Designierte DGB-Chefin: Technologischen Wandel abfedern

Bei der Forderung nach günstigen Nahverkehrstickets will Susanne Wingertszahn „nicht locker lassen“. Und auch sonst hat die 46-Jährige, die den langjährigen Bezirksvorsitzenden Muscheid ablösen soll, einige Pläne.

Designierte DGB-Chefin Wingertszahn
Susanne Wingertszahn, designierte Vorsitzende des Deutscher Gewerkschaftsbunds (DGB).
Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Mainz (dpa/lrs). Die designierte Chefin des DGB in Rheinland-Pfalz und im Saarland will sich für die Weiterqualifizierung von Beschäftigten in den Bereichen der Wirtschaft kümmern, deren Jobs vom technologischen Wandel besonders gefährdet sind. „In Rheinland-Pfalz spielt die Automobilindustrie auch mit zahlreichen Zulieferern eine wichtige Rolle“, sagte Susanne Wingertszahn der Deutschen Presse-Agentur. Durch die Umstellung von Verbrennungs- auf Elektromotoren seien auch viele Arbeitsplätze in diesem Bereich in Gefahr. Daher sei es wichtig, dass betroffene Beschäftigte frühzeitig weiterqualifiziert werden. „Wir wollen weiter Impulsgeber dafür sein, den ökologischen und digitalen Wandel der Wirtschaft sozial zu begleiten“, sagte sie.

Der rheinland-pfälzische Transformationsrat, in dem Gewerkschaften, Arbeitgeber, die Bundesagentur für Arbeit und die Politik an einem Tisch sitzen, sei ein „sehr sinnvolles Instrument“, um den Umbau der Wirtschaft zu gestalten, betonte sie. „Damit sind wir in Rheinland-Pfalz Vorreiter und Vorbild für andere Bundesländer.“

Die 46-Jährige, die seit 2013 Bezirksgeschäftsführerin ist, soll an diesem Samstag in Frankenthal zur Nachfolgerin des langjährigen Vorsitzenden Dietmar Muscheid gewählt werden, der aus Altersgründen nicht mehr antritt. Als Wingertszahns Stellvertreterin will sich Bettina Altesleben zur Wahl stellen. Damit wäre der DGB in Rheinland-Pfalz und Saarland der zweite Landesverband nach Nordrhein-Westfalen, der von zwei Frauen an der Spitze geführt wird.

Der DGB hat in beiden Bundesländern nach eigenen Angaben rund 400 000 Mitglieder. Auch durch die Corona-Pandemie bedingt habe es im vergangenen Jahr einen Mitgliederverlust gegeben, sagte Wingertszahn.

„Die Diskussionen um die Frauenquote hat meine Nominierung sicher befördert, als reine Quotenfrau sehe ich mich aber sicher trotzdem nicht“, betonte die 46-Jährige, die aus dem Saarland stammt und in Mainz wohnt. Generell wünsche sie sich in der Gesellschaft mehr Frauen in Führungspositionen. „Das ist immer noch etwas Besonderes.“ Sie glaube, dass sich Führung ändern werde. „Es wird künftig mehr projektbezogen gearbeitet werden, Verantwortung wird öfter abgegeben werden und es wird flachere Hierarchien geben“, erklärte sie.

Als eine ihrer wichtigsten Aufgaben nannte sie den Kampf gegen die „Krise auf dem Ausbildungsmarkt“. Zu viele Jugendliche seien noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz und landeten in irgendwelchen Warteschleifen. Das liege zum Teil auch an Corona. „Ich kann nachvollziehen, dass kleinere Betriebe in der Pandemie sich nicht mit dem Thema Ausbildung befassen konnten oder wollten. Ein zentrales Instrument zur Verbesserung der Situation ist daher die Stärkung der Verbundausbildung.“ Das bedeute, dass sich kleinere Betriebe bei der Ausbildung mit größeren Unternehmen zusammentun. „Es ist wichtig, dass junge Leute eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, sonst schlagen sie sich mit Jobs durch und haben keine Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und stehen später ohne Renten da.“

In diesem Zusammenhang spiele das 365-Euro-Ticket für den Öffentlichen Personennahverkehr, für das der DGB vor der Landtagswahl hart gekämpft habe, eine wichtige Rolle. „Wir sind froh darüber, dass das im Koalitionsvertrag zumindest für junge Leute enthalten ist“, sagte sie. Viele von ihnen seien sehr lange zur Berufsschule oder Ausbildungsstätte unterwegs und es wäre für sie gut, wenn sie für einen Euro am Tag öffentliche Verkehrsmittel nutzen könnten. Jetzt gehe es um die schnelle Umsetzung, da noch kein konkreter Zeitpunkt der Einführung angekündigt worden sei. „Wir werden nicht locker lassen und darauf hinweisen, dass das zügig kommen muss“, sagte sie.

Wingertszahn hofft, dass die in der Pandemie angestoßene Diskussion über mobiles Arbeiten dazu führt, dass künftig „mehr über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ geredet wird. Viele Beschäftigte seien froh, dass sie nun auch einmal flexibel von zu Hause aus arbeiten könnten und Wegzeiten wegfielen. „Es ist aber wichtig, dass es dafür einen Rahmen gibt und mobiles Arbeiten wegen der vermeintlich ständigen Erreichbarkeit nicht zu Lasten der Beschäftigten ausufert“, betonte sie.

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