Pfälzische Feste als Forum politischer Meinungsbildung

Der „Geist der Unruhe und Umwälzung“ war im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz immer besonders virulent. Die linksrheinischen Regionen hätten deswegen eine besondere Rolle in der Demokratiegeschichte gespielt, sagt Historikerin Sarah Traub.

Hambacher Schloss
Blick auf das Hambacher Schloss, das 1832 Ziel eines Aufmarschs der liberalen Bewegung der damaligen Zeit war.
Foto: Uwe Anspach/dpa

Mainz (dpa/lrs). Es gab Zeiten, in denen Landtagsabgeordnete mit Festen gefeiert wurden: Pfälzische Abgeordnete des bayerischen Landtags wurden bei ihrer Rückkehr 1831 stürmisch begrüßt, weil ihnen mit der Rücknahme einer Zensurverordnung ein besonderer politischer Coup gelungen war. So entstanden „Abgeordnetenfeste als neues Forum der politischen Meinungsbildung“, wie Sarah Traub vom Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz in einem Vortrag der Landeszentrale für politische Bildung ausführte.

„Mit Hilfe dieser Festessen konnte das Verbot politischer Veranstaltungen umgangen werden“, erklärte die Historikerin. „Sie entstanden als besondere Form des politischen Protestes“, nicht selten mit 350 bis 500 Teilnehmern. Wenige Wochen vor dem Höhepunkt der Pfälzer Freiheitsbewegung, dem Hambacher Fest von 1832, notierte Joseph von Stichaner als Regierungspräsident der bayerischen Pfalz: „Täglich greift der Geist der Unruhe und Umwälzung weiter um sich.“

Die staatliche Repression konnte den Geist noch eine Weile in der Flasche halten, aber nicht verhindern, dass er sich schließlich Bahn brach. Für die Geschichte der frühen demokratischen Bewegung im 18. und 19. Jahrhunderts seien die Gebiete im heutigen Rheinland-Pfalz von herausragender Bedeutung gewesen, erklärte Sarah Traub. „Die linksrheinischen Gebiete erlebten zwischen der Französischen Revolution und der Revolutuion 1848/49 so viele politische und gesellschaftliche Umbrüche wie kaum eine andere deutsche Region.“

Neben bedeutsamen und eingehend erforschten Ereignissen wie der Mainzer Republik von 1792/93 oder dem Hambacher Fest habe es auch eine lange Reihe weniger bekannter Bewegungen gegeben wie etwa den Fischbacher Bauernaufstand von 1789 oder die Bergzaberner Republik von 1792/93, sagte die Historikerin. An vielen Orten sei damals damit begonnen worden, die herrschende Gesellschaftsordnung zu hinterfragen.

Nach der Neuordnung der Staatenlandschaft auf dem Wiener Kongress von 1814 seien dann die ehedem französischen Gebiete links des Rheins moderner gewesen als die Staatsgebilde wie Bayern und Hessen, denen sie zugeschlagen worden seien. Das Bewusstsein für den Wert von Freiheitsrechten habe sich auch in den Jahrzehnten danach immer wieder bemerkbar gemacht. Die Erinnerung daran, so schloss die Historikerin, zeige bis heute, dass Grundrechte nie selbstverständlich seien und „was es eigentlich für ein Privileg ist, in einer Demokratie zu leben“.

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