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Nach der Flut sitzt bei vielen der Schock tief: Im Kreis Birkenfeld hat das Aufräumen begonnen

Nach den schweren Unwettern am Wochenende in Rheinland-Pfalz warnt der Deutsche Wetterdienst erneut vor lokalen Überschwemmungen. Vor allem am Dienstag müsse mit heftigen Unwettern mit Starkregen und Sturzfluten gerechnet werden. Unterdessen hat im Kreis Birkenfeld das große Aufräumen begonnen. Die Orte Fischbach und Herrstein waren unter Wasser.

Manuel Fischer hat noch mit aller Kraft versucht, seine Haustür zuzuhalten. Doch gegen die Flut hatte er keine Chance: Innerhalb von kurzer Zeit stand sein Haus fast zwei Meter unter Wasser. „So was habe ich noch nie erlebt“, sagte der 27-Jährige, als er die Schlammmassen aus Küche, Bad und Eingang schob. „Alles kaputt. Ich stehe vor dem Nichts.“ Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben, wie vielen anderen Bürgern in Fischbach und Herrstein (Kreis Birkenfeld) – am Tag nach den extrem heftigen Regenfällen, die in der Region zu Überflutungen bislang nicht gekannten Ausmaßes geführt haben.

Am schlimmsten traf es das Fischbachtal. Innerhalb weniger Minuten stiegen die Pegelstände. Vom zunächst niedergegangenen Starkregen waren die Orte Bruchweiler, Schauren, Kempfeld und Hottenbach betroffen. Hochwasser entstand dadurch in Herrstein, Niederwörresbach, Oberwörresbach, Fischbach und im Idar-Obersteiner Stadtteil Tiefenstein.

Der Fischbach war bei dem Starkgewitter derart angeschwollen, dass er als reißender Strom durch das Tal drückte. Mindestens 50 Autos wurden mitgerissen und mussten von Helfern eingesammelt und geborgen werden – darunter auch 20 Privatfahrzeuge von freiwilligen Einsatzkräften der Feuerwehr Herrstein, die der Bach einfach zusammengeschoben hatte. „Ich habe das hier so noch nicht mitgemacht“, sagte Wehrleiter Nils Heidrich. „Die Fahrzeuge der Kameraden sind über den Hof geschwommen, das ist alles zusammengeschoben und Schrott.“ Das Feuerwehrgerätehaus war binnen wenigen Minuten überflutet, was die Einsatzfähigkeit der Wehr stark minderte.

Häuser sind einsturzgefährdet

Hunderte Gebäude sind von der Unwetterkatastrophe betroffen. Der Büroleiter der Verbandsgemeinde Herrstein, Klaus Görg, sagte: „Wir haben wirklich schon Hochwasser gehabt, aber in der Kürze der Zeit noch nie solche Wassermassen. Da kann keiner was machen.“ Zum Glück gab es keine Verletzten.

In den Ortslagen Herrstein und Fischbach stellte sich die Lage besonders drastisch dar. Hausbewohner konnten ihre Häuser aufgrund des immer weiter ansteigenden Wasserpegels nicht mehr verlassen. Aus Fischbach wurde gemeldet, dass zwei Häuser an der Hauptstraße einzustürzen drohten und deren Bewohner am Fenster standen und um Hilfe riefen.

In die Herrsteiner Schule schwemmte eine gewaltige Gerölllawine. Görg sagte: „Da steht 60 Zentimeter der Schlamm drin.“ Und in Niederwörresbach lief das Wasser durch das Sportleistungszentrum. Größerer Schaden ist auch bei zwei Industriebetrieben entstanden. Wie lange die Aufräumarbeiten dauern, weiß keiner. „Wir sind sehr dankbar für die vielen Helfer auch aus benachbarten Landkreisen“, sagte Görg.

Das Ausmaß der Schäden ist noch nicht überschaubar, es dürfte aber in die Millionen gehen, schätzt die Polizei. In Fischbach wurden die einsturzgefährdeten Häuser zum Teil schon von Statikern in Augenschein genommen. Sie sind geräumt, sodass keine Gefahr mehr für Bewohner besteht. Bei Tagesanbruch verschaffte sich die Polizei per Hubschrauber einen Überblick über das Ausmaß der Schäden. Die L 160 bleibt über einen Teilabschnitt wohl für einige Tage voll gesperrt.

Auch in Idar-Oberstein waren am Montagmorgen die Aufräumarbeiten in vollem Gang. Wasser war in den Heizungsraum der Stadenhalle eingedrungen, die zum Sportgelände im Idar-Obersteiner Stadtteil Tiefenstein gehört. Das Gelände ist insgesamt schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Malu Dreyer verspricht Hilfe

Dass die Folgen der Regenfälle so schlimm ausfielen, hing laut Görg auch damit zusammen, dass das Gewitter über der Region hängenblieb und nicht weiterzog: „Wir hatten eine Stunde lang extremen Hagel und extremen Regen.“ Die Stromversorgung brach teils zusammen. Jetzt müsse den Bürgern schnell und unbürokratisch geholfen werden, forderte Görg. Die Landesregierung will genau daran arbeiten. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die sich am Montagabend vor Ort ein Bild der Lage machte, sagte: „Bereits morgen werden wir im Rahmen der Sitzung des Ministerrates beraten, wie wir den betroffenen Regionen Hilfe leisten können.“ Die Sanierung der Kita und der IGS Herrstein, die ebenfalls durch das starke Unwetter beschädigt wurden, werde das Land finanziell unterstützen.

Hilfe ist auch dringend nötig. Denn viele Betroffene stehen vor einem Scherbenhaufen. Wie Ulrich Schäfer. Sein Garten ist übersät mit Ästen, Geröll und Steinen ohne Ende. „Der Fluss ging genau hier drüber“, sagte er mit Tränen in den Augen. Die Wasserfluten rissen alles mit. Sogar Tiere blieben nicht verschont: „Bei uns wurde ein Kälbchen angeschwemmt, das sich hier auf einen Damm rettete“, erzählte Nachbar Reiner Schäfer. Zumindest die tierische Geschichte endete glücklich: Der Besitzer wurde ausfindig gemacht – und das Kälbchen zurück zum Muttertier gebracht.

Von Andreas Nitsch, Vera Müller, Kurt Knaudt, Stefan Conradt und Birgit Reichert

Meteorologe im Gespräch: Was steckt hinter den enormen Wassermassen in ganz kurzer Zeit?

Starkregen, Hagel und Blitzschlag: Auch in den kommenden Tagen drohen in der Region heftige Unwetter. „Es wird nur wenige Gemeinden treffen. Aber die entsprechend heftig“, warnt der Meteorologe Björn Goldhausen. Der Westerwälder ist für Wetteronline.de in Bonn tätig. Er vergleicht die aktuelle Wetterlage mit der von Juni 2016.

Meteorologe Björn Goldhausen
Meteorologe Björn Goldhausen

Stromberg traf es damals am schlimmsten. Die Stadt im Hunsrück wurde von extremen Regenfällen überrascht. Bewohner mussten mit Booten aus ihren überfluteten Häusern gerettet werden. Der Ort war zeitweise ohne Strom. Ähnliches spielte sich am Sonntag in Herrstein und anderen Gemeinden im Kreis Birkenfeld ab.

Goldhausen beschreibt das Phänomen: Wenn das Unwetter auftritt, bewegt es sich ganz langsam. Es scheint so, als würde es ein bis zwei Stunden über einer Stelle verharren. In dieser Zeit fallen enorme Wassermassen zu Boden. Mitunter 150 Liter pro Quadratmeter. Also doppelt so viel wie in einem gesamten Monat seien möglich. „So viel Wasser in so kurzer Zeit. Da kann keine Kanalisation, kein Dorfbach mithalten“, verdeutlicht der Wetterexperte.

Ähnlich sieht es Roland Weisz vom rheinland-pfälzischen Landesverband der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall in Hennef (Sieg). „Für solche Extremniederschläge kann keine Kanalisation ausgelegt werden. Wasser sucht sich seine eigenen Wege“, sagt der Bauingenieur. Die Folge sind heftige Überschwemmungen. Und genau diese Problematik rückte im Sommer 2016 in den Fokus der Öffentlichkeit, als Stromberg und andere Kommunen im Land von heftigen Unwettern überrascht wurden.

Die Bilder von unscheinbaren Bächen, die plötzlich über die Ufer traten und Straßen und Häuser überschwemmten, haben heute noch viele vor Augen. Seitdem hat sich einiges getan, wie Ralf Schernikau, Referent für Hochwasserschutz im Mainzer Umweltministerium, berichtet. Das Problem sei erkannt. Es wurden und werden individuelle Hochwasserkonzepte vor Ort erstellt. Schon 300 Kommunen machen mit. Ziel ist es, die Schäden bei künftigen Unwetter zu verringern. Schernikau spricht von einer Gemeinschaftsaufgabe, an der sich betroffene Bürger, die Kommunen und der Staat beteiligen. Experten stehen ihnen bei der Planung der Konzepte zur sogenannten Hochwasser- und Starkregenvorsorge mit Rat und Tat zur Seite. Es geht zum Beispiel um ausreichende Ausrüstungen der Feuerwehren mit Schlammpumpen, aber auch um die Sicherheit der Stromversorgung oder darum, wie sich jeder Hausbesitzer mit einfachen Maßnahmen selbst schützen oder mit einer Elementarschadenversicherung absichern kann. Zum Prozess gehören auch Bürgerversammlungen und Workshops. So entsteht ein örtliches Konzept zur Hochwasservorsorge, das Maßnahmen, Zuständigkeiten und Fristen festlegt, das öffentlich und für alle Akteure verbindlich ist. Die Kosten für die Aufstellung werden vom Land mit 90 Prozent gefördert.

Noch bis zum Ende der Woche erwartet uns täglich das gleiche Wetterbild in der Region: Die Tage beginnen meist freundlich. Dann heizt die Sonne ein und der Boden wärmt sich auf. Sogenannte Warmluftblasen steigen in die Höhe – es bilden sich Quellwolken und in der Folge Gewitter. Ursächlich ist laut Goldhausen ein kräftiges Hoch über Skandinavien, das ein schwaches Tief namens „Wilma“ über Mitteleuropa nicht von der Stelle kommen lässt. „Es ist einfach zu schwach auf der Brust“, erklärt der Meteorologe die Blockade. Voraussichtlich erst in der kommenden Woche soll sich die Wetterlage wieder beruhigen.

Maximilian Eckhardt

Rheinland-Pfalz
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