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    USA/Büchel

    Eine „Bombe für alle Fälle“: Wie funktioniert die B61?

    Die Planungen für die Wasserstoffbombe B61 begannen vor 50 Jahren. Seit 1968 wurden mehr als 3000 Stück davon gebaut – jede geeignet, eine Großstadt zu Asche zu verbrennen. Noch 20 dieser Massenvernichtungswaffen sollen im Fliegerhorst Büchel über der Moselstadt Cochem lagern. Nun steht ihre Modernisierung an – und das geht nicht ganz ohne Risiko.

    Von unserem Redakteur Jochen Magnus

    Schon seit langem versuchen US-Militärs und Rüstungsindustrie, neue Atomwaffen zu entwickeln. Doch alle Vorhaben scheiterten in den vergangenen Jahrzehnten an der Politik, die sich der Abrüstung und einem Test- und Entwicklungsstopp verschrieben hatte. Doch mit den Versprechen größerer Sicherheit, Kostenersparnis und einer Reduzierung des Bestands ließ sich die US-Regierung zuletzt doch erweichen. Die B61 wird jetzt aufgepäppelt. Die neue Version 12 soll erheblich zielgenauer sein und damit weniger Sprengkraft benötigen – "nur" noch maximal 50 Kilotonnen, immer noch ein Mehrfaches der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe.

    Das bedeutet vor allem weniger "Kollateralschäden" durch radioaktive Verseuchung ganzer Landstriche wie im Falle der Megatonnenbomben. An hochmodernen Flugzeugen – nicht an den Tornados von Büchel – wird eine Variante ("System 2") mit Heckleitwerk und digitaler Steuerung montiert, die aus der bloßen Abwurfbombe eine präzise Lenkwaffe macht. Die neue B61 soll alle anderen US-Atombombentypen ablösen.

    US-Kongress-Report: Diese Bombe ist nicht ganz sicher

    Als Sprengkopf der B61-12 ist der gleiche vorgesehen, der heute auch in Büchel lagert, verbaut in der B61-4. Genau dieser Bombentyp wurde in einer Untersuchung im Auftrag des US-Kongresses als nur mäßig sicher bezeichnet. Zwar stammt der Bericht von 1991, aber die Konstruktion der B 61 ist noch viel älter. Die Bombe verfehlte das Sicherheitsprädikat, weil sie nicht ausreichend gegen Feuer abgeschirmt ist. Der Verbrennungstemperatur von Flugzeugbenzin (Kerosin) kann sie nicht lange widerstehen und so besteht die Gefahr, dass Plutionium austritt. Das ist ein chemisches Gift und vor allem höchst radioaktiv: Verschluckt oder atmet ein Mensch nur ein Millionstel Gramm davon, wird er wahrscheinlich an Krebs erkranken.

    Die Bomben lagern in „Grüften“

    Daher haben modernere Nuklearwaffen meist feuersichere Ummantelungen, die brennendem Kerosin einige Stunden lang widerstehen können. Für Altbomben, wie der B 61, empfahl der Kongressbericht, sie in Friedenszeiten nicht durch die Luft zu transportieren und keine damit bestückten Flugzeuge aufzutanken. Tatsächlich finden Übungsflüge mit dafür vorgesehenen Tornados nur mit Bombenattrappen statt. Die Bomben selbst lagern in unterirdischen „Grüften“, die als feuersicher gelten. Insoweit bestünde keine Gefahr einer Verseuchung durch das Bomben-Plutionium, falls in der Nähe ein Flugzeug abstürzte. Man muss schon ein Horrorszenario erfinden, zum Beispiel einen Crash zeitgleich mit dem Öffnen einer Bombengruft zu Wartungszwecken in einem offenen Hangar.

    Eine Atombombe als Zünder

    Viel dramatischer noch als eine großflächige Verseuchung mit ausgetretenem Plutonium wäre die Explosion einer B 61. Es handelt sich dabei um eine thermonukleare Waffe, eine Wasserstoffbombe, deren vernichtende Wirkung die der Hiroshima-Bombe um ein Vielfaches übertrifft. Um eine solche Bombe zu zünden – also um den Kernverschmelzungsprozess (Fusion) in Gang zu bringen – ist eine „normale Atombombe“ notwendig und in das Gehäuse eingebaut. Dieser nukleare Zünder enthält das Plutonium. Es ist zu einer Kugel geformt und von Sprengstoff umgeben, dessen Explosivkraft es über die „kritische Masse“ hinaus verdichten kann, was dann die nukleare Kettenreaktion auslöst. Weiteres Plutionium kann bei Waffen dieser Art im Zentrum der Wasserstoffbombe platziert sein und fungiert dort als zusätzliche nukleare „Zündkerze“.

    Unwahrscheinlicher GAU: eine thermonukleare Explosion 

    Die mehrstufige Zündung dieses Bombentyps ist eine technisch höchst komplizierte Abfolge von präzise aufeinander abgestimmten Prozessen. Sie wird erst nach der Authorisierung durch den US-Präsidenten mittels Code-Eingabe möglich. Im gesicherten Zustand sollen durch eine Reihe ausgefeilter Maßnahmen unbefugte oder versehentliche Zündungen nahezu ausgeschlossen sein. Abschätzungen ergaben eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Milliarde, dass eine gelagerte Bombe durch einen technischen Defekt mit voller Wirkung explodiert. In den allermeisten Fällen würde selbst eine versehentliche Explosion des chemischen Zünders keine Kettenreaktion in Gang setzen und damit würden weder die Sekundärstufe (Plutionium-Atombombe) und erst recht nicht die Primärstufe (Wasserstoffbombe) zünden.

    Der Transport der Bombe ist gefährlich – aber dennoch beabsichtigt

    Darf man also die ordnungsgemäß gelagerte und von US- und deutschen Spezialtruppen bewachten Bomben als recht gut gesichert ansehen, so entsteht ein signifikantes Risisko, wenn sie bewegt werden. Genau das wird passieren, falls die US-Air Force die B 61-Bomben zur Modernisierung in die USA und zurück transportieren würde. Das US-Militär möchte die bisher nur zum senkrechten Abwurf geeignete Bombe nämlich zur lenkbaren Waffe aufrüsten. Der Sprengkopf würde dabei nicht geändert, so dass auch die neue Version Feuer und Hitze nicht lange widerstehen könnte.

    Zweimal stürzten Atombomben ab

    Weil alle technischen Einzelheiten natürlich streng geheim sind, kann man sich nur auf die immerhin zahlreichen und gut dokumentierten Äußerungen von Experten verlassen oder auf einige ältere, öffentliche Berichte, wie den oben zitierten Kongress-Report. Seit der ersten Atombombe sind inzwischen 70 Jahre vergangenen. Zwar gab es in der 60er Jahren zwei Abstürze von B 52-Großbombern mit Nuklearwaffen (die dann auch Landstriche mit radioaktivem Material verseuchten), aber von einer unbeabsichtigten Atombombenexplosion ist nie etwas bekannt geworden.

    Die wahren Gefahren mögen da liegen, wo sie sich bei der zivilen Nutzung der Atomkraft ebenfalls gezeigt haben: In Schlamperei, Übermut, Ignoranz und Überforderung des Bedien- und Wartungspersonals, gerne auch in Kombination oder in der Verkettung unglaublicher und unglücklicher Umstände: eben jener typischen Grundlage menschengemachter Katastrophen.

    Lange galt der Entsicherungscode: 00000000

    Ein Beispiel für Ignoranz gefällig? Über 15 Jahre lang, bis 1977, während der heißesten Periode des Kalten Krieges, lautete der Entsicherungscode der US-Interkontinentalraketen: „00000000“. Das Oberkommando (Strategic Air Command) hielt die von Präsident Kennedy persönlich angeordnete Entsicherungsprozedur für zu umständlich und zeitraubend und hinterging damit seine Direktive.

    Kostenexplosion

    Rüstungsexperten kritisieren, dass mit der neuen All-In-One-Bombe Abrüstungsbestrebungen unterlaufen würden. Unter dem Deckmantel von mehr Sicherheit und Zuverlässigkeit würde eine leistungsfähigere, neue Generation von Atomwaffe entwickelt. In Europa seien bisher keine Bomben mit den militärischen Fähigkeiten der größeren B61-Varianten stationiert, schreibt Hans Kristensen von der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler. Die neue B61-12 solle das Potential all dieser Waffen in sich vereinen. "Nicht schlecht für eine simple Lebensdauerverlängerung", meint er ironisch. Das einzige, was die neue Bombe noch stoppen kann, sind die explodierenden Kosten: Von den ursprünglich geschätzten zwei Milliarden Dollar stiegen sie auf mittlerweile zehn Milliarden.

    Weiterführende Links und Quellen: 

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