Die Enkel rufen an – Gemeindeschwestern gehen hin

Mainz stellt erste Erfahrungen mit dem Landesprogramm der Gemeindeschwester plus vor. Der Begriff klinge altmodisch, komme aber sehr gut an bei den über 80-Jährigen, sagt eine Sozialplanerin.

Pflege
Eine Pflegefachkraft hilft in der ambulanten Pflege einer Frau beim Umsetzen.
Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Mainz (dpa/lrs). Sechs Jahre nach dem Start der Seniorenarbeit mit Gemeindeschwestern plus hat sich dieses Programm in Rheinland-Pfalz etabliert. Die Stadt Mainz zog am Mittwoch eine erste positive Bilanz der Arbeit ihrer beiden Gemeindeschwestern. In ganz Rheinland-Pfalz kümmern sich inzwischen 42 dieser Fachkräfte um alte Menschen über 80 Jahre und unterstützen sie darin, weiter zu Hause wohnen zu können. Das Land hat die dafür bereitgestellten Mittel von 1,1 Millionen im vergangenen Jahr auf 1,6 Millionen erhöht.

Der Mainzer Sozialdezernent Eckart Lensch gab am Mittwoch der Hoffnung Ausdruck, dass das Projekt dauerhaft finanziert wird und die bislang auf bestimmte Stadtteile begrenzte Arbeit flächendeckend zu ermöglichen. „Ich bin begeistert, wie viele erreicht werden, die wir sonst nicht erreichen“, sagte Sozialplanerin Susanne Groll. „Der Begriff Gemeindeschwester klingt etwas altmodisch, kommt aber sehr gut an bei den Menschen.“

Die beiden Mainzer Gemeindeschwestern Petra Studt und Zakia Amallah, beide ausgebildete Krankenschwestern, stellten sich in einem Einladungsschreiben den betagten Menschen vor. In der ersten Hälfte dieses Jahres hatten sie 121 erste Hausbesuche, denen in zahlreichen Fällen weitere folgten. Ein großes Thema sei das Impfen gewesen, sagte Gemeindeschwester Studt. In einzelnen Fällen hätten sie auch Krisensituationen vorgefunden, wie die Verwahrlosung eines über 90 Jahre alten Mannes oder häusliche Gewalt von Seiten eines Sohnes mit einem Alkoholproblem.

„Wir haben auch erlebt, wie einsam die Menschen in der Corona-Pandemie geworden sind“, sagte Studt. Manche hätten sich komplett zurückgezogen. Kontakte mit Angehörigen beschränkten sich vielfach auf Telefonanrufe. „Die Enkelkinder rufen an, aber es fährt keiner hin. Die Oma sagt dann, sie hat genug zu essen. Aber wenn ich hinfahre, sehe ich: Nein, da gibt es nicht genug.“

Die beiden Gemeindeschwestern versuchen zunächst, die jeweiligen Bedürfnisse einzuschätzen. Dann packen sie selbst an oder vermitteln Kontakte zu anderen Einrichtungen. Petra Studt berichtete, wie aus dem Kontakt mit der Stadtbücherei ein Besuchs- und Vorlesedienst entstand. Und Zakia Amallah ermöglichte es zusammen mit einem Digitalbotschafter, dass ein alter Mann seinen Wunsch erfüllen konnte, seine Lebensgeschichte festzuhalten. Digitalbotschafter sind die vom Land organisierten Seniorenberater für den Umgang mit Computer und Internet.

© dpa-infocom, dpa:211103-99-849476/3