Archivierter Artikel vom 27.02.2020, 16:50 Uhr
Mainz

Zweiter Coronavirus-Fall im Land: Pandemie-Plan überarbeitet

Bei nunmehr zwei Patienten in Rheinland-Pfalz ist das Coronavirus festgestellt worden, die Zahl der Verdachtsfälle steigt. Das Land hat seinen Pandemie-Plan angepasst, sieht sich nach wie vor vorbereitet. In Kliniken laufen auf zahlreichen Ebenen Vorbereitungen.

dpa/lrsLesezeit: 5 Minuten

Mainz (dpa/lrs). Noch ist die Zahl der Coronavirus-Fälle in Rheinland-Pfalz überschaubar, doch auf vielen Ebenen laufen Vorbereitungen für einen größeren Ausbruch. Das Land schärfte seinen Pandemie-Plan nach, wie Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) am Donnerstag in Mainz berichtete. Dabei ging es laut Ministerium etwa um mögliche Isolierungen von Patienten im ambulanten Bereich und darum, wer bei steigenden Fallzahlen stationär aufgenommen werden soll. Alles in allem sieht sich das Land gut vorbereitet, auch Vertreter des Gesundheitswesens warnten von Panik.

Der zweite nachgewiesene Fall eines an dem Virus Sars-CoV-2 Infizierten im Land kam am Donnerstag im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern dazu. Dorthin war ein 32-jähriger Mann am Mittwochabend mit Symptomen gekommen, der der Ministerin zufolge bis vor kurzem im Iran gewesen war und dort Kontakt mit einer „symptomatisch auffälligen Person“ gehabt hat.

Wie das Klinikum und der Landkreis Kaiserslautern am Donnerstagabend berichteten, geht es dem Patienten den Umständen entsprechend gut, sein Zustand sei stabil. Derzeit sei das Gesundheitsamt Kaiserslautern dabei, die näheren Kontaktpersonen des Mannes zu ermitteln. Er sei am 19. Februar aus dem Iran über den Flughafen Frankfurt nach Deutschland eingereist und noch am selben Tag mit einem Bus weitergefahren nach Kaiserslautern.

Das Personal des Westpfalz-Klinikums sei im Umgang mit Patienten mit übertragbaren Krankheiten sehr gut geschult und das Krankenhaus verfüge über entsprechende Isolationszimmer. Um vorsorgliche Kapazitäten zu schaffen, habe das Klinikum entschieden, von diesem Freitag an zunächst bis einschließlich Montag (2. März) keine geplanten Behandlungen außer Notfälle durchzuführen. Der Klinikbetrieb an den Standorten Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen hingegen laufe uneingeschränkt weiter.

Einen Tag zuvor war das Virus bei einem 41 Jahre alten Soldaten im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz festgestellt worden. Einem Sprecher des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zufolge fühlt der Mann sich nicht krank, muss aber in der Klinik bleiben, bis er virenfrei ist. Derweil läuft die Suche nach Kontaktpersonen weiter. Der Soldat wohnt laut dem Kreis Heinsberg im nordrhein-westfälischen Gangelt. Dort war das Virus bei einem 47-Jährigen nachgewiesen worden. Der Soldat hatte Kontakt zu dem Kranken oder dessen Frau an Karneval.

Nicht bestätigt hat sich der Coronavirus-Verdacht bei einem Mann aus einem Regionalzug, der am Mittwoch auf seiner Fahrt von Frankfurt nach Saarbrücken in Idar-Oberstein gestoppt worden war. Der Mann war geschäftlich in Süditalien unterwegs, hatte bei sich Symptome festgestellt und kam in das Klinikum Idar-Oberstein. Ein Test brachte dann laut der Kreisverwaltung Birkenfeld ein negatives Ergebnis.

Deutschlandweit mehren sich die Fälle von Erkrankten. In mehreren Bundesländern wird intensiv nach möglichen Sars-CoV-2-Infizierten gesucht. In Nordrhein-Westfalen stehen mehrere Hundert Menschen unter häuslicher Quarantäne. Betroffen sind dem Kreis Heinsberg zufolge vor allem Besucher der Karnevalssitzung in Gangelt.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) ist das Coronavirus tödlicher als die Grippe. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu sterben, liege bei 0,1 bis 0,2 Prozent, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Nach den bisher bekannten Zahlen liegt die Rate beim Virus Sars-CoV-2 fast zehnmal so hoch – bei ein bis zwei Prozent. 80 Prozent der Infizierten hätten nur milde Symptome, doch 15 Prozent erkrankten schwer an der Lungenerkrankung Covid-19.

Das Virus verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion etwa beim Husten und Sprechen. Eine Ansteckung über Oberflächen gilt weiter als unwahrscheinlich. Regelmäßig gründliches Händewaschen gilt als der beste Schutz. Das betonte auch die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland. Auf gute Händehygiene solle regelmäßig etwa nach Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln und vor jeder Mahlzeit geachtet werden.

Bätzing-Lichtenthäler sagte, die Taskforce zum Coronavirus sei noch einmal erweitert worden, arbeite ressortübergreifend. Es gebe regelmäßige Telefonschalten mit den Gesundheitsämtern im Land und eine 24-Stunden-Rufbereitschaft. Ab Freitag 9 Uhr werde eine Hotline für Bürger mit Fragen zum Coronavirus freigeschaltet, kündigte die Ministerin an. Sie werde montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 12 Uhr erreichbar sein. Eine vergleichbare Hotline gibt es ab Freitag auch im Saarland.

Der Medizinische Vorstand der Mainzer Universitätsmedizin, Norbert Pfeiffer, sagte, die allermeisten Patienten mit Fieber oder anderen Symptomen hätten kein Coronavirus. „Längst nicht jeder mit Fieber muss getestet werden.“ Das sei auch nicht ratsam, denn die Kapazitäten an Tests seien begrenzt. Das bestätigte auch Dietmar Hoffmann, Leiter des Gesundheitsamtes bei der Kreisverwaltung Mainz-Bingen. Schon jetzt stießen Labors an ihre Kapazitätsgrenzen. Er sieht derzeit eine große Verunsicherung in der Bevölkerung, bei Behörden und in Praxen stehe teilweise das Telefon nicht mehr still.

Dass die Zahl der Coronavirus-Patienten auch in Rheinland-Pfalz steigen wird, da sind sich die Verantwortlichen einig. „Das wird kommen“, sagte Pfeiffer. Patienten mit leichten Symptomen könnten aber auch zu Hause behandelt und isoliert werden. An der Mainzer Uniklinik werden insgesamt 17 Betten in Isolierzimmern vorgehalten, mit doppelten Schleusen und Luftabsaugung.

„Klar ist, dass das nicht mehr lange ausreicht, wenn es so kommt, wie es an anderen Orten gekommen ist“, sagte Pfeiffer. Dann könne es zu einer „Kohorten-Isolierung“ kommen, dafür seien bereits rund 50 Betten im Haus ausgeschaut worden. Wenn hierzulande eine Ausbreitung komme wie in der chinesischen Provinz Hubei könne schlicht nicht mehr jeder Patient einzeln isoliert werden. „Wir haben großen Respekt vor der Angelegenheit, aber keine Angst“, sagte Pfeiffer.

Bätzing-Lichtenthäler sagte, eine aktuelle Abfrage der Bettenkapazitäten im Land habe ergeben, dass ausreichend vorhanden seien. Beispielsweise vom Szenario der Grippewelle 2017 und 2018 sei man noch weit entfernt. Dem SWR sagte sie, bei den Krankheitsfällen in Nordrhein-Westfalen sei es zweckmäßig gewesen, Schulen und Kindergärten zu schließen. „Wenn es zu solchen Fällen in Rheinland-Pfalz kommt, ist dies auch bei uns eine denkbare Maßnahme.“ Sie sprach sich aber gegen eine Isolierung von Stadtgebieten oder Dörfern aus, wie es in Italien praktiziert wird.

Innenminister Roger Lewentz (SPD) sagte, die Rettungsdienste im Land seien präpariert. Ausrüstung wie Schutzmasken seien ohnehin auf Vorrat vorhanden. CDU-Fraktionschef Christian Baldauf sagte, Lewentz solle bekanntgeben, wie er Polizei und Hilfskräfte wie Sanitäter und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) schützen wolle. Auch der Leiter des Gesundheitsamtes der Kreisverwaltung Bad Kreuznach, Ernst-Dieter Lichtenberg, rief zu Besonnenheit auf. Erkrankungen seien nicht auszuschließen. „Panik muss dennoch keine ausbrechen, die aktuelle Hysterie ist gefährlicher als das Virus selbst.“

Europäische Behörde ECDC zu Covid-19

Weltgesundheitsorganisation WHO zu Covid-19

Fragen & Antworten des RKI zum Virus

RKI zum Schutz vor Ansteckung

RKI zum Tragen von Atemmasken

Bundesgesundheitsministerium zu Sars-CoV-2

US-Gesundheitsbehörde CDC zu Covid-19