 41 Jahren verheirat. Ich war gerade 18 Jahre alt, als ich Abitur gemacht habe. Die Bundeswehr hatte mich noch gar nicht gemustert. Da habe ich angefangen, Jura zu studieren.

     

    Anwalt war immer Ihr Ziel?

     

    Mein Vater war Anwalt, und er war immer ein großes Vorbild für mich. Wenn andere Kinder gesagt haben: "Ich werde Lokomotivführer", habe ich gesagt: "Ich werde Anwalt." So habe ich begonnen, war sehr schnell fertig und habe dann Volkswirtschaft studiert. 1973 habe ich die Praxis eröffnet. Es war eine wunderbare Zeit.

     

    Und wie führte Sie der Weg dann ins Rathaus?

     

    Das war ein Seiteneinstieg. Ich war seit 1970 in Ausschüssen tätig, sei 1974 im Rat. Aber es war nicht mein Ziel, Oberbürgermeister zu werden.

     

    Aber damit haben Sie es von der Pike auf gelernt ...

     

    Natürlich, ich habe viel an Erfahrung gehabt. 1992 hat man mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zur Urwahl anzutreten. Da sagt man nicht spontan: Oh ja! Ich hatte eine tolle Praxis, und die lief rund. Ich musste auch mit meiner Frau reden. Und die war gar nicht begeistert. Es war ein langer Abwägungsprozess.

     

    Und auch ein Wagnis - es war eine ganz andere politische Konstellation. Dass ein SPD-Kandidat als Oberbürgermeister gewählt werden sollte, das war in Koblenz ein politisches Erdbeben.

     

    Die CDU hatte immer ihre Oberbürgermeister deswegen, weil sie im Rat die Mehrheit hatte und der Oberbürgermeister vom Rat gewählt wurde. 1994 kam zum ersten Mal die Urwahl. Viele haben nicht daran gedacht, dass es gelingen könnte, gegen Peter Knüpper zu gewinnen. Aber es gab auch eine Wechselstimmung.

     

    Am Ende hatten Sie 28 Stimmen Vorsprung ...

     

    Der Wahlkampf war 1994 solide und gut geführt. Es standen nachher alle hinter meiner Kandidatur.

     

    Glauben Sie, dass es heute schwerer wäre, wenn ein klar bekennender SPD-Kandidat antreten würde?

     

    Nicht, wenn der klar bekennende Sozialdemokrat in den Augen der Bürger gute Arbeit macht und das Vertrauen hat. Das ist das Entscheidende bei den Bürgern.

     

    Glauben Sie, dass Ihr Nachfolger Joachim Hofman-Göttig auch als SPD-Kandidat gewonnen hätte?

     

    Das ist Spekulation. Aber er ist eine starke Persönlichkeit, es hätte wohl auch klappen können. Wobei klar ist: Die FBG zum Beispiel hätte sich wohl nicht so klar für ihn ausgesprochen, wenn sie hätten sagen müssen: Wir hüpfen auf das Ticket der SPD auf. Das gilt auch für andere.

     

    Wie sehr bleibt man denn Sozialdemokrat im Amt des OB?

     

    Ich bin ein waschechter 68er. Ich war in Bonn, als die Demonstrationen liefen. Das waren spannende Jahre. Sozialdemokrat bin ich immer geblieben.

     

    Haben Sie deshalb im Amt immer "SPD-Entscheidungen" getroffen?

     

    Ich habe hin und wieder eine Politik vertreten, die nicht von der sozialdemokratischen Fraktion getragen wurde. Als Oberbürgermeister muss man, wenn man die Unabhängigkeit des Amts ernst nimmt, auch zeigen, dass man kein Erfüllungsgehilfe ist.

     

    Sie schreiben sich Dinge, die Ihnen wichtig sind, oft sehr persönlich auf die Fahne. Wie leicht wird es Ihnen fallen, das alles jetzt abzugeben und Dinge offen zu lassen?

     

    Es ist schon ein Stück meiner Persönlichkeit, dass man möglichst in allen Dingen drinsteckt. Ich habe auch eine entsprechende Ausbildung, dass ich in vielen Dingen einen Überblick habe.

     

    Eine Baustelle, wie den Zentralplatz, hinterlassen Sie nicht gerne. Zuletzt gab es eine Rüge vom Oberverwaltungsgericht zum Bebauungsplan ...

     

    Das will ich am 22. April voll reparieren. Die Reparatur ist auch nicht kompliziert.

     

    Gibt es weitere Baustellen, die Sie Ihrem Nachfolger hinterlassen?

     

    Natürlich, Sie können nicht einfach einen Schnitt machen und sagen: Das war meine Zeit, und du fängst jetzt bei null an. Wir haben sehr oft schon miteinander geredet. So ist es auch beim Stadtrat: Der fängt nach der Wahl auch nicht jeweils bei Null an.

     

    Sie sind ein richtiger Aktenfresser, auch am Wochenende im Rathaus zu finden. Ist das eine Eigenart von Ihnen? Oder muss man als Verwaltungschef bis ins letzte Detail informiert sein?

     

    Ob das ein Muss ist, weiß ich nicht. Aber es ist sinnvoll. Es ist meine feste Überzeugung, dass Sie als Oberbürgermeister ab und zu mal sagen können: "Davon weiß ich nichts." Aber Sie sollten es möglichst vermeiden.

     

    Wie schwierig ist es für Sie, von Ratsbeschlüssen abhängig zu sein?

     

    Das ist ein Wechselspiel. Klar ist, dass in einer Demokratie demokratisch gefasste Beschlüsse des Rates zu beachten sind. Es gibt aber durchaus die Möglichkeit des OB, davon abzusehen, wenn er der Auffassung ist, dass das wirtschaftlich alles nicht mehr passt.

     

    Gab es viel zu beanstanden?

     

    Es kam selten vor, dass der Rat einen Beschluss gefasst hat, der nach meiner Auffassung rechtswidrig war. Klar ist, dass ich manche Beschlüsse ausführe, bei denen ich denke, das ist nicht so, wie ich es mir vorstelle. Aber ich muss sie trotzdem ausführen.

     

    Wie sehr hat Sie das Amt in den fast 16 Jahren verändert?

     

    Ich bin derselbe geblieben. Fragen Sie mal die Moselweißer: Wenn ich in die Kneipe gehen, sagen die Leute zu mir immer noch Eberhard.

     

    Gibt es eine gewichtige Entscheidung in Ihrer Amtszeit, die Sie heute anders treffen würden?

     

    Wenn es um wichtige Entscheidungen ging, meine ich, dass ich aus damaliger Sicht richtig entschieden habe.

     

    Hätten Sie gerne noch etwas abgeschlossen, bevor Sie aus dem Amt scheiden?

     

    Ich hätte gerne über das neue Schwimmbad für Koblenz noch in einem Grundsatzbeschluss entschieden.

     

    Erwarten Sie denn noch eine Entscheidung im April?

     

    Das glaube ich nicht. Aber vielleicht klappt"s doch noch. Jetzt haben wir so lange über dieses marode Bad in der Weißer Gasse diskutiert ...

     

    Angesichts der finanziellen Lage der Kommune und der neuen Konstellation im Rat: Ist es für Sie der richtige Zeitpunkt aufzuhören?

     

    Der Wähler hat mir ohnehin eine beschränkte Amtszeit vorgegeben, die wäre Anfang Oktober zu Ende gewesen.

     

    Hätten Sie es denn gerne noch einmal versucht?

     

    Eine Wiederwahl wäre nicht möglich gewesen: Ich hätte zum Zeitpunkt der Wahl noch nicht 65 Jahre sein dürfen. Das ist eine Frage, die sich also überhaupt nicht stellt. Ich bin jetzt 67. Ich hätte schon gerne die Buga eröffnet. Aber das war ohnehin unmöglich.

     

    Der Gestaltungsspielraum eines Oberbürgermeisters ist doch aber sehr begrenzt, wenn die Stadt einen Riesen-Schuldenberg hat?

     

    Auch die Stadt Koblenz ist in finanziellen Schwierigkeiten, aber nicht so, wie andere Städte, die längst abgesoffen sind. Ich bin an die Frage, wie man die Wirtschaftskraft der Stadt stärken kann, anders als andere Oberbürgermeister herangegangen. Wir haben ein Leitbild erstellt, das 1999 beschlossen wurde. In einer zweiten Runde haben wir dann einen Maßnahmenkatalog entworfen. Es war klar: Die Stadt braucht einen Ruck, sie braucht ein Leitprojekt.

     

    Welches?

     

    Mir wurde schnell immer klarer: Es musste die Buga sein. Schauen Sie sich mal die vielen Baustellen in der Stadt an. 28 Millionen Euro setze ich ein, eine halbe Milliarde generiere ich. Das heißt, mit diesem Leitprojekt bringe ich Koblenz sprunghaft in den nächsten drei Jahren auf Vordermann, auf die Höhe der Zeit. Nur mit diesem großen Leitprojekt haben Sie die Mittel binden können.

     

    Und die Schulden?

     

    Natürlich haben wir Schulden. Aber bis zum 31. Dezember 2009 haben wir, gemessen an der Position von 1994, weniger Schulden. Richtig ist, dass wir im Jahre 2010 wegen des Wegbrechens der Gewerbesteuer und anderer Einnahmequellen ein nicht unbeträchtliches Defizit haben.

     

    Wo werden Sie im Mai zu finden sein?

     

    Wir haben vor, mit dem neuen Wohnmobil zwei Monate wegzufahren. Und das gar nicht so weit weg: über Frankreich, die Bretagne, Spanien, Portugal, Gibraltar ...

     

    ... gar nicht so weit ...

     

    Naja, wir sind zwei Monate unterwegs. Das haben wir noch nie gemacht. Wir waren sonst immer nur in Griechenland, bestimmt 30 Mal. Und im nächsten Jahr geht es dann vielleicht doch nach Amerika.

     

    Aber dann ohne das Wohnmobil, oder?

     

    Nein, mit. Das wird mit dem Schiff rübertransportiert. Wenn man drei, vier Wochen dort ist, hat man die Kosten dafür locker raus. Und man hat sein eigenes Wohnmobil dabei. Ein gemietetes muss man erst einrichten - vom Geschirr bis zur Bettwäsche.

     

    Gibt es irgendetwas, das Sie aus Ihrer Zeit als Oberbürgermeister gar nicht vermissen werden? Fassanstiche, Grußworte ...?

     

    Ach, wissen Sie: Alles hat seine Zeit. Das Leben läuft in Phasen, das muss man akzeptieren. Für mich ist alles sehr gut gelaufen. Ich habe im Leben viel Glück gehabt.

     

    Das Gespräch führten Peter Burger, Edgar Konrath, Doris Schneider und Ingo Schneider

     

    Koblenzer Oberbürgermeister wird ins Amt eingeführtPersönlich: Eberhard Schulte-Wissermann
    Rheinland-Pfalz
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