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Koblenz

Mutig, kritisch, fair: Vier ausgezeichnete RZ-Autoren und ihre Geschichte(n)

Wenn am 9. September der Theodor-Wolff-Preis in Koblenz verliehen wird, ist das ein besonderer Moment, den auch vier Autoren der Rhein-Zeitung schon erleben durften. Sie schrieben über ganz unterschiedliche Themen, die alle eines gemein haben: Sie sorgten für Gesprächsstoff über den Tag hinaus. Wir erinnern uns.

"Sie suchen doch das Kind. Das liegt am Atomkraftwerk, wo der rote Turm ist" – es sind die Worte eines Mörders. Sie werden auch im Radio gesendet. Wer versteckt sich hinter der Stimme? Das will die Polizei herausfinden. Sie hat den Mitschnitt des Anrufs veröffentlicht, um dem Täter auf die Spur zu kommen. Er hat sie am Telefon zur Leiche des kleinen Mädchens geführt. Am roten Turm in der Nähe des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich wird Shari Weber gefunden, der Täter wenig später verhaftet. Das ist 23 Jahre her. Doch bis heute lässt der Fall die Journalistin Gabi Novak-Oster aus Koblenz nicht los.

Stimme des Mörders im Ohr

Immer dann, wenn sie im Auto auf der B 9 an Mülheim-Kärlich und Weißenthurm vorbeifährt, schaut sie rüber zu der Stelle, wo einst der kleine rote Turm aus Metall gestanden hat. Dann glaubt sie für einen kurzen Augenblick, die Worte des Mörders wieder im Radio zu hören. "Sie suchen doch das Kind. Das liegt am Atomkraftwerk, wo der rote Turm ist." Und schon werden Erinnerungen wach. Erinnerungen an eines der schrecklichsten Verbrechen im Land und eine preisgekrönte Reportage, die sie darüber schrieb.

"Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko?" – die preisgekrönte Reportage erschien am 7. Juli 1992 in der Rhein-Zeitung.
"Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko?" – die preisgekrönte Reportage erschien am 7. Juli 1992 in der Rhein-Zeitung.

RZ-Redakteurin Gabi Novak-Oster war es, die das brutale Sexualverbrechen an dem kleinen Mädchen von allen Seiten beleuchtete, die Geschichte hinter der Geschichte erzählte, kritische Fragen stellte – und für ihre vorbildliche Berichterstattung von 1992 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. Er gilt als Gütesiegel für Qualitätsjournalismus und ist die renommierteste Auszeichnung für Zeitungsredakteure überhaupt.

<a href="http://www.rhein-zeitung.de/region_artikel,-Theodor-Wolff-Ein-Kaempfer-fuer-die-Freiheit-des-geschriebenen-Wortes-_arid,1365760.html#.VfCJ0hHtlBc">Theodor Wolff</a> gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschen Publizisten.
Theodor Wolff gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschen Publizisten.
Foto: BDZV

Benannt nach dem berühmten Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Theodor Wolff, wird der Preis seit dem Jahr 1962 vergeben, am Mittwoch zum ersten Mal in Koblenz. Sechs Journalisten aus Deutschland werden gewürdigt. Der Festakt geht im Stadttheater über die Bühne. Vier Autoren der Rhein-Zeitung haben den Theodor-Wolff-Preis bereits gewonnen. Darunter Gabi Novak-Oster.

Mit ihrer Reportage "Der Mord an Shari: Skandal oder Restrisiko?" gelang ihr im Juli 1992 ein journalistisches Glanzstück. "So sehr ich mich über den Preis freute, es war und ist auch ein beklemmendes Gefühl, für die Analyse eines so tragischen Geschehens ausgezeichnet zu werden", sagt sie heute. Die groß gewachsene Frau trägt das silbergraue Haar kurz, eine schwarz umrandete Brille sitzt ihr auf der Nase. Nachdenklich blickt die 65-Jährige auf die beiden Zeitungsseiten von damals, die vor ihr auf dem Tisch im Wohnzimmer ausgebreitet sind. Die Buchstaben sind leicht verblasst, die Erinnerung nicht. "Es ging nicht darum, eine Mord-Reportage zu schreiben", stellt sie klar. "Es ging aber auch nicht darum, den Täter zu verteidigen. Ich musste seinen brutalen Mord schildern, aber auch die Umstände, die dazu führten." Und das tat sie. Es entstand eine facettenreiche, sprachlich ungemein beherrschte und damit umso eindringlichere Beschreibung einer Katastrophe, lobte die Jury.

Gabi Novak-Oster war es, die 1992 das brutale Sexualverbrechen an der kleinen Shari von allen Seiten beleuchtete, die Geschichte hinter der Geschichte erzählte, kritische Fragen stellte – und für ihre facettenreiche Berichterstattung mit dem Theodor-Wolff-Preis bedacht wurde.
Gabi Novak-Oster war es, die 1992 das brutale Sexualverbrechen an der kleinen Shari von allen Seiten beleuchtete, die Geschichte hinter der Geschichte erzählte, kritische Fragen stellte – und für ihre facettenreiche Berichterstattung mit dem Theodor-Wolff-Preis bedacht wurde.

Auf dem Heimweg vom Kindergarten wurde die sechsjährige Shari am 10. Juni 1992 in Weißenthurm von Frank K. abgefangen. Der 23-Jährige hatte in der Vergangenheit bereits zweimal wegen sexuellen Missbrauchs in Verbindung mit gefährlicher Körperverletzung von minderjährigen Mädchen vor Gericht gestanden.

Mutige Fragen gestellt

Das Gericht machte ihm unter anderem eine Sexualtherapie zur Auflage. Unbemerkt blieb jedoch, dass sie nicht eingehalten wurde. "Musste Shari die Folgen tragen?" Und: "Haben sich mit Frank K. andere schuldig gemacht? Justiz, Mediziner, die Gesellschaft?" Gabi Novak-Oster stellte die entscheidenden Fragen. Mutig und konsequent. Sie wusste genau, was Frank K. dem kleinen Mädchen mit den großen, dunklen Augen und dem schwarzen Lockenschopf angetan hatte. Er fühlte sich von Sharis dunkler Hautfarbe sexuell erregt, lauerte der Sechsjährigen gezielt auf. Er zog sie zu sich ins Auto, fuhr auf einen Feldweg und verging sich an ihr. Nachdem er Shari stranguliert hatte, legte er ihre gefesselte Leiche unweit des Kernkraftwerks ab. Zwei Tage nach dem Mord wurde sie dort im Gebüsch gefunden. "Darüber zu schreiben, war eine traurige und spannende Aufgabe zugleich", verdeutlicht die Autorin.

Im Mittelpunkt ihrer Geschichte haben wieder einmal Menschen gestanden. Menschen waren immer ihr Thema. In mehr als drei Jahrzehnten bei der Rhein-Zeitung schrieb sie über viele von ihnen. Über interessante Menschen. Gleich, ob arm oder reich, ob prominent oder unbekannt. Vor allem aber über jene, die sonst keine Stimme gehabt hätten und deren Schicksal ansonsten unentdeckt geblieben wäre. Zu unvergesslichen Begegnungen kam es nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern auch in der Fremde. Während ihrer Aufenthalte in Kriegs- und Krisengebieten wie Rumänien, Russland, Sri Lanka oder Thailand lernte sie Menschen in schlimmsten Verhältnissen kennen – und schrieb über deren Schicksale. Ihre einfühlsamen Reportagen animierten viele Zeitungsleser, sich an unserer Aktion HELFT UNS LEBEN zu beteiligen – und mit Spenden ein wenig die Not in der Ferne zu lindern. Nach einer eindrucksvollen Karriere verabschiedete sich Gabi Novak-Oster 2005 in den Ruhestand. 1971 war sie als Volontärin bei der Rhein-Zeitung gestartet. Die junge Frau schrieb und fotografierte über Jahre hinweg für verschiedene Lokalredaktionen, stieg 1983 zur Redaktionsleiterin in Lahnstein auf. 1988 wechselte sie in die Zentralredaktion nach Koblenz. Aufgabengebiet: Wochenend-Journal und aktuelle Reportage. Heute sagt sie voller Stolz: "Die Zeitung war mein Leben."

Dieser Satz könnte auch aus dem Mund ihres langjährigen Kollegen Kurt Frank stammen. Er ist ebenfalls ein Urgestein der Rhein-Zeitung. Der Westerwälder war nicht nur der erste Redakteur, sondern auch noch der jüngste aus der RZ-Familie, der mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde.

Kurt Frank wurde als erster und jüngster Redakteur der Rhein-Zeitung mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Foto: Maximilian Eckhardt
Kurt Frank wurde als erster und jüngster Redakteur der Rhein-Zeitung mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Foto: Maximilian Eckhardt

Akribische Recherchearbeit

Mit gerade mal 25 Jahren brachte er im Frühjahr 1975 eine Geschichte zu Papier, die im nördlichen Rheinland-Pfalz für Aufsehen sorgte. In der Ausgabe vom 15./16. März 1975 erschien der erste Teil seiner Serie über das gern verheimlichte Geschäft mit dem Amateurfußball im Großraum Koblenz. Kurt Frank traf mit "Sport oder Geschäft? – Amateurfußball im Zwielicht" den Nerv eines reichlich sensiblen Themas und erhielt für seine akribische Recherchearbeit den renommiertesten deutschen Journalistenpreis. "Das war ein Glücksgefühl hoch drei", sagt der 66-Jährige heute – und strahlt über das ganze Gesicht. Vor der Haustür in Bendorf fand er am Abend des 5. Oktober 1976 das unscheinbare Telegramm mit der erfreulichen Nachricht. Er hatte den Theodor-Wolff-Preis gewonnen, der mit 5000 Mark dotiert war.

Das Telegramm mit der erfreulichen Nachricht lag 1976 vor seiner Haustür.
Das Telegramm mit der erfreulichen Nachricht lag 1976 vor seiner Haustür.

Und das Preisgeld kam ihm gerade recht, mitten im Umbaustress. "Die neue Treppe für unser Häuschen im Westerwald war damit bezahlt", sagt Frank und lacht herzhaft. Im Westerwald wohnt der große, weißbärtige Mann mit der markigen Stimme noch heute, im selben Ort, aber in einem anderen Haus. Dort verbringt er am liebsten Zeit mit seinen drei Enkeln. Wenn sie alt genug sind, will er ihnen seine Geschichte vom Theodor-Wolff-Preis erzählen. "Ich kann es kaum erwarten."

Als junger Mann war Kurt Frank für die Koblenzer Sportredaktion tätig. 40 Jahre ist es her, als er die Machenschaften im Amateurfußball aufdeckte. Nach einem Sieg oder einem Unentschieden sind verbotenerweise Prämien an Spieler geflossen. "Eigentlich waren nur Aufwandsentschädigungen erlaubt, etwa um die Fahrtkosten zu decken", verdeutlicht Frank. Für Punktgewinne gab es aber nicht nur Geld, wie er bald herausfand: "Angefangen beim Auto über eine Wohnung bis hin zur Anstellung in der Firma eines Mäzens war alles drin."

In der Ausgabe vom 15./16. März 1975 erschien der erste Teil seiner Serie über das gern verheimlichte Geschäft mit dem Amateurfußball im Großraum Koblenz. Kurt Frank traf mit „Sport oder Geschäft? – Amateurfußball im Zwielicht“ den Nerv eines reichlich sensiblen Themas und erhielt für seine akribische Recherchearbeit den renommiertesten deutschen Journalistenpreis.
In der Ausgabe vom 15./16. März 1975 erschien der erste Teil seiner Serie über das gern verheimlichte Geschäft mit dem Amateurfußball im Großraum Koblenz. Kurt Frank traf mit „Sport oder Geschäft? – Amateurfußball im Zwielicht“ den Nerv eines reichlich sensiblen Themas und erhielt für seine akribische Recherchearbeit den renommiertesten deutschen Journalistenpreis.

Der 25-Jährige ging der Sache auf den Grund, hörte sich in Vereinskneipen um, sprach mit Fans, Spielern und "Wohltätern", stellte unangenehme Fragen. Auch sonntags auf den Fußballplätzen wirbelte er Staub auf. Alles in der Freizeit. "Ich spielte mit offenen Karten", betont er. Nach sechs Monaten Recherche schrieb er die Ergebnisse auf. Heraus kam eine ganze Serie, die ihm den Theodor-Wolff-Preis bescherte. Frank arbeitete seit 1971 bei unserer Zeitung. Zunächst als Redakteur für die Seite Hörfunk/Fernsehen, dann in mehreren Ressorts der Nachrichtenredaktion und anschließend sechs Jahre in der Führungsriege der Koblenzer Lokalredaktion. Ab 2005 fungierte er als Redaktionsleiter in Montabaur. Die Lust am Schreiben hat er nie verloren – auch nicht im Ruhestand. Seit 2010 arbeitet er an der Dorfchronik seines Heimatortes Kammerforst.

Hervorragende Leistung

Heimatverbunden war auch ein RZ-Redakteur, der nach Kurt Frank mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. Die Rede ist von Josef Dörr und seiner Reportage "Singe, wem Gesang gegeben", die am 5. Februar 1977 erschien und den Männergesangverein Höhr-Grenzhausen porträtierte. "Eine hervorragende journalistische Leistung", konstatierte die Jury.

Auch RZ-Redakteur Josef Dörr (links) wurde diese Ehre zuteil: Die Urkunde des Theodor-Wolff-Preises erhielt er im Oktober 1978 während eines Festakts in Wiesbaden aus Händen von Johannes Binkowski, dem langjährigen Präsidenten des Bundesverbandes der Zeitungsverleger.
Auch RZ-Redakteur Josef Dörr (links) wurde diese Ehre zuteil: Die Urkunde des Theodor-Wolff-Preises erhielt er im Oktober 1978 während eines Festakts in Wiesbaden aus Händen von Johannes Binkowski, dem langjährigen Präsidenten des Bundesverbandes der Zeitungsverleger.

An einem Donnerstag besuchte Josef Dörr eine Chorprobe im Westerwald, um einem gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund zu gehen: Im ganzen Land stimmten immer mehr junge Männer in den Chorgesang ein – von diesen Zeiten träumen viele Vereine noch heute. Die ganzseitige Reportage gehörte zur 15-teiligen Serie "Hoch lebe der Verein" über die Mülheimer Möhnen, das Jugendmusikkorps Remagen, den Männer-Turn-Verein Bad Kreuznach und andere Gruppen aus der Region.

An einem Donnerstag besuchte Josef Dörr eine Chorprobe im Westerwald, um einem gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund zu gehen: Im ganzen Land stimmten immer mehr junge Männer in den Chorgesang ein – von diesen Zeiten träumen viele Vereine noch heute. Die ganzseitige Reportage gehörte zur 15-teiligen Serie „Hoch lebe der Verein“.
An einem Donnerstag besuchte Josef Dörr eine Chorprobe im Westerwald, um einem gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund zu gehen: Im ganzen Land stimmten immer mehr junge Männer in den Chorgesang ein – von diesen Zeiten träumen viele Vereine noch heute. Die ganzseitige Reportage gehörte zur 15-teiligen Serie „Hoch lebe der Verein“.

Josef Dörr, 1926 in Koblenz-Arzheim geboren, begann seine berufliche Laufbahn als Schriftsetzer bei unserer Zeitung. 1963 wechselte er in die Redaktion und wurde 1971 Ressortleiter des RZ-Magazins, Vorläufer des Journals. "Der Theodor-Wolff-Preis hatte eine große Bedeutung für meinen Mann", weiß Edda Dörr-Wessels. Die Witwe erinnert sich gut an den Tag im Jahr 1978, als ihren Mann die wunderbare Nachricht per Telegramm erreichte. "Wir verbrachten gerade unseren Urlaub in Italien." Groß war die Freude. "Zurück in der Heimat, gab es viele positive Reaktionen von Lesern und Kollegen bis hin zu Verleger Werner Theisen", erzählt Edda Dörr-Wessels und öffnet im heimischen Wohnzimmer eine Schachtel, bis zum Rand gefüllt mit den Briefen von anno dazumal. "Er war nun mal beliebt", sagt sie.

Doch wichtiger noch als der Theodor-Wolff-Preis und das ganze "Drumherum" war ihm etwas anderes. "Die Akzeptanz behinderter Menschen in unserer Gesellschaft zu fördern, war ihm ein Herzensanliegen. Mit seinen Artikeln holte er dieses wichtige Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit." Sein leser- und lebensnahes Engagement wurde zweimal mit dem Journalistenpreis der paritätischen Wohlfahrtsverbände (1976 und 1979) gewürdigt. Der Gesundheit zuliebe zog sich Josef Dörr 1987 vom journalistischen Tagesgeschäft zurück. Er starb im März 1998. Doch bis heute ist er Lesern und Kollegen unvergessen.

Für seine Reportage „Singe, wem Gesang gegeben“, die am 5. Februar 1977 in der Rhein-Zeitung erschien und den Männergesangverein Höhr-Grenzhausen porträtierte, wurde Josef Dörr mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Für seine Reportage „Singe, wem Gesang gegeben“, die am 5. Februar 1977 in der Rhein-Zeitung erschien und den Männergesangverein Höhr-Grenzhausen porträtierte, wurde Josef Dörr mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Unvergessen ist vielen auch ein journalistisches Glanzstück, das unsere Kollegin Rena Lehmann im Herbst 2010 zu Papier gebracht hat. Für ihre Reportage "Ein Schnitzel und viele Verlierer" wurde sie mit dem Theodor-Wolff-Preis 2011 bedacht. Die Journalistin recherchierte im Herbst 2010 die Hintergründe des vermeintlichen "Schnitzelkriegs" im Westerwald. Den hatten Boulevardmedien in der kleinen Stadt Betzdorf ausgemacht und auch geschürt.

Eine Lehrerin hatte im Februar 2010 an muslimische Schüler versehentlich Schweineschnitzel verteilt, die sie aus religiösen Gründen nicht essen dürfen. Der Vorfall sorgte an der Schule für Aufregung, öffentlich wurde er vorerst nicht. Acht Monate später bot die bundesweite Integrationsdebatte um Thilo Sarrazin den Boulevardmedien Anlass, die Betzdorfer Geschichte aufzugreifen und hochzukochen. "Deutsche Lehrerin von Moslems weggemobbt", titelte Bild Online. Andere berichteten, dass die Lehrerin, die seit dem Vorfall krankgeschrieben war, wegen der falsch ausgegebenen Schulmahlzeit "gefeuert", "suspendiert" oder "beurlaubt" worden sei. Sie sprachen von einem Krieg zwischen der deutschen und der islamischen Kultur, erklärten Multikulti zum Irrsinn.

Professionelle Distanz bewahrt

Rena Lehmann von der Rhein-Zeitung berichtete anders – und schaffte Klarheit. Sie sprach mit allen Beteiligten, arbeitete sorgfältig die Hintergründe der Geschichte heraus – und zog in ihrer Analyse dieses Fazit: "Ein Schnitzel und viele Verlierer." Dabei zeigte sie Qualitäten, die die Jury des Theodor-Wolff-Preises beeindruckten: Sie recherchierte ausführlich, schrieb mitreißend, wahrte die professionelle Distanz. Sie ließ sich nicht dazu hinreißen, kommentierend oder gar vorverurteilend zu schreiben, sondern sie verfasste die Reportage so, dass der Leser die Fakten erfährt und sich selbst eine Meinung bilden kann.

Unvergessen ist vielen auch ein journalistisches Glanzstück, das unsere Kollegin Rena Lehmann im Herbst 2010 zu Papier gebracht hat. Für ihre Reportage „Ein Schnitzel und viele Verlierer“ wurde sie mit dem Theodor-Wolff-Preis 2011 bedacht.
Unvergessen ist vielen auch ein journalistisches Glanzstück, das unsere Kollegin Rena Lehmann im Herbst 2010 zu Papier gebracht hat. Für ihre Reportage „Ein Schnitzel und viele Verlierer“ wurde sie mit dem Theodor-Wolff-Preis 2011 bedacht.

Gern erinnert sie sich an den Moment, als sie die begehrte Auszeichnung während eines Festakts in Bonn erhalten hat. "Ich habe mich sehr über die Anerkennung meiner Arbeit gefreut. Es hat mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass die wenigsten Geschichten in ein Schwarz-Weiß-Schema passen. Es gibt immer Grautöne, und je nachdem, welche Perspektive man einnimmt, gewinnt man eine andere Sicht auf einen Vorfall", sagt sie heute.

Für ihre Reportage „Ein Schnitzel und viele Verlierer“ wurde Rena Lehmann 2011 in Bonn mit dem Theodor-Wolff-Preis gewürdigt. Foto: dpa
Für ihre Reportage „Ein Schnitzel und viele Verlierer“ wurde Rena Lehmann 2011 in Bonn mit dem Theodor-Wolff-Preis gewürdigt.
Foto: dpa

Der Preis bestärkt die Journalistin darin, bei der Recherche nicht nach der Bestätigung der eigenen Meinung zu suchen, sondern sich jedem Thema mit Offenheit und professioneller Distanz zu nähern. Heute ist Rena Lehmann (38) unsere Frau in Berlin. Als Korrespondentin berichtet sie seit April 2011 über bundespolitische Themen aus der Hauptstadt. Rena Lehmann stammt aus Montabaur, hat nach dem Studium in Marburg, Poitiers und Berlin bei der Rhein-Zeitung den Beruf der Journalistin erlernt, war in Bad Kreuznach, Koblenz und in unserer Zentralredaktion tätig. Rena Lehmann komplettiert die Riege der Preisträger um Gabi Novak-Oster, Josef Dörr und Kurt Frank, die der gesamten Redaktion unserer Zeitung ein Vorbild ist und bleibt …

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