Saarbrücken

Experte empfiehlt: Impflücken im Saarland analysieren

An der saarländischen Regierungsspitze ist man sich uneins, ob es eine gesetzliche Impfpflicht geben sollte. Klar ist für Politiker wie Experten, dass die Impfquote weiter erhöht werden muss. Auch mit neuen Methoden.

Von dpa/lrs
Anke Rehlinger
Anke Rehlinger (SPD), Saarlands Ministerin für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr.
Foto: Oliver Dietze/dpa/Archivbild

Saarbrücken (dpa/lrs) – Der Virologe Jürgen Rissland von der Universität des Saarlandes fordert ein gezielteres Vorgehen, damit sich noch mehr Menschen gegen das Coronavirus impfen lassen. „Ich glaube, dass wir noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um unsere Impfquote nach oben zu bringen“, sagte er am Dienstag in Saarbrücken. Die Meinung von Ministerpräsident Tobias Hans und Gesundheitsministerin Monika Bachmann (beide CDU), die zuvor eine gesetzliche Impfpflicht abgelehnt hatten, trage er „voll und ganz mit“. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) sprach sich am Dienstag indes für eine Impfpflicht aus. Oskar Lafontaine, Fraktionschef der Linken, bezeichnete dies als „verantwortungslos“.

Für Rissland kann eine Impfpflicht „nur die Ultima Ratio“ sein. Er schlug vor, zunächst die Impfdaten ortsbezogener zu analysieren, um herausfinden, wo die größten Impflücken sind. Darüber ließen sich Betroffene gezielter ansprechen – sowohl, was die Sprache angehe, als auch, indem man mit einem Impfmobil die jeweilige Region aufsuche. Auch wenn die Impfung das Mittel der Wahl sei, um die Pandemie irgendwann für erledigt zu erklären, und 3G draußen und 2G im Innenbereich „aller Ehren wert“ sei, komme man um eines nicht herum: „Wir werden uns weiter Gedanken machen müssen, wo wir noch dazu beitragen können, Kontakte weiter zu reduzieren, damit dieser Infektionswelle die Dynamik genommen wird.“

Auch der Infektionsmediziner Sören Becker von der Saar-Uni hält zusätzliche Instrumente für erforderlich. Die Drittimpfung, deren Effekt schon nach sieben Tagen eintrete, bringe einen Zusatznutzen: eine über 90-prozentige Reduktion bei Krankenhausaufenthalten und bei schweren Erkrankungen und über 80 Prozent bei einer coronabedingten Sterblichkeit. Ziel müsse es sein, bis Ende des Jahres auch einen Großteil der Drittimpfungen zu erreichen.

Laut Hans gibt es im Saarland – wenn man die unter 18-Jährigen abziehe – zehn Prozent, die sich einer Impfung verweigerten. „Mein Verständnis für die ist völlig aufgebraucht“, so der Ministerpräsident. Die Situation habe sich auch im Saarland zugespitzt und sei „sehr dramatisch“. Man werde nun alles daran setzen, auch noch die Letzten „mit intelligenten Methoden“ vom Impfen zu überzeugen. „Wenn das ein Land schaffen kann, dann das Saarland. Und darauf setzen wir.“

Lob für das Saarland gab es von Statistiker Göran Kauermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Aus bayerischer Sicht eine Gratulation ans Saarland, dass es geschafft worden ist, die Impfquoten sehr hochzufahren.“ Dies bedeute keine Entwarnung, aber für 18- bis 59-jährige Ungeimpfte sei das Risiko, mit einer Infektion auf einer Intensivstation zu landen, 20-fach höher als für Geimpfte. Laut Robert Koch-Institut liegt das Saarland mit 74,5 Prozent bei der vollständigen Impfquote hinter Spitzenreiter Bremen auf Platz zwei und deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 68,0. Die Sieben-Tage-Inzidenz betrug am Dienstag landesweit 364,3.

Hans räumte ein, dass es rückblickend ein Fehler gewesen sei, die Impfzentren vor knapp zwei Monaten zu schließen. „Es ist völlig klar, dass man sie im Nachhinein besser aufgelassen hätten“, sagte er. Doch es sei „wie so oft im Leben und vor allem in der Politik, dass die Gewissheit von heute morgen oft der Irrtum von gestern“ sei.

Gesundheitsministerin Bachmann betonte, man habe dies getan, weil die finanziellen Mittel gestrichen worden seien. „Jetzt kann man sagen, das war falsch. Ich nehme das mit am Freitag in die Gesundheitsministerkonferenz. Aber das wissen wir heute alle.“

Am Montag sollen drei Impfzentren in Wadern-Büschfeld, Saarlouis und Neunkirchen öffnen, Saarbrücken soll zum Jahresbeginn folgen. Immunologin Martina Sester von der Saar-Uni warb um Vertrauen für die Impfstoffe, sowohl von Biontech als auch von Moderna. „Wenn ich vor der Entscheidung stehe: Ich nehme, was ich kriege, und bin sicherlich mit beiden sehr gut bedient.“

© dpa-infocom, dpa:211123-99-112560/3

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