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    Nürburgring-Pächter im RZ-INTERVIEW: Nürburgring kann auch ohne Formel 1 laufen

    14 Monate sind die Unternehmer Jörg Lindner und Kai Richter Pächter des Nürburgrings. Beide glauben fest daran, dass sich an der Rennstrecke gutes Geld verdienen lässt, wenn die Konzepte stimmen.

    Intensive Begegnung am Nürburgring: Uli Adams, Autoexperte und Redaktionsleiter in Bad Neuenahr, Landeskorrespondent Dietmar Brück und Chefredakteur Christian Lindner im Gespräch mit Jörg Lindner, dem Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH, und Kai Richter, dem Generalbevollmächtigten dieses Unternehmens (von rechts).
    Intensive Begegnung am Nürburgring: Uli Adams, Autoexperte und Redaktionsleiter in Bad Neuenahr, Landeskorrespondent Dietmar Brück und Chefredakteur Christian Lindner im Gespräch mit Jörg Lindner, dem Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH, und Kai Richter, dem Generalbevollmächtigten dieses Unternehmens (von rechts).
    Foto: Gausmann-Pressebild

    Rheinland-Pfalz. 14 Monate sind die Unternehmer Jörg Lindner und Kai Richter Pächter des Nürburgrings. Beide glauben fest daran, dass sich an der Rennstrecke gutes Geld verdienen lässt, wenn die Konzepte stimmen.

    Im Gespräch mit unserer Zeitung zogen sie Bilanz und blickten nach vorn.

     

    Ihr Einstieg am Nürburgring, war es die größte Herausforderung Ihres beruflichen Lebens? Ihr größter Fehler? Oder beides?

     

    Richter: Die größte Herausforderung war es auf jeden Fall. Ob es der größte Fehler war, wird sich noch zeigen.

     

    Lindner: Für mich war es auf gar keinen Fall ein Fehler. Es ist eine sehr interessante und abwechslungsreiche Erfahrung. Und eine Herausforderung ist es auf jeden Fall, die wir mit einem hoch motivierten Team bewältigen.

     

    Welche Verhältnisse haben Sie vorgefunden, welches Geflecht an Geschäftsbeziehungen?

     

    Richter: Als der Freizeit- und Geschäftspark geplant wurde, musste bereits jedem klar sein, dass sich die Betreiber des Nürburgrings von einer Vermietungs- zu einer Dienstleistungsgesellschaft wandeln müssen. Das war in allen Prognosen klar erkennbar. Nur war dieser Wandel noch lange nicht vollzogen. Damit haben wir quasi am 1. Mai 2010 im Zuge der Neuordnung erst richtig begonnen.

     

    Anders gefragt: Wie gut oder wie schlecht ist der Nürburgring vor Ihrem gemeinsamen Engagement im Mai 2010 vermarktet worden? Und wer hat damals am meisten profitiert?

     

    Lindner: Das ist nicht unsere Aufgabe, das zu bewerten. Wir wollen hier viele Dinge verändern. Das freut nicht jeden. Aber wir glauben, dass das für den Nürburgring und die Region eine positive Veränderung bringen wird.

     

    Dafür, dass Sie deswegen in der Öffentlichkeit ausgesprochen hart angegangen werden, äußern Sie sich ausgesprochen nobel.

     

    Lindner: Viele Sachen, die an uns herangetragen werden, fußen auf einer schlechten Informationslage. Wenn ich mir alles, was gesagt, geschrieben und gesendet wurde, zu Herzen nehmen würde, wäre ich längst schreiend davongelaufen.

     

    Beim beigelegten Streit um den Industriepool, also um die Testfahrten großer Autofirmen am Ring, beklagten Sie, die „Nordschleife“ sei viel zu billig abgegeben worden.

     

    Lindner: Das war auch so. Und das haben wir inzwischen verändert. Uns gelang es erstmalig, einen Vertrag auf drei Jahre abzuschließen. Am Ende profitierten alle.

     

    Die Preispolitik der Automotive GmbH, der Pächterin des Rings, ist generell eine andere. Warum?

     

    Richter: Firmen haben am Nürburgring vor uns Mietpreise bezahlt, um die Strecke in vielfältiger Weise zu nutzen, die auf dem Niveau der vergangenen Jahre eingefroren waren. Zugleich ist der finanzielle Aufwand Jahr für Jahr gewachsen, um Motorsport überhaupt möglich zu machen. Diese zusätzlichen Kosten sind aber allein beim Ring geblieben. Ich denke zum Beispiel daran, welcher finanzielle Aufwand nötig ist, um die Betriebsgenehmigung für die Nordschleife und die Grand-Prix-Strecke zu bekommen. Diese Kosten müssen umgelegt werden, um den Nürburgring wirtschaftlich betreiben zu können. Diejenigen, die sich unsere Argumente angehört haben, hatten meist Verständnis. Aber viele haben sich auch gar keine Argumente angehört.

     

    Arbeiten Sie im Moment kostendeckend?

     

    Richter: Beispielsweise im Touristenfahrerbereich oder beim Industriepool haben wir es geschafft, die Mehrkosten, die den Nürburgring belasten, wieder einzunehmen. Zeiten wurden geändert, mehr Streckenzeiten bereitgestellt. Wir konnten aber auch neue Kunden gewinnen.

     

    Die Pacht, die Sie zahlen müssen, steigert sich langsam: von 5 auf 10, dann auf 15 Millionen Euro. Sind Sie optimistisch, dass der Ring so viel abwirft?

     

    Lindner: Sonst säßen wir nicht hier.

     

    Inzwischen haben Sie die Geschäftsbereiche am Ring gründlich analysiert. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gekommen?

     

    Richter: Das ist in der Tat geschehen. Inzwischen können wir genau sagen, welche Einrichtungen kein Geld verdienen.

     

    Jeder Laie sieht, dass Boulevard, Event-Center und Arena nicht funktionieren. Was haben Sie damit vor?

     

    Richter: Beim Boulevard gebe ich Ihnen nur bedingt recht. Er ist nicht als Flaniermeile zu verstehen und auch nicht als Factory-Outlet-Center. Wir bieten vielmehr Kubatur, also wettergeschützten umbauten Raum, und damit Ausstellungsfläche für Meetings, Kongresse und Events. Hier kaufen nicht dauerhaft Hunderte von Menschen Stoßdämpfer oder Bremsscheiben. Wir vermieten den Boulevard bei Veranstaltungen und gewinnen auch neue Veranstaltungen. Anders ist es mit der Arena und dem Warsteiner Event-Center. Beide sind nicht wirtschaftlich zu betreiben, müssen baulich verändert werden.

     

    Lindner: Der Boulevard ist ein echter Wettbewerbsvorteil. Die Veranstalter, die auf der Rennstrecke sind, können sich hier präsentieren – in einem wettergeschützten, sehr zuschauerfreundlichen Rahmen. Das ist recht einmalig.

     

    Es muss also nichts abgerissen, sondern nur umgebaut werden.

     

    Lindner: Wir arbeiten derzeit Ideen aus, um diesen Raum wirtschaftlich nutzen zu können. Alle Ideen drehen sich um das Thema Mobilität. Zudem brauchen wir neue Veranstaltungsmöglichkeiten.

     

    Wie verstehen Sie den Nürburgring grundsätzlich? Als Basis für Motorsport oder als Basis für Tourismus?

     

    Lindner: Motorsport ist die Basis des Nürburgrings, aber dennoch glauben wir, dass er auch ein Teil der touristischen Aufgabe ist. Wir wollen, dass Gäste hier länger verweilen. Der Nürburgring steht ja nicht nur für Motorsport. Er steht auch für Rock am Ring und für Rad am Ring oder den Hindernislauf „Fisherman's Friend Strongman Run“. Außerdem freuen wir uns über einen sehr starken Geschäftstourismus – etwa in Form von Messen und Ausstellungen. Allein von November bis Februar verzeichneten wir 25 000 Übernachtungen in den Hotels.

     

    Sie wollen und müssen also den Anteil des Motorsports am Ring zurückfahren?

     

    Lindner: Nein, auf keinen Fall. In diesem Bereich machen wir nachweislich nicht die geringsten Einschränkungen. Uns geht es vielmehr darum, zusätzliche Angebote zu schaffen.

     

    Wie hat sich das Partydorf „Grüne Hölle“ entwickelt?

     

    Richter: Derzeit entscheidet sich, sie als Party-Location zu etablieren oder sie im reinen Businessbereich auszubauen. Im Partybereich werden wir sie nur mit der Region gemeinsam vermarkten können. Denn für dieses Segment brauchen wir Übernachtungskapazitäten, die wir insbesondere zur Saison nicht allein bieten können. Zieht die Region am Ring nicht mit, müssen wir uns auf den Businessbereich konzentrieren.

     

    Landesregierung, Nürburgring GmbH und Aufsichtsrat glaubten Ringboss Walter Kafitz einst, dass jährlich rund zwei Millionen Menschen zum Ring zu ziehen sind. Welchen Zahlen glauben Sie?

     

    Richter: Wir glauben nur noch den Zahlen, die wir selbst evaluiert haben. Die ursprünglichen Prognosen, die die Basis für unsere Investitionen waren, wurden so weit unterschritten, das hätten wir uns in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Wenn wir auf ein Drittel der zwei Millionen kommen, ist das eine Zahl, die realistisch sein kann.

     

    Wie froh sind Sie, dass nach der Landtagswahl Innenminister Roger Lewentz und nicht Ring-Kritikerin Eveline Lemke für den Nürburgring zuständig ist?

     

    Richter: Diese Bewertung steht uns nicht zu, und wir wollen diesen Vergleich gar nicht anstellen. Was uns freut: Minister Lewentz interessiert sich sehr für unsere Arbeit – bis ins Detail. Und die neue Ministerin Lemke hat uns am 14. Juli besucht, was uns ebenfalls sehr gefreut hat.

     

    Der Vertrag für die Formel 1 läuft 2011 aus. Wie geht es weiter? Und wer verhandelt überhaupt mit Formel-1-Macher Bernie Ecclestone?

     

    Richter: Wir verhandeln mit Herrn Ecclestone im Auftrag des Landes. Wir sind ausgesprochen glücklich, dass wir Karl-Josef Schmidt, einen absoluten Kenner des Renngeschäfts, für die Geschäftsführung gewinnen konnten und mit ihm auch dieses Thema angehen können. Jetzt stehen wir vor der Aufgabe, die Formel 1 zu verlängern und die Konditionen zu verbessern.

     

    Lindner: Die Wertschöpfung, die mit der Formel 1 in der Region verbunden ist, ist enorm. Das darf man bei der Diskussion nicht vergessen.

     

    Rot-Grün will den Zuschuss zur Formel 1 drastisch runterfahren. Wie geht es mit dem Rennbetrieb weiter?

     

    Richter: Neben dem aktuellen Rennen wird es im Laufe der Legislaturperiode noch ein weiteres Rennen geben – also 2013 oder 2015.

     

    Lindner: Der reduzierte Landeszuschuss verlangt von uns ein ambitioniertes Konzept, das Ecclestone interessiert, obwohl er weniger Geld bekommt.

     

    Ecclestone braucht den Nürburgring nicht. Haben Sie einen Plan B, wenn sie die Formel 1 verlieren?

     

    Lindner: Das trifft die Region unter Umständen härter als uns. Wir können durchaus spannende alternative Angebote entwickeln.

     

    Richter: Es gibt zwar viele Rennstrecken in der Welt, aber viele sind auch nicht halb so attraktiv wie der Nürburgring. Denn nach Monaco kommt schon der Ring. Das weiß auch Ecclestone.

     

    Herr Richter, die Staatsanwaltschaft hat gegen Sie bereits das zweite Verfahren wegen Untreue eröffnet. Wie gehen Sie damit um?

     

    Richter: Es geht um den Anfangsverdacht der Untreue. Wir tun hier alles, um die Staatsanwaltschaft zu unterstützen, das Verfahren schnell zu Ende zu bringen und die Vorwürfe zu entkräften.

     

    Der Bericht des Landesrechnungshofs zeichnet von Ihnen nicht eben das Bild eines ehrenwerten Kaufmanns. Welche Fehler haben Sie gemacht?

     

    Richter: Man muss die Komplexität verstehen. Wir haben das bargeldlose System zunächst nur für unsere eigenen Immobilien entwickelt. Da funktioniert auch alles. Auf die Baustellen des Nürburgrings hatten wir hingegen keinen Einfluss. Wir sind jetzt erst nach 24 Monaten – also zwei Jahre später als geplant – in der Lage zu sagen, dass alle Veranstaltungen am Nürburgring bargeldlos funktionieren und wir die automatischen Zugangskontrollen einsetzen können. Und wenn Sie mich nach dem Fehler fragen: Heute würde ich nie eine Gesellschaft mit einem Teilbereich eingehen, dessen Erfolg ich nicht selbst verantworten kann.

     

    Andere sagen, Sie haben mit sich selbst Geschäfte gemacht.

     

    Richter: Natürlich versuche ich, wie jeder Geschäftsmann, Geld zu verdienen. Dabei orientiere ich mich an marktgerechten Konditionen, und wenn ich Leistungen wettbewerbsgerecht und günstiger anbieten kann, ist das auch in Ordnung.

     

    Der Fall gesetzt, es kommt zu einer Anklage gegen Sie. Ziehen Sie sich dann aus der aktiven Geschäftsführung der Automotive GmbH zurück?

     

    Richter: Zunächst bin ich neben der Familie Lindner hälftiger Eigentümer des Unternehmens. Die Frage stelle ich mir deshalb erst dann, wenn es so weit sein sollte.

     

    Die Eine-Million-Dollar-Frage: Wann wird die Achterbahn Ring-Racer endlich laufen?

     

    Richter: Sicherheit geht vor. Der Ring-Racer wird zeitnah in Betrieb gehen. Wir brauchen allerdings die Unterstützung der Kreisverwaltung und hoffen auf eine schnelle Genehmigung.

     

    Zum Abschluss möchten wir wissen: Welches Auto fahren Sie, und was ist Ihre Bestzeit auf der Nordschleife?

     

    Lindner: Ich bin Oldtimerfahrer und habe einen Jaguar MK II, Baujahr 1959, und ein schnelles Alltagsfahrzeug. Über die Nordschleife bin ich erst drei Runden gefahren und eine gejoggt. Letzteres werde ich dieses Jahr wiederholen.

     

    Richter: Ich fahre einen Landrover. Mein persönliches Ergebnis auf der Nordschleife möchte ich lieber nicht veröffentlichen.

     

    Das Gespräch führten Chefredakteur Christian Lindner, Uli Adams und Dietmar Brück

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