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Mainz

Gottlose treten unter Jubelrufen aus der Kirche aus

Eine Oblate, ein Gläschen Sekt, ein Geschenk und lauter Beifall – wer am Donnerstagmorgen aus der Kirche ausgetreten ist, der hatte Spaß dabei. In Mainz hatte sich ein Haufen Ungläubiger zur kollektiven Abwendung verabredet.

Mainz – Jeder Einzelne wird bejubelt, der an diesem Vormittag aus dem Standesamt kommt mit der Bescheinigung in der Hand, dass er gerade aus der Kirche ausgetreten ist. Rund 30 Mainzer Studenten sind dem Aufruf der Giordano-Bruno-Stiftung und dem Online-Magazin Ficko gefolgt, am Gründonnerstag diesen Schritt zu tun und damit ein Zeichen zu setzen.

Die Stimmung ist prächtig. Soeben kommen Laura (24) und Juliane (25) heraus auf den Vorplatz an der Kaiserstraße. Wie alle anderen bekommen sie eine Oblate, ein Gläschen Sekt und ein kleines Begrüßungsgeschenk "in der wieder gewonnenen Freiheit", wie Mitorganisatorin Marlies Bayha (Ficko-Magazin), eine 27-jährige Mainzer Studentin erläutert.

Laura und Juliane bekennen, dass sie schon seit längerer Zeit überlegt haben, aus der Kirche auszutreten. Laura war evangelisch, Juliane katholisch. "Frauen werden in den Kirchen nicht gleichberechtigt behandelt und Homosexuelle werden diskriminiert", beginnt Juliane ihre Gründe aufzuzählen. "Für mich als Ex-Katholikin ist es unerträglich zu sehen, dass die Kirche inzwischen wieder in den Dialog getreten ist mit der Pius-Bruderschaft, die den Holocaust leugnet." Auch die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Abtreibung ist für sie ein weiterer Grund, einen Schlussstrich zu ziehen.

"Hör mir uff mit Jesus", hat sich der 23-jährige Student Stefan auf sein persönliches kleines Transparent geschrieben. Er argumentiert eher emotional: "Ich hab' da keinen Bock mehr drauf." Jesus ist für ihn die personalisierte Kirche.

Als nächster kommt Viktor (25) raus, ein Soziologie- und Philosophie-Student. "I am very happy", spricht er in das Mikrofon eins Reporters der Berliner Außenstelle vom arabischen Fernsehsender Al Jazeera. Der dreht ein Zwei-Minuten-Stück über die Mainzer Aktion. Das ist weltweit zu sehen, versichert der Reporter. Die "Gottlosen", die sich auch über Facebook verabredet hatten, sind jetzt sogar ein bisschen stolz. Das sieht man ihnen an.

Viktor trägt einen Sticker mit der Aufschrift "Gottlos glücklich". An Ostern wird er seine Eltern im Saarland besuchen und ihnen dabei möglichst beiläufig von seinem Kirchenaustritt erzählen. "Mein Vater singt im Kirchenchor. Ich habe die ganz Palette mitgemacht: Taufe, Kommunion, Firmung. Irgendwann habe ich nur noch Langeweile empfunden. Aber dann ist bei mir die Enttäuschung über die Kirche gewachsen und die Kritik an ihr. Verfolgung, Unterdrückung und Misshandlung von Menschen hat eine jahrhundertelange Tradition in der katholischen Kirche." Viktor schüttelt den Kopf: "So viel Heuchelei." Und fügt noch hinzu: "Selbst wenn es einen Gott gäbe, kann ich glücklich auf der Erde leben."

Mitorganisator David Häußer zieht eine aus seiner Sicht sehr positive Bilanz. "Super gelaufen." Etwa 30 Mainzer Studenten sind an diesem Vormittag aus der Kirche ausgetreten. 

Armin Thomas

Panorama
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