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Neuwied

Abtreibung muss nicht der letzte Ausweg sein

Vielleicht war der Schwangerschaftstest ja kaputt? Ein flaues Gefühl machte sich im Magen der 26-jährigen Amelina K. (Name geändert) breit, als sie auf das kleine Fenster mit den beiden Streifen blickte. Die entscheidende Linie war so blass. Sie dachte an ihre Schulden und ihren arbeitslosen Mann. Jetzt noch ein Kind? Oh nein.

"Oh nein. Jetzt noch ein Kind?"
"Oh nein. Jetzt noch ein Kind?"
Foto: Mascha Brichta

Neuwied – Vielleicht war der Schwangerschaftstest ja kaputt? Ein flaues Gefühl machte sich im Magen der damals 26-jährigen Amelina K. (Name geändert) breit, als sie im Januar 2009 auf das kleine Fenster mit den beiden Streifen blickte. Die entscheidende Linie war so blass.

Amelina packte den Test zurück in die Packung, wickelte ihn dick mit Klopapier ein und schob ihn in den Mülleimer. Ganz nach unten. Und obwohl sie eine Vorahnung gehabt und ihre kleine Anderthalbjährige ihr so seltsam über den Bauch gestreichelt hatte, ging sie am nächsten Tag noch einmal in die Apotheke und kaufte einen zweiten Test. Diesmal den aus der Werbung, mit dem guten Warentestergebnis. Niemand war zu Hause, der die Gewissheit in Amelinas Gesicht hätte lesen können: Positiv. Jetzt noch ein Kind? Oh nein.

Amelina stellte sich ans Fenster. Beruhigte sich. Dachte nach. Da waren die Arbeitslosigkeit ihres Mannes und ihre Schulden. Sie stellte sich vor, wie sie sich fühlen würde nach einer Abtreibung. Versetzte sich in die Zukunft, erfühlte die Konsequenzen einer solchen Entscheidung. Ganz klein war das Gefühl aus diesem Gedankenexperiment noch, da brach Amelina ab. Eine Abtreibung, das entschied sie in diesen 15 Minuten am Fenster, kam für sie nicht infrage.

Angst vor Verurteilungen

Danach weihte Amelina ihren Ehemann ein. „Was wäre, wenn ich jetzt schwanger wäre?“, fragte sie ihn nervös. Die Antwort war ein Stutzen, eine lächelnde Nachfrage, dann Freude. Allerdings wurde die über die Zeit getrübt – die täglichen Mahnungen steckte Amelina in ihre Handtasche ganz nach unten oder ungeöffnet in Schubladen. Im Mai wurde ihr klar, dass sie es allein vielleicht nicht schaffen würden und machte den Termin bei der Schwangerschaftskonfliktberatung des Diakonischen Werkes Neuwied aus.

Immer weniger Menschen werden ungewollt schwanger. Aber wenn es doch passiert, ist eine Beratungsstelle für die betroffenen Frauen Gold wert. Zumindest sieht Amelina das so. Von dem Angebot der Diakonie wusste sie durch eine Bekannte. Trotzdem zögerte sie: „Ich mache meine Probleme eher mit mir allein aus.“ Außerdem waren da die Sorgen, verurteilt zu werden: „Ich hatte Angst, dass es Vorurteile geben würde. Warum hat sie nicht richtig verhütet? Typisch: Mit 20 000 Euro verschuldet und arbeitslos, und dann Kinder in die Welt setzen. Und dann auch noch einen Migrationshintergrund.“ Doch bei der Beratung spürte sie nichts dergleichen: „Schon allein in der Gestaltung der Räume wird man aufgefangen: helle Räume, schöne Deko. Das ist natürlich nicht das Wichtigste, aber mir hat es geholfen, mich zu öffnen“, sagt Amelina.

Diplom-Psychologin Gabriele Kühner-Wettengel, Diplom-Sozialpädagogin Elke Voß und Diplom-Sozialarbeiterin Regine Wilke beraten Frauen, die wie Amelina in einen Schwangerschaftskonflikt geraten. Das betrifft zunächst die Frage, ob die Frau das Kind möchte. Entscheidet sie sich für das Kind, bietet das Team an, sie bis zur Geburt und auf Wunsch auch darüber hinaus zu begleiten. Aber auch bei Partnerschaftskonflikten, Belastung durch weitere Kinder, fehlendem Rückhalt in der Familie, psychischen Problemen oder Schulden kann man sich an die evangelischen Beraterinnen wenden.

Wird der Schwangerschaftsabbruch dennoch gewünscht, stellt die Diakonie auch die dafür notwendige Beratungsbescheinigung aus. In Amelinas Fall beantragten die Beraterinnen für die werdende Mutter zuerst einmal Finanzhilfen von der Bundesstiftung „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“. Den Auszahlungsmodus legten sie in der Beratung fest.

Als Amelina im vierten Monat schwanger war, erzählte sie den Beraterinnen von ihren hohen Schulden. Die vermittelten einen Termin bei der Schuldnerberatung in der Diakonie.

Schulden in den Griff bekommen

Dort setzten sich Amelina und die Beraterin zusammen und machten einen Haushaltsplan. Bald war klar: An einer Privatinsolvenz führte kein Weg vorbei. „Ich hätte es nicht geschafft, den Antrag zu stellen. Die Schuldnerberatung hat mich dabei unterstützt. Und mir fiel ja so ein Stein vom Herzen, als ich das Schreiben vom Amtsgericht, dass das Verfahren nun endlich eröffnet ist, in Händen hielt“, erzählt Amelina.

Heute sagt sie: „Das war die richtige Entscheidung. Ich gehe immer noch regelmäßig zum Frauenfrühstück ins Diakonische Werk.“ So wie auch drei Wochen nach der Geburt Anfang November 2009, als sie die Beraterinnen mit ihrem zweiten Töchterchen überraschte. „Diese Besuche zeigen uns, warum wir tun, was wir tun“, erinnert sich Regine Wilke an den Novembertag.

Von unserer Reporterin Sandra Elgaß (Twitter: @RZ_Elgass)

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