40.000
Aus unserem Archiv
Rheinland-Pfalz

Automatensprenger schlagen ungebremst zu: Polizei im Land gründet Ermittlungsgruppe – Banken rüsten auf

Andreas Egenolf

Es ist schon wieder passiert: In der Nacht zum Mittwoch ist in Mayen ein Geldautomat in die Luft gejagt worden. Der Sachschaden beträgt 30.000 Euro, von den Tätern fehlt jede Spur. Und Mayen ist kein Einzelfall – die Zahl der Automatensprengungen im Land steigt rapide.

2017 waren es nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) 23 Fälle, 2018 schon vier. Davor waren 2015 und 2016 insgesamt nur jeweils fünf Fälle gezählt worden. Jüngst hatten die Täter auch in Höhr-Grenzhausen (Westerwaldkreis) zugeschlagen.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

Keine zehn Minuten hatte es gedauert, bis der Eingang des Rathauses der Verbandsgemeinde Mitte Februar in Schutt und Asche lag. Die Täter waren schon kurz danach über alle Berge.

Die Banken im Land rüsten sich gegen die Sprengüberfälle, auch die rheinland-pfälzische Polizei geht neue Wege. Allerdings: In die Karten schauen lassen will sich beim Kampf gegen die Verbrecher kaum jemand. 23 Mal haben Diebe im vergangenen Jahr mit einem Gasgemisch Geldautomaten im Land gesprengt, in elf Fällen konnten sie samt Beute fliehen. Wie hoch der erbeutete Betrag oder die Summe der Schäden waren, will das LKA auf Anfrage unserer Zeitung aus „ermittlungstaktischen und präventiven Gründen“ nicht mitteilen – sicher auch, um Nachahmungstaten zu verhindern.

Schaden im Millionenbereich

Eine kleine Anfrage der CDU-Fraktion im Landtag aus dem Jahr 2015 zeigt aber, dass die Summe mittlerweile im Millionenbereich liegen dürfte. Die Gesamtschadenssumme wurde damals vom Innenministerium auf rund 555.000 Euro beziffert – bei nur vier Sprengungen im kompletten Jahr 2015.

Mehr Fälle, höherer Schaden – auch das führte dazu, dass die Polizei im Land ihr Vorgehen geändert hat: Während zuvor jedes der fünf Polizeipräsidien eigene Ermittlungen anstellte, wurden diese Mitte Januar unter der Führung des Polizeipräsidiums Mainz in einer zentralen Ermittlungsgruppe gebündelt. Hier wird unter anderem geschaut, ob verschiedene Spuren deckungsgleich sind und möglicherweise dieselben Täter am Werk waren. Die Arbeitsgruppe stimmt sich regelmäßig mit Ermittlern anderer Bundesländer ab. Erste Erfolge gab es rasch: Jüngst wurde in Karlsruhe ein 27-Jähriger festgenommen, der im Landkreis Südliche Weinstraße im August 2017 einen Bankautomaten gesprengt haben soll.

Wer für die weiteren Automatensprengungen verantwortlich ist, dazu will sich das LKA nicht äußern – im Gegensatz zum Bundeskriminalamt (BKA). Seit 2015 informiert die Bundesbehörde mit einem jährlichen Bericht über die Angriffe auf Geldautomaten. Daraus geht hervor, dass in Deutschland verhältnismäßig häufig Gruppierungen aus den Niederlanden an den Sprengungen der Geldautomaten beteiligt sind. So waren allein im Jahr 2016 20 der insgesamt 45 in der Bundesrepublik verhafteten Tatverdächtigen niederländische Staatsangehörige. Nachdem im westlichen Nachbarland in den vergangenen Jahren die Sicherheitsvorkehrungen durch die Banken erhöht und die Strafverfolgung intensiviert wurden, scheinen die Verbrecher nunmehr ihr Glück in den angrenzenden Bundesländern wie zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen zu suchen. Auch Rheinland-Pfalz mit seinen ländlichen Regionen und den verkehrsgünstigen Anbindungen in Richtung Niederlande ist in den Fokus der Täter gerückt.

Das Aufrüsten beginnt

Banken und Polizei wollen sich gegen die Automatensprenger wappnen. „Grundsätzlich können flächendeckende, spezifische Maßnahmenbündel zur Reduzierung der Fallzahlen führen“, sagt Jessica Maron vom LKA. Die Landesbehörde empfiehlt den Banken unter anderem die 24-Stunden-Bereiche in der wenig frequentierten Zeit von 0 bis 5 Uhr zu schließen, die Geldautomaten mit weniger Geld zu bestücken oder die Geräte technisch nachzurüsten. Laut Landes-Sparkassenverband setzen die Institute im Land „umfangreiche bauliche, sicherheitstechnische und organisatorische Maßnahmen um“, um dadurch einen „Abbau von Anreizen für Angriffe“ zu schaffen. Mögliche Maßnahmen sind verstärkte Tresore, Geldeinfärbesysteme, Raumvernebelung oder gasgeschützte Geldautomaten.

Die Banken selbst äußern sich auf Anfrage unserer Zeitung nur zurückhaltend. Die Mainzer Volksbank setzt beispielsweise auf Gasdetektoren. Sie erkennen eingeleitete Gase und bringen diese frühzeitig zur Verpuffung, sodass es zur keiner schwerwiegenden Explosion kommt. Ein Betrag im „dreistelligen Tausenderbereich“ wurde nach Angaben der Bank in die Automatensicherung investiert. Die Nassauische Sparkasse setzt auf Geldautomaten mit mechanischen Verstärkungen, die die Sprengwirkung minimieren.

Auf jeden Fall lohnend sind die Umrüstungen der Geldautomaten für den Hersteller Diebold Nixdorf aus Paderborn. Nach eigenen Angaben stammen rund zwei Drittel der Bankautomaten in Deutschland aus dem Unternehmen. „Die Nachfrage nach speziell gegen Sprengungen gesicherten Geldautomaten entwickelt sich nachhaltig positiv“, erklärt Unternehmenssprecher Ulrich Nolte auf Nachfrage.

Teure Tinte

Die Nachrüstung bestehender Automaten mit Tintentechnologie, die das Geld bei Angriffen einfärbt und unbrauchbar macht, kostet pro Automat rund 4000 Euro. Für Automaten, wie sie beispielsweise die Mainzer Volksbank nutzt, steigt der Preis eines Geldautomaten, der je nach Ausstattung und Funktionalität zwischen 10.000 und 20.000 Euro kostet, nochmals um 20 Prozent. Eine Investition, die sich lohnen könnte. Denn die Serie der Automatensprengungen im Land reißt nicht ab. Andreas Egenolf

Rheinland-Pfalz
Meistgelesene Artikel
Anzeige
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Das Wetter in der Region
Dienstag

4°C - 17°C
Mittwoch

6°C - 19°C
Donnerstag

9°C - 23°C
Freitag

7°C - 19°C

Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

Anzeige
Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!