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    Hahn-Desaster: Ein Stück aus dem Tollhaus

    Um zu beschreiben, wie die Landesregierung nach der Pleite am Nürburgring schon wieder in ein ähnlich peinliches Desaster am Hahn geraten ist, hier ein bildlicher Vergleich: Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einem Auto voll gegen eine Mauer gefahren, die direkt hinter einer Kurve stand. Der Wagen hatte einen Totalschaden, Sie trugen empfindliche Verletzungen davon, wurden weithin zum Gespött.

    Da war die chinesische Shanghai Yiqian Trading (SYT) noch der große Hoffnungsträger am Flughafen Hahn: Innenstaatssekretär Randolf Stich und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) mit den beiden potenziellen Investoren Kyle Wang und Yu Tao Chou (jeweils von links).  Foto: dpa
    Da war die chinesische Shanghai Yiqian Trading (SYT) noch der große Hoffnungsträger am Flughafen Hahn: Innenstaatssekretär Randolf Stich und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) mit den beiden potenziellen Investoren Kyle Wang und Yu Tao Chou (jeweils von links).
    Foto: dpa

    Dietmar Brück beobachtet die Entwicklung am Flughafen Hahn seit Jahren

    Damals hatten Sie sich auf einen externen Ratgeber verlassen, der Ihnen für teures Geld versprach, hinter der Kurve lauere keine Gefahr. Also fuhren Sie los und prallten mit hohem Tempo gegen das Hindernis. Die Berater hatten sich geirrt.

    Einige Zeit später wollen Sie nun endlich alles richtig machen. Sie nehmen eine ähnliche Strecke und wieder Berater, zum Teil von derselben Firma. Erneut heißt es, hinter der Kurve versperre garantiert kein Hindernis die Straße. Ein paar demolierte Autoteile auf dem Asphalt könnten Sie eigentlich stutzig machen. Aber Sie verlassen sich auf Ihre Ratgeber, schauen nicht vorsichtshalber nach, was hinter der Kurve liegt. Schließlich haben Ihre teuren Berater versprochen, der Weg sei frei. Also geben Sie ordentlich Gas und fahren mit ihrem Auto in einen Steinhaufen. Nun haben Sie nicht nur erneut einen Totalschaden, sondern ernten zudem tonnenweise Spott.

    Verstehen kann das eigentlich niemand. Die Landesregierung und ihre hoch professionellen und vor allem hoch bezahlten Berater von KPMG präsentierten einen chinesischen Investor, der in Schanghai in spärlich eingerichteten Büroräumen zwischen Pappkartons und Verkaufsartikeln residiert oder verzugsweise mit einem leerstehenden Büro über einem Reifenhandel aufwartet. Zudem verspricht er Steigerungsraten in der Fracht, die schon für Megaflughäfen wie Frankfurt oder Paris als reichlich ambitioniert gelten müssten - von einer zweiten Landebahn ganz zu schweigen. Dass er am Ende eine Bankbestätigung fälscht, muss nicht unbedingt überraschen.

    Nachweise sind leicht zu fälschen

    Wer im Chinageschäft ist, weiß übrigens, dass derartige Nachweise leicht zu manipulieren sind und sich daher jeder auswärtige Geschäftspartner erst einmal die Genehmigung der chinesischen Behörden zeigen lässt. Warum das nicht geschah, ist eines von vielen Rätseln, die den Hahn-Skandal umgeben.

    Doch wie konnte die Landesregierung in eine derart leicht zu vermeidende Falle tappen? Die Berater von KPMG wussten, wie politisch brisant dieses Geschäft ist. Sie unterstützen das Land seit Jahren. Und Innenstaatssekretär Randolf Stich (SPD), der im Auftrag von Innenminister Roger Lewentz (SPD) für das Land verhandelte, gilt als kluger, kompetenter und umgänglicher Politiker und Jurist. Beobachter, die es mit dem Land gut meinen, sprechen von einem klassischen Tunnelblick. Irgendwann wollten die Vertreter von Landesregierung und KPMG nach ewig langen Verhandlungen einfach zum Abschluss kommen, endlich einen Erfolg präsentieren. Und das, was die Shanghai Yiqian Trading (SYT) versprach, klang einfach zu gut. In solchen Phasen können Risiken kleingeredet und wirtschaftliche Perspektiven glänzender erscheinen, als sie sind. Auch Profis sind nicht vor Autosuggestion gefeit.

    Doch allein dürfte eine solche Dynamik für das aktuelle Regierungsversagen kaum reichen. Natürlich trägt KPMG ein gerüttelt Maß an Schuld. Für den gesamten Veräußerungsprozess am Hahn hat das Megaunternehmen, das bereits unzählige Spitzenfirmen zu seinen Kunden zählte, Millionenhonorare kassiert. Da darf man eine bessere Arbeit erwarten.

    Zudem könnte ein anderer Umstand eine Rolle spielen. Der internationale Verkaufsprozess hat gezeigt, dass kaum Interesse an dem Hunsrück-Airport besteht. Das Land selbst kann das chronische Defizit aber nicht mehr lange ausgleichen. Nach deutschem Handelsrecht ist dazu eine positive Fortführungsprognose nötig, also eine wirtschaftliche Erfolgsperspektive. Und die EU erlaubt für den Flugbetrieb nur noch einen letzten Rest an staatlichen Subventionen bis zum Jahr 2024.

    Der Subventionstopf ist bald leer

    Dieser Topf ist bald aufgebraucht, bringt ein Investor kein frisches Geld. Wird kein strategischer Partner (aus der Flugbranche) gefunden, geht der Hahn früher oder später insolvent oder muss den Flugbetrieb einstellen. Die Schmach einer Pleite des Airports könnte leicht das Ende der Landesregierung sein. Und das trotz des fulminanten Wahlsiegs von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Von daher gab es eine große Motivation, den Flughafen schnell abzustoßen. Mit jedem Jahr, in dem der einstige Fliegerhorst von einem privaten Besitzer betrieben wird, vergrößert sich naturgemäß der Sicherheitsabstand zur Landesregierung. Erlebt der Airport eine Bruchlandung, hätte das Land auf die strenge EU und das Versagen des chinesischen Investors verweisen können. Dreyer dürfte ein Interesse daran haben, das Epizentrum einer solchen Erschütterung weit weg von Mainz anzusiedeln.

    Auch deswegen wollte man unter Hochdruck verkaufen - und hat vielleicht ein paar beherrschbar erscheinende Risiken billigend in Kauf genommen. Wichtig für die Landesregierung könnte vor allem gewesen sein, dass der Verkauf juristisch sauber abgewickelt wurde, damit die politische Weste weiß blieb. Ob der Investor langfristig Erfolg haben würde, war unter diesem Blickwinkel sekundär. Dass Politiker zunächst ans eigene Überleben denken, ist kein seltenes Motiv. Es muss nicht das einzige gewesen sein

    Doch warum stiegen die Shanghai Yiqian Trading (SYT) und ihre Geldgeber im Hintergrund überhaupt in den Bieterprozess ein? Sie haben sich nicht bereichert, konnten niemanden abzocken. Verfahrens- und Anwaltskosten dürften in Millionenhöhe liegen - alles rausgeschmissenes Geld.

    Yangtzes großer Fehler?

    Eine denkbare Erklärung: SYT und Co haben, reichlich naiv, tatsächlich an den Erfolg ihrer hochfliegenden Pläne geglaubt. Möglicherweise machte das Management des Frachtflugunternehmens Yangtze River Express den fatalen Fehler, ein Hahn-Geschäft mit der SYT anzubahnen, ohne dies ausreichend mit dem Mutterkonzern, der HNA Group, abzugleichen. Denn die HNA saß bei einem anderen Hahn-Bieter im Boot, der ADC GmbH. Kurz nach der Präsentation der SYT als Airport-Käufer wurde das gesamte Yangtze-Management gefeuert. Und danach hatte die Shanghai Yiqian Trading (SYT) plötzlich keinen solventen Partner mehr. Kam sie da auf die wahnwitzige Idee, eine Bankbestätigung zu fälschen, um sich Luft zu verschaffen oder den geplatzten Deal zu verschleiern? Dies muss noch nicht die ganze Wahrheit sein. Aber ein solcher Erklärungsversuch besitzt eine gewisse Plausibilität.

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