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    Bürgerfest in Mainz: Eine Ode an die Einheit

    Hunderttausende Menschen haben zwei Tage lang in Mainz die Deutsche Einheit gefeiert. Unsere Reporterinnen waren an beiden Tagen in der Stadt unterwegs. Sie haben Stimmen und Stimmungen eingefangen.

    Feiern im Schatten des Doms: Etwa 150 000 Menschen kamen am ersten Tag zum Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit nach Mainz. Insgesamt waren 500 000 erwartet worden.  Foto: dpa
    Feiern im Schatten des Doms: Etwa 150 000 Menschen kamen am ersten Tag zum Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit nach Mainz. Insgesamt waren 500 000 erwartet worden. 
    Foto: dpa

    Als Schüler wollte Edmund Elsen mit einem Freund einmal in die DDR reisen. Aber die Tour wurde ihnen nicht genehmigt. „Für mich persönlich war’s das dann, ich wollte da nie wieder hin“, sagt der heute 64-Jährige aus Alzey. Fast 50 Jahre später sitzt Elsen mit seiner Frau in Mainz auf einen brandenburgischen Kaffee an der Rheinpromenade.

    Nebenan gibt es schwäbische Maultaschen, Fisch von der Nordsee und Brötchen mit Lyoner aus dem Saarland. Grenzübergänge sind beim Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit in Mainz kein Problem mehr. Zwei Tage lang haben Bürger, Vertreter der Bundesländer und vieler Institutionen gemeinsam die Deutsche Einheit gefeiert.

    „Ich wollte da nie wieder hin.“ Als Schüler versuchte Edmund Elsen, in die DDR zu reisen, und scheiterte.
    „Ich wollte da nie wieder hin.“ Als Schüler versuchte Edmund Elsen, in die DDR zu reisen, und scheiterte.
    Foto: Ziegler

    Sich zu begegnen und sich austauschen, dazu rief die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer die Gäste auf. Sie eröffnete das Fest am Montagnachmittag gemeinsam mit dem Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling. Für den kommt das Tagesmotto „Zusammen sind wir Deutschland“ nicht von ungefähr: „Wir müssen deutlich machen, dass die Vielfalt uns stark und groß gemacht hat.“

    Was Vielfalt ausmacht, hat Gudrun Thorwarth direkt nach der Wende am eigenen Leib erfahren. Fast 30 Jahre lang lebte die gebürtige Mainzerin ganz nah an der Grenze zur DDR im oberfränkischen Bad Rodach. „Mitten im Wald war die Welt zu Ende“, sagt die 57-Jährige, „und dann: Plötzlich konnte man rüber.“ Zwischen den benachbarten Ortschaften entstand Tourismus im Kleinformat.

    „Mitten im Wald war die Welt zu Ende.“ Für Gudrun Thorwarth war der Osten unerreichbar.
    „Mitten im Wald war die Welt zu Ende.“ Für Gudrun Thorwarth war der Osten unerreichbar.
    Foto: Ziegler

    „Ganz viele Gänsehautgefühle“ hat die Mainzerin während ihrer Tour über das Festgelände, doch Deutschland könnte für sie noch mehr Einheit vertragen: „Im Kopf sind einige noch nicht ganz angekommen.“ Davon ist an den Festtagen zumindest auf den Straßen in Mainz wenig zu spüren. Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim offiziellen Festakt in der Rheingoldhalle die „Mauern zwischen unseren Lebenswelten“ beklagt, herrscht auf der Ländermeile Einigkeit: Hessen und Schleswig-Holstein liegen nebeneinander und schräg gegenüber dem Bayerischen Bierzelt schenken die Sachsen in ihrem Stand Wein aus.

    Dort sitzen auch die Pipperts – zwischen alter und neuer Heimat. Getrennt voneinander sind die Eheleute vor rund 60 Jahren aus der DDR geflohen, erst in Westdeutschland kreuzten sich ihre Wege. „Mein Vater wurde damals nur kurz aus dem Gefängnis entlassen. Über Nacht sind wir geflohen“, erzählt Ute Pippert (78). Die sowjetische Geheimpolizei war den Chemnitzern auf den Fersen, doch Pippert schaffte es über Westfalen und Stuttgart schließlich zu ihrem Ehemann Klaus nach Mainz. Ihren Dialekt legten die beiden ab, die Gedanken an die Heimat blieben. Der Mauerfall: eine Erlösung. „Wir wollten sofort nach Berlin fliegen, aber der letzte Platz im Flugzeug war gerade verkauft“, erinnert sich Klaus Pippert (83). Acht Tage später schafften es die beiden schließlich in die heutige Bundeshauptstadt. Vieles erinnert sie bis heute an diese emotionsgeladene Zeit wie etwa die Mauerteile, die sie als Andenken mitgenommen haben, oder die „Ode an die Freude“, die sich als Lied der Einheit bei dem Ehepaar eingeprägt hat. Zum Tag der Deutschen Einheit wurde die Symphonie zur rheinland-pfälzischen „Wir-Hymne“. Gemeinsam sangen die Menschen das Lied zum Abschluss der Feierlichkeiten am Rheinufer.

    Hymnen der Wiedervereinigung waren aber auch schon am Montagabend zu hören. Mit den Bands Karat und Münchener Freiheit erlebten die Zuschauer ostdeutsche und westdeutsche Musikgeschichte im Abstand von wenigen Minuten. Große Anziehungskraft hatte aber offenbar auch die zeitgenössische Musik. Um Tim Bendzko zu sehen, zwängte sich eine riesige Menschentraube durch den schmalen Einlass, für einige endete das Fest zur Einheit aber vor einem blickdichten Zaun.

    In Zeiten ständiger Terrorgefahr waren die Sicherheitsvorkehrungen groß. Mehr als 7000 Polizisten begleiteten das Einheitsfest, Zufahrtsstraßen wurden mit Betonsperren blockiert. Verschärfte Kontrollen gab es insbesondere auf der Meile der Verfassungsorgane. Wer die Stände von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat besuchen wollte, musste durch einen Sicherheitscheck. Wie eine gut bewachte Mauer teilten die weißen Zelte die Mainzer Kaiserstraße – kein Wunder, dass dieser Anblick Assoziationen bei so manchem Besucher hervorrief.

    Auch bei Thomas Molitor. Dass Deutschland getrennt war, wurde dem heute 53-Jährigen erst auf einem Lehrgang 1982 richtig bewusst. Während der Ausbildung zum Zollbeamten kam der gebürtige Trierer nach Mödlareuth. Durch das Dorf in Bayern und Thüringen verlief die innerdeutsche Grenze. „Die Mauer ging mitten durchs Dorf, Verwandte sind die Hänge hochgegangen, um sich zuzuwinken“, erzählt Molitor. Was seine Kollegen an der innerdeutschen Grenze damals angesichts des kaum vorhandenen Grenzverkehrs genau kontrollierten? Das weiß Molitor bis heute nicht genau.

    Auch Edmund Elsen wird wohl nie erfahren, warum er damals nicht in die DDR reisen durfte. Inzwischen kann ihm das aber auch egal sein. Er kann heute überall umherreisen. Und zum Tag der Deutschen Einheit tut er das auch jedes Jahr. Seit der Wiedervereinigung hat der 64-Jährige jeden Einheitstag besucht, denn der Feiertag hat für ihn eine ganz besondere Bedeutung: „Heutige Generationen können sich ein getrenntes Deutschland nicht mehr vorstellen.“

    [Update 4. Oktober]

    Rund 510.000 Menschen haben in Mainz friedlich den Tag der Deutschen Einheit gefeiert, teilte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Mittwoch mit. Am zweiten Tag hätten rund 360.000 Gäste die Ländermeile, die Musikbühnen oder andere Stände besucht. Am ersten Tag waren etwa 150.000 Besucher zum Bürgerfest gekommen. Damit erfüllte sich die Hoffnung der Organisatoren des zentralen Einheitsfests: Sie hatten mit einer halben Million Besuchern gerechnet.

    Mehr Eindrücke zum Tag der Deutschen Einheit finden Sie unter  www.ku-rz.de/einheit

    Von unseren Reporterinnen Marion Ziegler und Désirée Thorn

    Der Einheitstag in Zahlen

    4300 Polizisten waren beim Bürgerfest in Mainz am Dienstag im Einsatz, am Vortag waren es 3100. 80 Prozent der Beamten stellte Rheinland-Pfalz, der Rest kam aus 13 Ländern und vom Bundeskriminalamt. Die Spezialkräfte sollten sich meist im Hintergrund halten. Über der Stadt galt ein Teilflugverbot, ausgenommen waren Linienflüge. Mehr als 100 Lastwagen und Betonsteine standen auf Einfahrtstraßen.

    720 sogenannte lebende Infopoints schwirrten an den Festtagen durch die Mainzer Innenstadt. Als Wegweiser, Informationsverteiler oder auch Kritikannahmestelle mussten die Männer und Frauen in den leuchtend roten Jacken herhalten. Insgesamt waren 1000 Helfer im Einsatz, darunter 280 ehrenamtliche. Die jüngste Helferin ist 18 Jahre alt, der älteste Helfer 84.

    680 Menschen wohnen im Sicherheitsbereich. Sie mussten sich während der Feierlichkeiten ausweisen, wenn sie in ihre Häuser wollten. Wer von ihnen Besuch empfangen wollte, sollte ihn vorher registrieren lassen.

    Rheinland-Pfalz
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