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    Rheinland-Pfalz

    Erstaufnahmelager schließen: Was jetzt mit den Flüchtlingshelfern passiert

    Im Land schließen immer mehr Erstaufnahmelager für Flüchtlinge. Aber was passiert mit den vielen Helferinnen und Helfern, die dort gearbeitet haben? Und was ist, wenn die Zahl der Flüchtlinge doch wieder steigt? Immerhin steht gerade das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei auf der Kippe. Wir haben nachgefragt bei Anke Marzi, der stellvertretenden Landesgeschäftsführerin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Rheinland-Pfalz.

    Sie waren oft die Ersten, die Flüchtlingen halfen, die 2015 nach Rheinland-Pfalz kamen. Jetzt, wo die Zahlen zurückgehen, müssen sich viele Helfer, wie diese Frau, die ehrenamtlich am Hahn arbeitete, nach einer neuen Aufgabe umsehen. Ungewiss sind die Aussichten auch für viele Hauptamtliche. Foto: dpa
    Sie waren oft die Ersten, die Flüchtlingen halfen, die 2015 nach Rheinland-Pfalz kamen. Jetzt, wo die Zahlen zurückgehen, müssen sich viele Helfer, wie diese Frau, die ehrenamtlich am Hahn arbeitete, nach einer neuen Aufgabe umsehen. Ungewiss sind die Aussichten auch für viele Hauptamtliche.
    Foto: dpa

    Frau Marzi, was passiert mit den hauptamtlichen Mitarbeitern des DRK, wenn die Erstaufnahmelager nun früher als ursprünglich gedacht schließen müssen?

    In der Regel haben wir alle Mitarbeiter bis zum 31. Dezember dieses Jahres eingestellt. Sie hatten ganz unterschiedliche Arbeiten, im medizinischen Bereich, als Sozialpädagogen, als Helfer. Jetzt müssen wir gemeinsam mit der ADD (Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, Anm. d. Red.) eine Lösung finden. Wir versuchen gemeinsam, diese Mitarbeiter in neue Arbeitsverhältnisse zu bringen und gegebenenfalls suchen wir zusammen nach sanften Wegen, Arbeitsverhältnisse zu beenden. In den nächsten vier bis acht Wochen sind wir aber noch auf unsere Mitarbeiter angewiesen, wir müssen die Einrichtungen noch zurückbauen, also reinventarisieren, aufräumen, packen und putzen. Danach können wir die Mitarbeiter dann entweder freistellen oder sie können bei uns eine Rettungssanitäterausbildung machen, die drei Monate dauert. Dadurch sollen ihre Chancen erhöht werden, auf dem Arbeitsmarkt einen Job zu finden.

    Wer war bei Ihnen angestellt?

    Die eine Hälfte waren Sozialarbeiter, Erzieher und viele Rettungssanitäterassistenten. Die andere Hälfte waren unsere sogenannten Helfer, also eher fachfremde Mitarbeiter. Darunter waren auch viele ehemalige Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund, was sich schon allein wegen der Sprache angeboten hat. Um die kümmern wir uns jetzt auch besonders, weil sie zum Teil keine abgeschlossenen Berufsausbildungen haben. Für die anderen sehe ich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weil Stellen weiterhin, auch im Zuge der Integration, benötigt werden. Rund 20 Prozent konnten wir im DRK übernehmen. Die Flüchtlinge sind jetzt in die Kommunen gekommen, müssen aber dort noch weiter betreut werden. Die Integration muss ja gelingen. Und dafür braucht es Menschen, die sich darum kümmern.

    Von wie vielen Stellen sprechen wir hier?

    Für Rheinland-Pfalz haben wir etwa zwölf freie Projektstellen, aber in den kommunalen Einrichtungen sicher auch nochmals zehn bis fünfzehn. Darüber hinaus versuchen wir, alle frei werdenden Plätze in unseren Krankenhäusern, Altenheimen, Jugendhilfeeinrichtungen, also eigentlich überall, wo was frei wird, aufzunehmen. Ob das dann der Hausmeister ist oder der Pädagoge - solche Stellen bieten wir momentan den Mitarbeitern aus den Flüchtlingsheimen an.

    Wenn die Übernahme nicht klappt, wird ihren Mitarbeitern dann gekündigt?

    Nein. Wir sind sozial verträglich unterwegs. Wir brauchen zum einen einige Mitarbeiter noch vor Ort. Wenn dann bis Oktober oder November jemand noch nirgends untergekommen ist, dann müssen wir gemeinsam mit der ADD über diese Einzelfälle entscheiden. Aber wir kündigen nicht aktiv.

    Wie reagieren denn die Flüchtlingshelfer vor Ort, wenn sie erfahren, dass ihre Einrichtung nun geschlossen werden muss?

    Anke Marzi, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des DRK, über die aktuellen Schließungen der Erstaufnahmelager im Land
    Anke Marzi, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des DRK, über die aktuellen Schließungen der Erstaufnahmelager im Land

    Erst einmal herrscht große Enttäuschung. Die Arbeit hat allen sehr viel Spaß gemacht, seit Juli vergangenen Jahres sind unsere Mitarbeiter überall im Land unterwegs. Aber nach einem kurzen Moment des Innehaltens ist auch allen klar, dass der Zeitpunkt kommen musste, auch weil die Flüchtlingszahlen immer niedriger geworden sind. Aber vor allem haben alle erkannt, dass sie in einer ganz wichtigen Phase sehr viel bewirken konnten. Die meisten von unseren Mitarbeitern sind über sich hinaus gewachsen, haben Sachen gemacht, die sie sonst noch nie gemacht haben oder sonst so in ihrem Berufsleben nie gemacht hätten. Das waren richtige Lebenserfahrungen. Und wir konnten die Gesellschaft ein Stück mitgestalten in dieser Zeit. Es war ein sehr besonderes Jahr.

    Was passiert jetzt mit den Flüchtlingen?

    Die Flüchtlinge, die jetzt noch in den Einrichtungen leben, die nun geschlossen werden, kommen entweder in die Kommunen. Dort bekommen sie teilweise eine Wohnung zugewiesen, es kann aber auch sein, dass sie in eine kommunale Gemeinschaftsunterkunft kommen. Und alle anderen werden zeitnah in die noch übrigen Landeseinrichtungen verlegt.

    Was passiert, wenn der Flüchtlingsansturm wieder zunehmen sollte? Die Heime, die im vergangenen Jahr eigens für diese Situation eingerichtet wurden, werden nun aufgegeben. Ist das eine gute Idee?

    Vergangenes Jahr, vor der Flüchtlingswelle, gab es rund 2000 Stand-by-Plätze in Erstaufnahmeeinrichtungen, jetzt sind es etwa 7300. Und die lassen sich gut auf 9000 oder sogar 10 000 Plätze hochfahren. Man ist heute also besser aufgestellt als noch 2015. Aber es stimmt, die Heime werden geschlossen und rückgebaut. Das ist natürlich eine Gratwanderung: Auf der einen Seite ist ein Puffer nötig, auf der anderen Seite kann das Land nicht Zehntausende Plätze auf Dauer freihalten und Geld dafür ausgeben, wenn die Flüchtlingszahlen konstant rückläufig sind. Aber ich denke, wenn sich die Situation vom vergangenen Jahr wiederholen sollte, dann können wir das auch wieder schaffen. Wir sind jetzt besser vorbereitet.

    Die Aufregung 2015 war groß: Unzählige Flüchtlinge sind angekommen, Notunterkünfte wurden gebaut und Helfer eingestellt, das alles in einem wahnsinnigen Tempo. Und nun geht es so plötzlich zu Ende, wie es angefangen hat. War die ganze Aufregung also umsonst?

    Ich glaube, es war einfach ungewöhnlich, diese Bilder abends im Fernsehen zu sehen. Flüchtlingsströme, die in Massen nach Deutschland ziehen: Das kann im ersten Moment natürlich auch erschreckend wirken. Aber in dem Moment, wo man Kontakt mit den Flüchtlingen hat und man auch den Hintergrund erkennt, glaube ich, dass man viele Ängste nicht gebraucht hätte. Jetzt müssen wir schauen, dass die Integration gelingt. Ein Teil wird weiterwandern, ein Teil irgendwann zurückgehen in die Heimatländer, aber ein Teil wird auch sicher bei uns bleiben.

    Das Gespräch führte Nina Kugler

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