Geologe: Immer mehr Felsstürze und Steinschläge

Felsbrocken krachen auf die Bahnstrecke nahe der Loreley und in andere Täler: Solche gefährlichen Naturspektakel werden häufiger. Rheinland-Pfalz führt das Ranking der Rutschungen bundesweit an.

Felsrutsch im Mittelrheintal
Arbeiter am Felsrutsch, der die vielbefahrene rechtsrheinische Bahnstrecke bei Kestert blockiert hat.
Foto: Thomas Frey/dpa/Archivbild

Mainz (dpa/lrs). Tonnenschweres Gestein hat Europas meistbefahrene Güterzugstrecke nahe dem Loreley-Felsen blockiert – die Zahl von Felsstürzen, Muren und Steinschlägen nimmt laut Experten zu. Ohnehin ist Rheinland-Pfalz nach Worten des Geologen Frieder Enzmann das Bundesland mit den meisten Rutschungen. Die Häufung solcher Naturereignisse habe vermutlich zwei wesentliche Ursachen: immer mehr Bebauung von Flächen sowie Folgen des Klimawandels, sagte der außerplanmäßige Professor der Universität Mainz der Deutschen Presse-Agentur. Er leitet ein Projekt zur Erstellung von sogenannten Anfälligkeits- und Gefahrenhinweiskarten für Massenbewegungen.

Häuser, Fabriken, Straßen: Der Mensch versiegele zunehmend mehr Natur, erklärte Enzmann. Somit könnten Rutschungen immer mehr Schaden anrichten. Im Zuge des Klimawandels werden nach Enzmanns Worten zudem die Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede größer. „Wir vermuten, dass diese Prozesse Gestein entfestigen können“, sagte der promovierte Geologe. „Gerade im Rheinischen Schiefergebirge kann zudem Niederschlag in Spalten eindringen, in bestimmten Lagen mit Geländespannungen wie Schmierseife wirken oder mit Ausdehnung bei Frost Klüfte aufweiten.“

Solche Ursachen könnte auch der Felssturz nahe der weltberühmten Loreley am 15. März gehabt haben: Bei Kestert waren teils riesige dunkle Schieferplatten auf die rechtsrheinischen Gleise gerutscht. Diese sind laut Deutscher Bahn Teil von Europas meistbefahrener Güterzugstrecke zwischen Genua und Rotterdam – und blieben hier wie die parallele Bundesstraße 42 vorerst etliche Tage gesperrt.

„Kestert hat sich vorher nicht angekündigt“, sagte Enzmann. „Da hat möglicherweise ein kleiner Impuls gereicht. Der Schutzwall und die Fangzäune dort haben den Felssturz nicht aufhalten können.“ Manche bekannte Gefahrenstellen würden permanent mit Lasertechnik überwacht, zum Beispiel die Loreley. Auch an der Mittelmosel gebe es eine Ortschaft und eine Burg, die von Rutschungen beeinträchtigt werden könnten und daher ständig kontrolliert würden. Den Namen nannte Enzmann nicht.

In Rheinland-Pfalz sind vorrangig das Mittelrhein- und Moseltal von Felsstürzen und Steinschlägen betroffen. Im Mainzer und im Saar-Nahe-Becken kommt es eher zu sogenannten Hangrutschungen. Aber auch anderswo. Bei Kordel nördlich von Trier zum Beispiel gab es am 1. Februar einen Erdrutsch. Eine Straße brach nach heftigem Regen vier Meter tief ein, ein Auto und ein Lastwagen rutschten in den Krater, die Fahrer wurden verletzt und der Ortsteil Hochmark wochenlang vom Straßennetz abgeschnitten. „Ursache hier waren die vorangegangenen tagelangen Niederschläge und auch die geologische Situation vor Ort“, erläuterte Enzmann.

Die Anfälligkeits- und Gefahrenhinweiskarten für Massenbewegungen, die als Gemeinschaftsprojekt mehrerer Institutionen entstehen, haben nach seinen Worten eine hohe räumliche Auflösung von 20 Zentimetern: „Wir sehen jeden Stein.“ Unter anderem hätten Spezialflugzeuge mit Lasertechnik die gesamte Fläche von Rheinland-Pfalz abgeflogen und vermessen. „Wir haben bislang mehr als 100 Terabyte an Daten verarbeitet“, erklärte der Geologe. „Wir bekommen schon viele Anfragen vor Bauprojekten.“ Ziel sei auch, „neue große Gefahren rechtzeitig zu erkennen“. Das Projekt zur Erstellung der Karten läuft laut Enzmann von 2017 bis 2023 mit Kosten von rund 540 000 Euro.

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Forschungsstelle Rutschungen