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Rheinland-Pfalz

Blick über den Tellerrand: Umbenennungen sind allgemein unbeliebt – diese ist umstritten

Jasper Rothfels

Das kleine Seebad Loddin auf der Ostseeinsel Usedom hat etwas, was viele Gemeinden in Deutschland nicht haben: eine Dr.-Helmut-Kohl-Straße. Knapp 200 Meter lang ist die Straße, die ihren Namen laut Bürgermeister Ulrich Hahn (parteilos) wohl unmittelbar nach dem Einigungsvertrag erhielt. Der Beschluss der damaligen Gemeindevertretung sei „ohne große Schwierigkeiten gefasst worden“, berichtet der 79-Jährige. Von einem derart reibungslosen Ablauf bei der Benennung einer Straße nach dem im Juni verstorbenen Altkanzler kann so manche Kommune nur träumen.

Auf Usedom gibt es sie schon seit mehr als 25 Jahren: Im sogenannten Diplomatendorf im kleinen Seebad Loddin hat der in diesem Jahr gestorbene Altkanzler Helmut Kohl eine nach ihm benannte Straße. In anderen Orten Deutschlands sorgt die geplante Umbenennung für Diskussionen.  Foto: dpa
Auf Usedom gibt es sie schon seit mehr als 25 Jahren: Im sogenannten Diplomatendorf im kleinen Seebad Loddin hat der in diesem Jahr gestorbene Altkanzler Helmut Kohl eine nach ihm benannte Straße. In anderen Orten Deutschlands sorgt die geplante Umbenennung für Diskussionen.
Foto: dpa

In Kohls Heimatstadt Ludwigshafen und im benachbarten Frankenthal haben die von CDU-Rathausfraktionen im Eiltempo durchgedrückte Umbenennungsbeschlüsse nach dem Protest von Bürgern wieder gekippt. In Ludwigshafen, wo die Rheinallee zur Helmut-Kohl-Allee werden sollte, wehrten sich Geschäftsleute mit dem Argument, eine erneute Umbenennung der Straße verursache ihnen Kosten. In Frankenthal sollte der Jahrhunderte alte Rathausplatz Helmut-Kohl-Platz heißen, doch empörte Bürger sammelten Unterschriften dagegen.

Warum tun sich manche schwer damit, den für seine Verdienste um die Einheit und um Europa vielfach gewürdigten Staatsmann mit einer Umbenennung zu ehren? „Prinzipiell ist es für Menschen immer schwer, Veränderungen anzunehmen“, sagt die Psychotherapeutin HP Susanne Schultz, die ein Institut für Raumpsychologie leitet. Gerade Veränderungen, die räumliche Strukturen beträfen, wirkten besonders bedrohlich. Der Mensch identifiziere sich sehr stark mit seinem Standort, und wenn in der Umgebung etwas geändert werde – „und sei es nur ein Name“ –, verändere sich die Ortsidentifikation. „Und da ist es jetzt völlig egal, ob das Helmut Kohl oder Helmut Schmidt ist.“

Die Menschen früh einbeziehen

Außerdem werde ein solcher Schritt nur langsam akzeptiert, wenn er „von oben“ verordnet werde. „Da möchte ich das Gefühl haben, mit darüber bestimmen zu können“, erklärt Schultz. Sie empfiehlt, die Bürger früh einzubeziehen. „Und wenn die Menschen dann aktiv mit in so einen Prozess eingebunden sind, dann kriegt man auch viel eher so eine Bereitschaft, eine Veränderung anzunehmen.“

Der Politikwissenschaftler Timo Werner erwähnt angesichts der Proteste in den Städten eine steigende Skepsis der Menschen gegenüber Eliten, die auch repräsentativen Organen Schwierigkeiten bereite. „Da wird nicht mehr alles akzeptiert, was der Rat beschließt“, sagt der Geschäftsführer des Frank-Loeb-Instituts der Uni Koblenz-Landau. Andererseits sei die Politik – spätestens seit den Aktionen gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 – Bürgerprotest gegenüber sensibler geworden. Zwar habe in Ludwigshafen nicht die Mehrheit protestiert, aber es „genügt heute, wenn sich Protest formuliert. Und wenn Sie damit nicht klug umgehen als politischer Akteur, dann potenziert sich das eher noch.“

Ein anderer Punkt sei Kohl selbst, dem es nicht im gleichen Maß wie etwa Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker gelungen sei, in die Rolle des „elder statesman“ zu wechseln. „Das lag schon auch an ihm selbst“, sagt Werner und meint Kohls „politische Unversöhnlichkeit“ – auch gegenüber einstigen Parteifreunden – sowie seine Verstrickung in die CDU-Spendenaffäre. „Ich glaube, das ist auch bei der Bevölkerung einfach sehr präsent geblieben“, so Werner. Aber er ist sich sicher: „Die Plätze werden kommen, und auch die Straßen werden kommen.“

Tatsächlich wollen verschiedene Kommunen Kohl mit einem Platz oder einer Straße ehren, zum Beispiel Erfurt. Oder Idar-Oberstein. Dort entscheidet der Rat am Mittwoch darüber, ob die Stadt einen Helmut-Kohl-Platz bekommt. Nach einem Antrag der CDU-Fraktion soll der bisherige Europaplatz künftig „Dr. Helmut Kohl – Europaplatz“ heißen, sagt Fraktionschef Armin Korpus. Nach einer Beratung im Ältestenrat hoffe er, bei der Abstimmung im Stadtrat eine Mehrheit zu bekommen. Dann wäre Idar-Oberstein wohl die erste Kommune in Rheinland-Pfalz, die nach dem Tod des Altkanzlers im Juni eine Straße oder einen Platz nach ihm benennt.

Kosten will CDU-Fraktion tragen

Auch in Idar-Oberstein war ein erster Vorschlag nicht gut angekommen. Zuerst hatte die CDU-Fraktion bereits Ende Juni vorgeschlagen, den Platz „Auf der Idar“ umzubenennen. „Das war einerseits total verfrüht“, sagt Korpus. Zum anderen hätten Gespräche gezeigt, dass es sich bei „Auf der Idar“ um eine traditionelle Bezeichnung handele, die die Bürger nicht aufgeben wollten. Der nun gewählte, parkähnliche Europaplatz liege ganz in der Nähe und eigne sich ebenfalls gut, sagte der Fraktionsvorsitzende. Es gebe auch keine Anwohner, die ihre Adresse ändern müssten. Die Kosten für die Beschilderung werde die CDU-Fraktion übernehmen, sagte er. Die Umsetzung könne rasch gehen. Kohl sei der Edelsteinstadt Idar-Oberstein sehr verbunden gewesen, sagte Korpus. Er sei zweimal zu Besuch und „ein Freund von Mineralien“ gewesen: „In seinem Arbeitszimmer hatte er eine riesige Mineraliensammlung hinter dem Schreibtisch. Er war sehr interessiert an den Edelsteinen, er wusste genau, wovon er sprach.“

Von Jasper Rothfels (dpa)

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