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    Der seltsame Rücktritt des FDP-Manns Roth: Ex-Fraktionschef kam auf dem politischen Parkett nicht zurecht

    Vor wenigen Tagen hat der FDP-Fraktionschef im Mainzer Landtag das Handtuch geworfen. Doch das Tragische am Fall Thomas Roth(s) ist die Tatsache, dass sein Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt eine politische Dummheit war. Mehr noch: Der Liberale aus dem Westerwald hat sich damit maximal selbst beschädigt. Auf alle Zeiten wird diese Zäsur in seiner beruflichen und politischen Biografie mit den schlüpfrigen Passagen seiner Jugenderinnerungen verbunden bleiben. Schließlich bildete deren Veröffentlichung in der „Allgemeinen Zeitung“ den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

    Thomas Roth ist ein politischer Quereinsteiger. Ausgestattet mit einer bunten beruflichen Biografie, stieg er nach der Landtagswahl zum FDP-Fraktionschef auf. Vor wenigen Tagen trat er zurück.  Foto: dpa
    Thomas Roth ist ein politischer Quereinsteiger. Ausgestattet mit einer bunten beruflichen Biografie, stieg er nach der Landtagswahl zum FDP-Fraktionschef auf. Vor wenigen Tagen trat er zurück. 
    Foto: dpa

    Wäre Thomas Roth gut beraten gewesen, hätte er aus diesem Anlass niemals seinen Hut nehmen dürfen. Erstens gab er ohne Not alle seine Trümpfe aus der Hand. Zweitens ist ein solches Buch, das bereits seit anderthalb Jahren auf dem Markt ist, nur schwerlich als Rücktrittsgrund anzusehen. Die Gründe für das Scheitern Thomas Roths liegen gewiss viel tiefer.

    Die Vorgeschichte: Roths Einstieg in die Politik verlief wie vieles in seinem Leben: ungeplant und ein wenig chaotisch. Der heute 56-Jährige hatte auf Platz sieben der Landesliste kandidiert und sich keine großen Hoffnungen ausgerechnet. Doch der siebte Platz war der letzte, der für ein Mandat reichte. Plötzlich war der Westerwälder Kreisbeigeordneter im Landtag. Ein geborener Fraktionschef fehlte unter den sieben Abgeordneten. Parteichef Volker Wissing schied aus, da er den Wirtschaftsminister im Auge hatte. Wunschkandidatin Monika Becker, die frühere Vizepräsidentin der SGD Nord, wollte nicht, also fiel Wissings Wahl schließlich auf einen loyalen Getreuen, der sich leicht führen ließ und von dem er keine Querschüsse erwartete: auf Thomas Roth.

    Fraktionschef wurde somit ein Mann, der alles andere als einen geraden Weg hinter sich hatte. Roth studierte ein paar Jahre Betriebswirtschaft und Jura – ohne Abschluss. Dann machte er allerlei Jobs. Unter anderem suchte er in jungen Jahren Kandidaten für die „Herzblatt“-Sendung von Rudi Carrell aus. Der Liberale war in der Werbebranche aktiv, als Unternehmensberater, überführte Autos für eine Spedition in ganz Europa, war immer auf Achse. „Dieses freie Leben gefiel mir“, sagte er. Ruhiger wurde er erst, als er eine Familie gründete. Doch auch als Politiker entsprach er später nie so ganz der bürgerlichen Norm.

    Die Jugenderinnerung: Im März 2016 erschien sein erster Roman „Versetzung gefährdet“, ein 614-Seiten-Werk, das er quasi selbst verlegt hatte. In dem Buch arbeitete er „mit einem Augenzwinkern“, wie er in einem Gespräch lange vor seinem Rücktritt erklärte, seine Jugenderinnerungen auf. Der eher unangepasste Heimzögling hatte sich bereits in seiner Zeit an der katholischen Heimschule Lender in Sasbach (Erzdiözese Freiburg) Notizen gemacht. „Mein Traum war immer, ein Buch zu schreiben“, sagte er. Lange nach seiner Internatszeit schrieb er den Rohentwurf in drei Monaten nieder – rund 1000 Seiten. Vor seinem Einzug in den Landtag kürzte er seine Erinnerungen auf gut 600 Seiten runter. „Ich wollte sie unbedingt noch rausbringen, bevor ich in die Politik ging“, meinte er. In dem Gespräch vor Wochen erzählte er freimütig davon, dass er auch ein paar „sexuelle Eskapaden“ aus seiner Jugendzeit notiert habe. Sich selbst als Schüler bezeichnete er als „faule Socke“, die aber immerhin zum Schülersprecher gewählt wurde und immer noch in gutem Kontakt zur alten Schule steht.

    Auf Seite 323 bis 328 beschreibt Roth plastisch und mit Liebe zum Detail, wie er als unerfahrener Teenager seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Mädchen machte. Beide wurden überrascht, und er musste seine Gespielin im Bettkasten verstecken, bevor sie beenden konnten, womit sie so stürmisch begonnen hatten.

    Die Kurzschlussreaktion: In besagtem Zeitungsbericht wurde ein delikater Satz aus Roths Elaborat zitiert, eingebettet in die Kritik an seiner Amtsführung. Kurz später entschloss sich der FDP-Fraktionschef zurückzutreten. Dabei war sein Buch seit 19 Monaten frei zugänglich auf dem Markt. Selbstverständlich sind manche Passagen peinlich, aber die liberale Partei ist zugleich nicht gerade für ihre Prüderie und ihren Hang zur moralischen Keule bekannt. Und schließlich ist die Kritik an Roths Professionalität so alt wie seine Amtszeit.

    Hingeschmissen hat er vor allem, weil ihm die Nerven durchgingen. Roth fühlte sich von illoyalen „Parteifreunden“ umringt und von den Medien gejagt. Dabei hatte er sich in vergangenen Wochen sogar ein wenig gefangen. Was aber auch stimmt: Roth erweckte intern und extern nie den Eindruck, seinem komplexen Job gewachsen zu sein. Die Chance, es allen doch noch zu zeigen, hat er mit seinem Rücktritt verspielt.

    Die Konsequenzen: Mit mehr Nervenstärke und Weitblick hätte der sichtlich überforderte Roth den Zeitpunkt seines Rücktritts selbst bestimmen, sich einen souveränen Abgang ermöglichen und eine bessere Perspektive aushandeln können. Die Liberalen müssen etwa den Vizepräsidenten der SGD Nord neu besetzen. Nun ist der FDP-Mann für Spitzenämter vorerst politisch verbrannt. Er muss sein Dasein als Hinterbänkler fristen.

    Der Fall Roth zeigt aber auch, dass der Ruf nach Quereinsteigern in der Politik, die anders sind und denken, zwar groß ist, ihnen aber kaum Anfangsfehler zugebilligt werden. Am längsten überleben die Profis, die in Schablonen sprechen. Roths Nachfolgerin Cornelia Willius-Senzer (74), auch eine Quereinsteigerin, sollte gewarnt sein.

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

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