40.000
Aus unserem Archiv
Mainz

Hospiz: Hündin Emma gibt Sterbenden ihr Lachen zurück

Die schwer kranke Frau zittert am ganzen Körper, von beiden Seiten muss sie gehalten werden. Erst gestern ist sie in das Hospiz Lebensbrücke eingezogen, hierher kommen Menschen, die nur noch Wochen zu leben haben. Ganz vorsichtig und langsam betritt Emma den Raum, die sanfte Labradorhündin legt sich ganz ruhig auf den Boden – und das Wunder beginnt: Binnen Minuten entspannt sich die Atmosphäre im Raum.

Drei, die sich gut verstehen: Ivana Seger mit ihrer erfahrenen Therapiehündin Emma (rechts) und dem Nachwuchs Sissi.
Drei, die sich gut verstehen: Ivana Seger mit ihrer erfahrenen Therapiehündin Emma (rechts) und dem Nachwuchs Sissi.
Foto: privat

Die Gespräche drehen sich auf einmal um Hunde, Lebenserinnerungen, Urlaubsmomente. Es wird gelacht in diesem Haus des Sterbens. Nur Minuten später haben sich Körper und Gesicht der kranken Frau völlig entspannt, mit einem sanften Lächeln schaut sie auf die Hündin, kann nun allein sitzen. „Ich bin total überrascht“, staunt der Ehemann, „sie hat völlig aufgehört zu zittern.“ Ivana Seger lächelt fein: „Das ist der Emma-Effekt“, sagt sie.

Wow-Moment vor 16 Jahren

Seit neun Jahren hilft Ivana Seger schwer kranken Menschen mit ihrer Therapiehündin Emma, sechs verschiedene Einrichtungen betreut sie im ganzen Rhein-Main-Gebiet. „Wir können ablenken, trösten, Freude schenken und die Menschen ein wenig vergessen lassen, wo sie sind“, sagt Seger, und immer passiert das Gleiche: Der Hund verändert die Atmosphäre, entspannt die Menschen.

„Ich wusste schon vor 25 Jahren, dass ich eine Emma will“, sagt Seger lachend, als wir sie in ihrem Haus in Flörsheim treffen, einem schmucklosen Haus am Rande des Industriegebiets, direkt am Mainufer mit seinen ausgedehnten Wiesen. Das ist einfach wichtig, erzählt Seger, ihre Hunde brauchen ausgedehnte Spaziergänge für den Ausgleich.

Es war vor 16 Jahren, als Seger ihren Wow-Moment hatte, wie sie es nennt: Die ausgebildete Altenpflegerin arbeitete damals in einer Psychiatrie mit depressiven Menschen. „Ich war sehr schockiert, welchen Leidensdruck diese Menschen haben“, erzählt Seger, „an viele Patienten kam ich überhaupt nicht ran.“ Neben dem Schwesternzimmer war eine Sitzgruppe, stets saßen hier fünf Patienten, meist wortlos, versunken.

Erfolge, wo andere scheiterten

Eines Tages aber kam ungewöhnlich viel Bewegung in die Gruppe, „alle standen auf, liefen weg“, berichtet Seger. Ein Hund war zu Besuch gekommen, ein Golden Retriever. „Dieser Hund schaffte binnen zehn Sekunden etwas, was wir in Tagen, Stunden, Wochen nicht geschafft hatten: Die Patienten lachten, suchten das Gespräch, sprachen endlich über andere Dinge als ihre Krankheit“, sagt Seger.

16 Jahre lang beschäftigte sie sich mit der Idee, einen Therapiehund anzuschaffen, Seger arbeitete inzwischen mit Erfolg als Aerobic-Trainerin. Richtig glücklich war sie damit nicht: „Es fehlte das Soziale“, erzählt die 49-Jährige, „die Sportbranche ist schon sehr oberflächlich.“ Das Schicksal nahm die Sache schließlich in die Hand: Im Urlaub mit ihrem Mann lernte Seger ein Pärchen kennen, die neue Freundin fragte: „Kannst du dir vorstellen, im Hospiz zu arbeiten?“

Nein, sagte Seger instinktiv, ein Haus des Sterbens? Doch dann fielen Worte wie „würdevoll, selbstbestimmt, keine Regeln“. „Das hat mein Herz berührt“, sagt Seger. Zurück zu Hause bewarb sie sich, beim Vorstellungsgespräch in einem Hospiz habe sie sofort gewusst: „Ich bin angekommen“ – und stellte doch eine Bedingung: „Ich komme mit Hund.“ Das Hospiz sagte Ja, gleichzeitig bekam die Hündin einer Freundin Welpen.

„Ich bin mit Hunden aufgewachsen, meine Eltern züchteten Schäferhunde“, erzählt Seger: „Wir hatten immer Welpen, deshalb kann ich sie perfekt lesen.“ Nach sechs Wochen Beobachtung und Tests hatte sie ihre Emma gefunden, mit neun Monaten begann für die Hündin das Training: Gezielt gewöhnte Seger die Hündin an Geräusche und Menschen – und nahm sie mit ins Hospiz. Labradore seien für die Therapie perfekt, weil sie ausgeglichen sind, Menschen lieben und unheimlich gern gestreichelt werden.

Sterbende können loslassen

„Da war eine Frau, die hatte den leeren Blick meiner Oma“, erzählt Seger, „der Hund, dieses kleine Knäuel, veränderte alles: Körperspannung, Mimik, Blick, die Frau blühte völlig auf.“ Es war die erste Patientin, die mit Emma im Arm starb, 40 weitere sind bisher diesen Weg ebenfalls gegangen. „Es gibt die präfinale Unruhe, der Körper schüttet dann so viel Adrenalin aus, dass die Menschen einfach nicht gehen können“, sagt Seger, die zusätzlich eine Ausbildung als Palliativschwester machte.

So wie die kleine Emily. Die Sechsjährige wurde mit einem massiven Gendefekt geboren, als ihr Ende kam, war sie gerade im Urlaub in Wilhelmshaven – der Hilferuf kam per Telefon. Ivana Seger setzte sich ins Auto und fuhr die weite Strecke – Emily starb mit Emma in den Armen. Immer wieder hat sie erlebt, wie die warme Präsenz ihres Hundes einen todkranken Menschen entspannt, auf einmal kann er loslassen, gehen, erzählt Seger: „Der Mensch stirbt in Ruhe und Harmonie, mit Emma baue ich eine Brücke.“

Inzwischen hat Emma, die schon neun Jahre alt ist, Unterstützung: Sissi ist zweieinhalb Jahre jung und hat gerade ihre Ausbildung zur Therapiehündin abgeschlossen – mit Bravour. Frauchen Ivana Seger hat im April den Verein „Tröstende Pfoten“ für ausgebildete Therapieteams mit Begleithunden gegründet. Die Nachfrage sei riesig, sagt Seger, doch die Unterstützung fehlt.

Kein Geld von den Kassen

Die Kassen bezahlten ihre Dienste nicht, sagt Seger, von ihrer Arbeit leben kann sie nicht. „Ich könnte nicht einmal meine Stromrechnung davon bezahlen.“ Therapeutisches Reiten werde übernommen, nicht aber die Hilfe, die Emma bieten kann – warum, versteht Seger nicht: „Ich bekomme von denen nicht einmal eine Antwort.“

Dabei bestätigen auch Hospizleiter, wie wichtig Emma für die Todkranken und vor allem auch ihre Angehörigen ist. Segers Wunsch fürs neue Jahr lautet denn auch: „Dass die tiergestützte Pflege staatlich gefördert wird und dass noch mehr Krankenhäuser dafür ihre Türen öffnen.“ Denn Hunde wie Emma, sagt sie noch, „sind einfach ein Geschenk“.

Mehr über Therapiehund Emma unter www.emmahilft.de und auf Facebook: Emma – Heldin auf vier Pfoten

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein

Rheinland-Pfalz
Meistgelesene Artikel
Anzeige
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
  • Lokalticker
  • Regionalsport
  • Newsticker
Das Wetter in der Region
Samstag

11°C - 19°C
Sonntag

13°C - 20°C
Montag

12°C - 21°C
Dienstag

14°C - 25°C

Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

Anzeige
Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!