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    Ludwigshafen

    Eklat vor verschlossener Haustür: Helmut Kohls Sohn und Enkel werden nicht zu dem Toten gelassen

    Über die Jahre ist schon viel Unschönes aus dem Innenleben der Familie Kohl nach außen gedrungen. Doch was sich nun, nach dem Tod des Altkanzlers abspielt, hat eine neue Dimension. Eine öffentlich ausgetragene Familienschlacht.

    Begleitet von seinen beiden Kindern, versuchte Walter Kohl vergeblich, in das Haus seines Vaters in Ludwigshafen-Oggersheim zu gelangen. Ein Polizist wies ihn auf ein geltendes Hausverbot hin.
    Begleitet von seinen beiden Kindern, versuchte Walter Kohl vergeblich, in das Haus seines Vaters in Ludwigshafen-Oggersheim zu gelangen. Ein Polizist wies ihn auf ein geltendes Hausverbot hin.
    Foto: dpa

    Mittwochmittag, 12.30 Uhr. Walter Kohl taucht vor dem Haus seines Vaters in Ludwigshafen-Oggersheim auf. Mit dabei: die beiden Enkel des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl. Die drei sind schwarz gekleidet, gehen zur Haustür, Walter Kohl klingelt, klopft an die Tür. Klingelt wieder. Mit gesenkten Köpfen stehen die drei vor der Tür, warten. 

    Minute um Minute verstreicht. Die Szene wird gefilmt und fotografiert von Journalisten, die seit Tagen vor dem Haus ausharren. Die Tür bleibt zu. Die Gesichter der beiden Enkel verdunkeln sich. Ein Polizist weist die Besucher schließlich ab.

    Als „schwarzer Riese“ prägte Helmut Kohl Rheinland-Pfalz und setzte viele Reformen um. 1976 wechselte er, auch mit vielen Pfeifen im Gepäck in den Bundestag nach Bonn – zunächst als Oppositionsführer.
    Als „schwarzer Riese“ prägte Helmut Kohl Rheinland-Pfalz und setzte viele Reformen um. 1976 wechselte er, auch mit vielen Pfeifen im Gepäck in den Bundestag nach Bonn – zunächst als Oppositionsführer.
    Foto: dpa

    Der Beamte leitet die drei weg von der Tür. Auf dem Gehweg vor dem Haus folgt eine Unterhaltung zwischen Walter Kohl und dem Polizisten. Vor laufender Kamera. Der Uniformierte nuschelt etwas von Hausverbot und Führungshierarchien. „Und warum haben wir das Hausverbot?“, fragt Walter Kohl. Weil wohl ein Termin verstrichen sei, entgegnet der Polizist mit gesenkter Stimme, fast peinlich berührt. „Das ist eine Lüge“, entgegnet Walter Kohl. „Wir waren um 17 Uhr am Telefon, aber es wurde nicht angerufen. Das möchte ich nur amtlich feststellen hiermit“, sagt er mit einem kurzen Blick zur Seite in Richtung Kamera.

    Dann beruhigt Kohl den Polizisten, ihn treffe keine Schuld, er könne nichts dafür. Der Polizist stammelt ein wenig unbeholfen etwas von Beileid. „Das nehme ich auch gern entgegen“, sagt Kohl da noch. „Aber dass ich ein bisschen empört bin, können Sie sich vorstellen.“ Ende der Unterhaltung.

    Termin verstrichen? 17 Uhr? Worum geht es eigentlich? Die Replik aus dem Haus hinter der verschlossenen Tür lässt nicht lange auf sich warten. Die Witwe des Altkanzlers, Maike Kohl-Richter, die drinnen seit Freitag an der Seite ihres verstorbenen Mannes ist, lässt umgehend ihre Sicht auf die Dinge ausrichten – über ihren Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner, der lange auch Helmut Kohl selbst vertrat und enger Vertrauter war.

    Ratlos
    Ratlos: Walter Kohl verharrte gemeinsam mit zwei Enkelkindern eine halbe Stunden vor der geschlossenen Tür des Hauses in Oggersheim.
    Foto: Boris Roessler - dpa

    Holthoff-Pförtner sagt, er habe am Dienstag das Gespräch mit Walter Kohl gesucht, um die Abläufe der Trauerfeierlichkeiten für den Altkanzler am 1. Juli zu bereden – und zu klären, wie sich die Söhne und Enkel von Helmut Kohl verabschieden könnten. Ziel sei es gewesen, die Teilnahme der Söhne und ihrer Familien an allen Trauerzeremonien zu besprechen. Walter Kohl habe eingewilligt, am Dienstagnachmittag um 17 Uhr ein Telefonat dazu zu führen. Zum verabredeten Zeitpunkt sei Walter Kohl dann aber nicht erreichbar gewesen – trotz mehrfacher Kontaktversuche. „Er hat sich diesem Gespräch entzogen.“ Dass Walter Kohl stattdessen mit Kohls Enkeln unangemeldet vor dem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim auftaucht und um Einlass bittet, sei „die gewollte und bewusste Inszenierung eines Eklats“, klagt Holthoff-Pförtner. „Das sprengt den Rahmen dessen, was man tolerieren kann.“

    Walter Kohl ist in Ludwigshafen-Oggersheim schon verschwunden, als die Vorwürfe aus dem Inneren des Hauses laut werden. Zu erreichen ist er da auch auf anderem Weg nicht mehr. Es bleibt also vorerst bei zwei Seiten, die sich gegenseitig der Lüge bezichtigen und sich mit Vorwürfen überziehen. Aussage gegen Aussage. Dass das Verhältnis zwischen Kohls Söhnen und dessen zweiter Frau zerrüttet ist, ist kein Geheimnis. Dass ihr Streit aber derart eskaliert, das überrascht dann doch.

    Maike Kohl-Richter
    Maike Kohl-Richter war in den letzten Lebensjahren des Alt-Bundeskanzlers seine bei weitem wichtigste Bezugsperson.
    Foto: Arne Dedert - dpa

    Am Dienstag, eben um 17 Uhr, hatte Maike Kohl-Richters Entourage bekannt gegeben, dass Helmut Kohl nicht im Familiengrab an der Seite seiner ersten Frau Hannelore beerdigt wird, sondern auf einem Friedhof in Speyer: an einem symbolträchtigen Ort mit Bezug zum Speyerer Dom, der Kohl politisch wichtig war. Die Beisetzung dort sei Kohls ausdrücklicher Wunsch gewesen, heißt es. Auch das ist eine vielsagende Geste. Am 1. Juli stehen die Trauerfeierlichkeiten für Kohl in Straßburg und in Speyer an. Diese politische Würdigung wird nun überschattet von dem familiären Desaster.

    Von Christiane Jacke, Boris Roessler und Jan Brinkhus

    Gezerre um das Gedenken an Kohl

    Berlin/Rheinland-Pfalz. Die Vorbereitungen für das Gedenken an Helmut Kohl erweisen sich als komplizierter Balanceakt zwischen Politik und Familie. Bundesregierung und Präsidialamt konnten bisher jede öffentliche Auseinandersetzung vermeiden und folgten den Wünschen der Witwe Maike Kohl-Richter. So wird es keinen nationalen Staatsakt für den verstorbenen Kanzler der Einheit geben. Stattdessen ist für den 1. Juli um 11 Uhr im Europaparlament in Straßburg ein zweistündiger europäischer Trauerakt geplant.

    Spricht beim Trauerakt: Angela Merkel.
    Spricht beim Trauerakt: Angela Merkel.
    Foto: dpa

    Bei der Feierstunde werden neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, EU-Ratspräsident Donlad Tusk und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker sprechen. Auf der Rednerliste stehen zudem der französischen Präsident Emmanuel Macron und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton. Eine „Spiegel“-Meldung, wonach Kohls Witwe den Versuch unternommen haben soll, eine Rede Merkels bei der Trauerfeier zu verhindern, dafür aber den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán habe zu Wort kommen lassen wollen, dementierte Kohls Anwalt und langjähriger Vertrauter Stephan Holthoff-Pförtner. „Es gab zu keinem Zeitpunkt in der Familie Helmut Kohls Bedenken gegen eine Rede der Bundeskanzlerin beim Trauerakt in Straßburg“, sagte der Anwalt. Hätte der größte Kritiker von Merkels Flüchtlingspolitik, Orbán, gesprochen, die deutsche Kanzlerin aber nicht, wäre die Gedenkfeier zum Eklat geraten.

    Nach dem Trauerakt in Straßburg soll der Sarg per Hubschrauber nach Ludwigshafen gebracht und von dort nach Speyer überführt werden. Am späten Nachmittag ist im Speyerer Dom eine Totenmesse geplant. Danach soll sich ein „militärisches Abschiedszeremoniell mit Ehrenformation“ anschließen.

    Der Speyerer Dom spielte in Kohls Leben eine besondere Rolle. Er besuchte das Gotteshaus mit vielen Staats- und Regierungsgästen. Kohl pflegte zu sagen, wer den Speyerer Dom nicht kenne, der kenne auch seine Heimat, Deutschland und Europa nicht.

    Vorstellbar wäre natürlich auch gewesen, dass es eine europäische Trauerfeier und einen nationalen Staatsakt für Helmut Kohl gibt. In Deutschland ist das Präsidialamt dafür zuständig, einen solchen Staatsakt anzuordnen. Das Innenministerium kümmert sich um die Ausführung. Eine solche Zeremonie wird aber nicht ohne Zustimmung der Hinterbliebenen angeordnet. Nach dem Tod Kohls hatten die zuständigen Behörden mit Maike Kohl-Richter Kontakt aufgenommen. Dabei wurde deutlich, dass es keinen Staatsakt geben soll. Warum dieser nicht zustande kam, darüber gibt es verschiedene Varianten. Kohls Anwalt wies einen Bericht der „Bild“-Zeitung zurück, wonach die Wünsche für Gästeliste und Ablauf der Witwe die Organisation zu kompliziert gemacht hätten. Möglich ist auch, dass sich Kohl selbst zu Lebzeiten gegen einen nationalen Staatsakt ausgesprochen haben könnte und seine Witwe diesen Wunsch weitergab.

    Als ein mögliches Motiv, dass Kohl keinen nationalen Staatsakt gewünscht haben könnte, gilt auch sein Verhältnis zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der bei einem Staatsakt an der Spitze des Gedenkens an Kohl gestanden hätte. Nachdem Kohl 1998 abgewählt worden war, wurde Steinmeier zunächst Staatssekretär und dann Kanzleramtsminister bei Gerhard Schröder. In diese Zeit fällt der Vorwurf gegen Kohl, seine Regierung habe vor dem Abtreten Akten in größerem Umfang vernichtet. Das konnte allerdings nie nachgewiesen werden.

    Von unserer Berliner Korrespondentin Eva Quadbeck

    Helmut Kohl: Der Pfälzer und sein Abschied von der Weltbühne [mit Video]Entsetzen bei früheren Vertrauten Helmut Kohls: Die Tragik eines großen MannesKondolenzbuch für Kohl: Totenmesse im Speyerer Dom?Helmut Kohl gestorben: Die Reaktionen aus Rheinland-PfalzHelmut Kohl: Der Kanzler der Einheitweitere Links
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