Archivierter Artikel vom 01.07.2019, 14:06 Uhr
Vallendar

„Wenn die Gondeln Kajaks jagen“ – Wanderfahrer des FWV Vallendar paddeln in der Lagune von Venedig

Eine kleine Gruppe Wanderpaddler des Freier Wassersportverein (FWV) Vallendar war mit der vom VfL Brohl organisierten Urlaubsfahrt des Kanuverbands Rheinland eine Woche lang mit dem Kajak in und rund um Venedig unterwegs.

Foto: Birgit Becker

Als „Basis“ diente der auf dem Festland gelegene etwa 10 Kilometer von Venedig entfernte Campingplatz „Miramare“ in Punta Sabbioni. Der örtliche Kanuclub „I Canottieri Treporti“ erlaubt Gästen des Campingplatzes, seinen Parkplatz und den eigenen Strand zum Einsetzen von Booten zu benutzen. Die Lagune von Venedig hat etwa die Größe des Bodensees. Salzwiesen, Sandbänke, Kanäle, winzige Inseln und Sümpfe schauen zum Teil nur bei Ebbe aus dem Wasser heraus. Dort, wo die großen Schifffahrtsstraßen entlangführen, ist das Wasser 15 bis 20 Meter tief, an vielen Stellen sonst nur einen halben Meter. In der Lagune mischen sich Salz- und Süßwasser, sie ist Lebensraum für viele Fische, Vögel und Pflanzen, und es ist ein besonderes Erlebnis, hier zu paddeln.

Foto: Birgit Becker

Am Wochenende erlauben die Behörden, auch in den Kanälen Venedigs zu paddeln. Der vier Kilometer lange Canale Grande, die Hauptverkehrsader Venedigs, darf jedoch nur einmal im Jahr, bei der so genannten „Voga longa“ (zu deutsch: „lange Welle“) auch von Kajaks und Ruderbooten befahren werden, ansonsten ist er den Gondolieri, Vaporetti, Wassertaxen und anderen Motor-Schiffen vorbehalten. Nicht weniger verlockend ist es jedoch, sich mit dem Kajak im Labyrinth der kleinen Kanäle zu verlieren, die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive zu erkunden und Ausschau nach den Drehorten der beliebten Kriminalfilme um Commissario Brunetti zu halten.

Foto: Birgit Becker

„La Serenissima“ – die „Allerdurchlauchtigste“, so preisen die Venezianer Glanz und Größe ihrer auf sechs Inseln in der Lagune verteilten Stadt. Nicht nur zur gerade stattfindenden Biennale ist Venedig ein Touristenmagnet. Abseits der Touristenströme um den Markusplatz und der Rialtobrücke gibt es jedoch viele verwunschene (und manchmal fast menschenleere) Brücken, Straßen und Plätze zu entdecken, die ihren ganz eigenen Zauber verbreiten. Manchmal muss der Kopf eingezogen werden, um bei Hochwasser im Kajak unter einer der niedrigen Brücken hindurch zu kommen. Und manche Kanäle sind so eng, dass sie als „Einbahnstraßen“ gekennzeichnet sind und das Wenden im langen Seekajak schwierig wird.

Foto: Birgit Becker

Da Gondeln nicht mit Hupen oder anderen akustischen Signalen ausgestattet sind, machen sich die Gondolieri durch lautstarke „Hoi-Hoi-Hoi“-Rufe bemerkbar, bevor sie um die Ecke biegen – Kajakfahrern bleibt dann nichts anderes übrig, als sich eng an die Mauer zu drücken, bis die Gondel vorbeigefahren ist. Wenn eines der zahlreichen Kreuzfahrtschiffe anlegt, kommt es leicht schon einmal zum Stau und zu längeren Wartezeiten. Paddler scheinen neben den Sehenswürdigkeiten der Serenissima ein ausgesprochen beliebtes Fotomotiv bei Touristen aus aller Welt zu sein, besonders wenn sie ihnen beim Ein- und Aussteigen an einer steilen Treppe zuschauen können.

Eine weitere Paddeltour in der Lagune führte vorbei an der Friedhofsinsel San Michele nach Torcello und Burano. Torcello war im zehnten Jahrhundert bedeutsamer als Venedig: Archäologen entdeckten bei Ausgrabungen in den 1970er Jahren den zwei Meter unter dem Wasserspiegel gelegenen Fußboden einer römischen Villa. Im siebten Jahrhundert wurde die Insel zum Bischofssitz. Die Basilika Santa Maria Assunta mit ihren großartigen byzantinischen Mosaiken und Ikonen begeistert auch heute noch Besucher aus aller Welt. Vom Campanile genießt man einen herrlichen Rundblick über die ganze Lagune.

Nicht ganz so berühmt wie die Nachbarinsel Murano ist Burano mit seinen bunten Häuschen, die sich malerisch im Wasser spiegeln. Seit Jahrhunderten ist die berühmt für filigrane Spitzen und Stickereien. Echte Burano-Spitze ist heute allerdings nur noch schwer zu finden und ein echtes Luxusgut: die meisten der entlang der Via Galuppi angebotenen Decken sind maschinell hergestellt Billigimporte aus Fernost.

Die letzte Paddeltour führte nach Murano, vorbei an Sant‘ Erasmo zur Isola del Deserto. Um nach Murano zu gelangen, müssen mehrere große Schifffahrtsstraßen gequert werden, ein im Kajak nicht ganz einfaches Unterfangen. Auf dem Hauptkanal herrscht ähnlich wie auf dem Canale Grande drüben in Venedig reges Treiben, jedoch sind es hier nicht die „Hoi-Hoi-Hoi“-Rufe, der Gondolieri, die schnelle Reaktion beim Paddeln erfordern, sondern die Hupen der zahlreichen Vaporetti. Murano ist berühmt für seine oft sehr bunte Glaskunst. Ende des 13. Jahrhunderts nutzten die Venezianer einen Brand, um per Edikt das gefährliche Glasbläserhandwerk auf die am Canale die Marani gelegene Insel zu verbannen. Kein Glashandwerker durfte die Insel jemals verlassen: auf die Preisgabe des Glasgeheimnisses oder Flucht stand die Todesstrafe. Dafür genossen die Glasbläser höchstes Ansehen in der venezianischen Gesellschaft. Echte Kunstwerke zu horrenden Preisen lassen sich auch heute noch finden, jedoch wird auch der Großteil der in den Straßen von Murano angebotenen farbenfrohen Gläser, Schlüsselanhänger und Tierfiguren heute maschinell in Fernost erzeugt.

Seit mehr als 1000 Jahren werden auf der Klosterinsel Sant‘ Erasmo Artischocken und anderes Gemüse angebaut und per Boot zum Rialto-Markt gebracht. Zu den schönsten Zielen in der Lagune von Venedig gehört mit Sicherheit die unbekannte kleine Klosterinsel San Francesco del Deserto, auf das sich 1220 Franz von Assisi zurückgezogen hatte. An dieser Stelle errichteten später Franziskanermönche ein von einem Garten umgebenes Kloster mit wunderschönen Kreuzgängen.

Fast 100 Kilometer legten die Paddler mit ihren Kajaks in der Lagune zurück und genossen dabei nicht nur die grandiose Kultur- und Naturlandschaft, sondern auch die kulinarischen Besonderheiten Veneziens. Die erlebnisreichen Tage werden den Wanderpaddlern des FWV Vallendar noch lange in Erinnerung bleiben. Die nächste Wanderfahrt vom FWV wird aktuell geplant: vom 5. bis 8. September geht es an die Ruhr. Die Vorfreude ist bereits groß.

Wer Lust hat das Paddeln zu lernen und sich den Aktivitäten des FWV Vallendar anzuschließen, ist herzlich willkommen. Am 24. und 25. August findet als Blockkurs am Wochenende ein weiterer Starterkurs in diesem Jahr statt. Alle Informationen findet man auf der Internetseite unter www.fwv-vallendar.de.

Bericht von: Birgit Becker