Archivierter Artikel vom 14.05.2021, 08:30 Uhr
Koblenz/Aachen

Gemeinsames Forschungsprojekt HUMKareS der Hochschule Koblenz und des WZL der RWTH Aachen nun abgeschlossen

Die digitalisierte Arbeitswelt findet sich nicht nur in den Büros, sondern auch in den Produktionshallen, in denen der Mensch mit komplexen Systemen zusammenarbeitet.

Das Foto zeigt, die Modellfabrik der Hochschule Koblenz.
Das Foto zeigt, die Modellfabrik der Hochschule Koblenz.
Foto: Hochschule Koblenz/Gloger

Zur Steuerung dieser Systeme nutzen Unternehmen in der Regel Leistungskennzahlen, wie beispielsweise Durchlaufzeiten oder Fehlerquoten. In den vergangenen drei Jahren hat sich das nun abgeschlossene Forschungsprojekt „Humanzentrierter Kennzahlenansatz für die Leistungssteigerung auf dem Shop Floor“ (HUMKareS) des Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen und der Hochschule Koblenz mit der Frage befasst, wie ein auf die Mitarbeiter zugeschnittenes Kennzahlensystem zur Motivation und so zu erhöhter Leistung in den Produktionshallen beitragen kann. Der Abschlussbericht wurde nun veröffentlicht.

Das Projekt verfolgte das Ziel, kleine und mittlere Unternehmen dazu zu befähigen, die Leistung auf dem Shopfloor – also direkt vor Ort in der Produktion – digital zu erfassen und zielgerecht zu optimieren. Dabei sollten die Kennzahlen so aufbereitet werden, dass die Werker sie gut aufnehmen können und ihre Leistung dadurch positiv beeinflusst wird – aber ohne, dass sie dieses als Überwachungsinstrument wahrnehmen. Vielmehr soll die Kommunikation der Kennzahlen Produktionsprozesse transparenter machen und so dazu beitragen, die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern.

Um das zu erforschen und zu untersuchen, konnten die beiden Forschungsstellen zehn Unternehmen aus der Region als Kooperationspartner gewinnen. Hinzu kamen weitere Firmen, die sich durch das Ausfüllen von Fragebögen und Experteninterviews an dem Forschungsprojekt beteiligten. Involviert waren auch Berufsschulen aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, deren Klassen unter Anleitung in Planspielen die Produktionsprozesse nachstellten und so ebenfalls zum Gewinnen von Erkenntnissen beitrugen.

Von Seiten der Hochschule Koblenz wurde das Projekt durch von Prof. Dr. Bert Leyendecker vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften geleitet. Das Forschungsteam wurde durch seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Jasmin Ohlig sowie seinen Kollegen Dr.-Ing. Patrick Pötters – mittlerweile Professor für Produktionswirtschaft an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe – komplettiert. Bei den beteiligten Unternehmen untersuchte das Forschungsteam den Ist-Stand und den Bedarf hinsichtlich des Kennzahleneinsatzes auf dem Shopfloor. Gibt es dort möglicherweise schon Systeme, die die Kennzahlen kommunizieren? Welche Kennzahlen werden als sinnvoll erachtet? Dazu wurden sowohl das Management der jeweiligen Unternehmen als auch die Werker befragt. „Bei unserem Projekt geht es nicht nur um die reinen Kennzahlen, sondern ebenso um Führungskultur“, betont Leyendecker, „nach unserem Verständnis soll Führen am Ort des Geschehens stattfinden. Der Vorgesetzte nimmt dabei die Rolle eines Coaches ein, der die Werkerinnen und Werker dazu bringt, Probleme in der Produktion eigenständig lösen zu können.“ Der Begriff „Leistung“ werde bewusst breiter gefasst und schließe neben den klassischen Faktoren, wie zum Beispiel Wirtschaftlichkeit und Qualität, auch Faktoren wie Mitarbeiterzufriedenheit oder Fehlzeiten mit ein.

Neben der gezielten Auswahl der zu erfassenden Kennzahlen arbeitete das interdisziplinäre Team um Prof. Dr.-Ing. Robert Schmitt, Dr. phil. Ina Heine und Thomas Hellebrandt vom WZL der RWTH Aachen daran, diese zu visualisieren und mit spielerischen Ansätzen zur Motivationssteigerung des Werkers zu verknüpfen. „Gamification“ lautet der wissenschaftliche Begriff für diese Systeme, die spielerische Anreize zur Leistungssteigerung setzen. In dem Forschungsprojekt erhielten die Mitarbeitenden dadurch ein direktes Feedback zu ihrer Arbeitsleistung und konnten sich so selbstbestimmt und zielgerichtet auf die Situation einstellen. Studierende und Produktionsmitarbeitende testeten das entwickelte Kennzahlensystem und den Gamification-Ansatz mithilfe der Modellfabrik Koblenz praxisnah. „Zentrales Ziel des Forschungsprojektes war die Konzeption eines integrierenden, motivationsfördernden Kennzahlensystems für die Zielgruppe der Werkerinnen und Werker, das schließlich als modular aufgebaute Software in Form einer App zu entwickeln und in der Praxis zu testen war“, so Thomas Hellebrandt vom WZL.

Durch Verzögerungen aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Projekt um ein halbes Jahr verlängert. Darüber hinaus musste das Forschungsteam auch bei der Art der Datenerhebung flexibel auf die Umstände reagieren. „Nach Ausbruch der Pandemie konnten wir nicht mehr in die Betriebe gehen, um dort weiter unsere Planspiele durchzuführen und unsere Untersuchungsergebnisse intensiver zu überprüfen“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Jasmin Ohlig, „wir haben dann einen stärken Fokus auf Interviews mit den Expertinnen und Experten gelegt.“ Um in manche Aspekte nun doch noch tiefer einsteigen und die entwickelte App verbessern zu können, hat das Team nun die Durchführung eines Folgeprojektes beantragt.

„Bei diesem Forschungsprojekt hat sich die branchenübergreifende Zusammenarbeit der Projektbeteiligten aus wissenschaftlichen Forschungsinstituten, Unternehmen und betrieblichen Sozialpartnern sehr bewährt“, betont Dr.-Ing. Schmitt, Direktor des WZL der RWTH Aachen. Das gelte auch für die interdisziplinäre Zusammensetzung des wissenschaftlichen Projektteams auf Seiten der Forschungsinstitute: „Die beteiligten wissenschaftlichen Mitarbeitenden haben einen fachlichen Hintergrund in den Bereichen der Wirtschaftswissenschaft, des (Wirtschafts-)Ingenieurwesens, und der Psychologie. Somit wurde die Problemstellung aus verschiedenen Sichtweisen betrachtet und mithilfe sich ergänzender Kompetenzen bearbeitet.“

Initiatoren des über die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) im Rahmen des Programms zur Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) geförderten Projektes sind der Lehrstuhl für Fertigungsmesstechnik und Qualitätsmanagement des Werkzeugmaschinenlabors WZL der RWTH Aachen sowie die Forschungsprofessur Produktionswirtschaft des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Koblenz. Koordiniert und unterstützt wurde das Vorhaben durch die Forschungsgemeinschaft Qualität(FQS). Der Abschlussbericht und weitere Informationen sind abrufbar unter http:// www.humkares.wzl.rwth-aachen.de.