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Berlin

Andrea Nahles: Die Trümmerfrau der SPD

Georg Ismar

Andrea Nahles verfolgt dieser Satz. „Ab morgen gibt's in die Fresse.“ Das sagte sie nach der Bundestagswahl in Richtung Union. Es war ironisch gemeint, die neue SPD-Fraktionschefin kündigte eine harte Opposition in Richtung der vermeintlich zustande kommenden Jamaikakoalition an.

Andrea Nahles auf dem Sprung an die Spitze: An diesem Dienstag könnte die 47-Jährige aus der Eifel Vorsitzende der SPD werden. Foto: dpa
Andrea Nahles auf dem Sprung an die Spitze: An diesem Dienstag könnte die 47-Jährige aus der Eifel Vorsitzende der SPD werden.
Foto: dpa

Es kam alles anders. Auch für sie persönlich. Derzeit bekommt vor allem die SPD einiges ab. Nach dem Fiasko mit Martin Schulz soll Nahles nun für den Generationswechsel stehen. Die erste Frau an der Spitze der altehrwürdigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – an diesem Dienstag berät das Präsidium, ob sie wegen der Turbulenzen sofort den Vorsitz von ihrem gescheiterten Vorgänger übernimmt. Zunächst kommissarisch.

Sie war es, die am 21. Januar mit einer fulminanten Rede beim Sonderparteitag in Bonn die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit CDU/CSU rettete. Sie verwarf ihr Manuskript und setzte auf Emotion. Sie sei in der Politik, weil sie Großes im Kleinen sehe, eben den kleinen Veränderungen, von denen aber Millionen profitierten. „Die zeigen uns 'nen Vogel“, rief sie mit Blick auf die Wähler, wenn man trotz der Sondierungsergebnisse mit viel SPD-Rot nicht verhandele.

Die 47 Jahre alte Germanistin und engagierte Katholikin ist jetzt so was wie die Trümmerfrau der SPD. Sie muss die Partei modernisieren, verjüngen, die dramatische strukturelle Schwäche in Ost- und Süddeutschland angehen, eine Zukunftsidee entwickeln, die SPD wieder näher an die Leute heranrücken. Um der AfD Wähler wieder abzutrotzen.

Und als allererstes die SPD-Mitglieder zum Ja für die große Koalition bewegen. Es ist ein fast unmenschliches Pensum. Seit Monaten. Mit einem Klare-Kante-Kurs, frohem Gemüt und mitunter einem Hang zum Infantilen („Bätschi“ an die Union, Pipi-Langstrumpf-Lied im Bundestag) sorgt Nahles oft für Aufsehen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schätzt sie als professionelle Politikerin. Als Arbeitsministerin (2013 – 2017) setzte Nahles den historischen Mindestlohn von 8,50 Euro durch.

In ihrer Abizeitung nannte sie bei der Frage nach dem Berufswunsch zwei Alternativen: „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“. Da es in ihrem Heimatdorf Weiler in der Eifel keinen SPD-Ortsverein gab, gründete sie selbst einen. Bis heute ist sie sehr heimatverbunden. Ihre siebenjährige Tochter Ella Maria geht daheim zur Schule. Nahles fährt am Wochenende nach Hause, wenn es geht. Nachdem sie bis Mittwoch den Koalitionsvertrag mit der Union ausgehandelt und danach abends noch mit Schulz eine Pressekonferenz zur Übernahme des SPD-Vorsitzes gegeben hatte, war sie Donnerstag zum Weiberfastnachtsumzug wieder daheim. Verkleidet als Clown.

Nun muss die über ein beachtliches Netzwerk verfügende Tochter eines Maurers den Neuaufbau der SPD in Angriff nehmen. Doch die Umstände haben ihr geschadet, auch wenn sie sich dagegen wehrt, dass der Wechsel auf dem SPD-Vorsitz wieder mal eine Sturzgeburt sei.

Auf die Frage, was sie besser als Schulz könne, sagte sie bei der gemeinsamen Pressekonferenz: „Stricken“. Sie war bis an die Grenze loyal zu ihm. Sie habe diesen Schritt mit Schulz freundschaftlich entschieden. Man sei fair miteinander umgegangen. „Ich habe auch schon anderes in dieser Partei erlebt“, so Nahles.

Dennoch werden ihr zwei Dinge vorgehalten: Erstens, dass die Nachfolge „wie bei den Männern“ wieder im kleinen Kreis entschieden wurde. Schon gibt es Forderungen von allen Seiten, dies künftig zwischen mehreren Bewerbern per Urwahl durch alle SPD-Mitglieder zu entscheiden. Und zweitens fragen sich viele, warum sie und SPD-Vize Olaf Scholz, der mögliche Vizekanzler und Finanzminister, nicht Schulz Einhalt geboten haben bei seinem Plan, zwar den Vorsitz abzugeben, aber sich als Außenminister in die Regierung zu retten. Nahles hat normalerweise ein gutes Gespür für die Basis. Musste sie nicht wissen, dass der Wortbruch von Schulz („In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nicht eintreten“) zu einem Proteststurm führen würde? Oder ließ sie ihn bewusst ins Messer laufen, um nicht wieder wie 2005 als Königsmörderin dazustehen?

Es ist eine Ironie der Geschichte. Denn schon das zweite Mal ist sie Hauptprotagonistin bei Verwerfungen in der SPD während der Bildung einer großen Koalition. 2005 gehörte die frühere Jusochefin noch klar zum linken Parteiflügel. Sie trat in einer Kampfabstimmung um den Generalsekretärsposten gegen den Kandidaten des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering an, Kajo Wasserhövel. Nahles gewann – und Müntefering trat zurück. Matthias Platzeck wurde sein Nachfolger, und Andrea Nahles wurde damals (noch) nicht Generalsekretärin.

Von Georg Ismar

Die fünf Herausforderungen für die neue Vorsitzende

Die künftige SPD-Chefin Andrea Nahles muss erst mal das Ja der Mitglieder zum Koalitionsvertrag mit CDU/CSU sichern –daneben gibt es Scherben zusammenzukehren und große Herausforderungen.

  • Diaspora: In Ostdeutschland liegt die SPD in vielen Regionen hinter der AfD, in Baden-Württemberg bei zwölf Prozent, in Bayern ist es nicht viel mehr. Ganze Landstriche drohen zur SPD-freien Zone zu werden, es wird immer schwerer, geeignete Mandatsträger zu finden.
  • Programm: Immer wenn die SPD schlecht da steht, wird nach einem neuen Grundsatzprogramm gerufen. Und einem Revidieren der Agenda 2010 von Gerhard Schröder. Statt einem Sammelsurium an Ideen, muss Nahles ein paar knackige Zukunftsvorschläge mit entwickeln, einen Aufbruch.
  • Mitglieder: Trotz vieler Neueintritte junger Leute liegt das Alter im Durchschnitt bei über 60 Jahren. Mit Generalsekretär Lars Klingbeil sollen Onlineforen entwickelt werden, um sich schneller und besser an Debatten beteiligen zu können – und nicht mehr nur im Ortsverein.
  • Personal: Was macht Nahles mit dem beliebten Außenminister Sigmar Gabriel? Wo sind junge Hoffnungsträger? Findet sie neue Talente in Ostdeutschland, die dort für neuen Zulauf sorgen können? Wie kann die SPD sympathischer und weniger nörgelnd und griesgrämig daherkommen?
  • Kommunikation: Politik besser verkaufen, verständlichere Botschaften sind das Ziel. Und wenn einer Erfolge schlecht reden kann, dann die SPD. Wie sagte Altkanzler Schröder, Luther zitierend: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“.
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