Archivierter Artikel vom 18.03.2021, 05:40 Uhr

Dehoga: „Moselufer sicherer als Malle-Strand“

Der landesweite Inzidenzwert steigt auf den höchsten Stand seit über einem Monat. Weitere Kommunen ziehen die Notbremse. Gleichzeitig wird der Ruf aus der Wirtschaft lauter, Hotellerie und Gastgewerbe eine Perspektive zu geben. Wie schlimm die Lage dort ist, zeigen die neuesten Statistiken.

Tourismus während Corona
Die Bezeichnung „Hotel“.
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Symbolbild

Bad Kreuznach (dpa/lrs) – Die Hotels und Restaurants in Rheinland-Pfalz müssen nach Ansicht des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) sofort geöffnet werden. „Die Politik hat mehrmals auf allen Ebenen erklärt, dass die Betriebe des Gastgewerbes nicht geschlossen wurden, weil sie unsicher sind, sondern dass man damit Mobilität eingrenzen wollte“, sagte der rheinland-pfälzische Dehoga-Präsident Gereon Haumann der Deutschen Presse-Agentur.

„Wenn die Mobilität das Grundübel für das Infektionsgeschehen sein soll, dann ist für keinen Menschen in Deutschland nachvollziehbar, dass man die Osterurlauber auf die Balearen treibt und gleichzeitig die deutschen Hotels geschlossen lässt“, sagte Haumann und fügte in Anspielung auf Mallorca hinzu: „Das Moselufer ist sicherer als der Malle-Strand.“

Die Bundesregierung hatte am vergangenen Freitag die Reisewarnung für Mallorca und andere Regionen in Spanien, Portugal und Dänemark aufgehoben. Damit ist der Urlaub dort wieder ohne Quarantäne und Testpflicht bei der Rückkehr nach Deutschland möglich.

Vor den für diesen Montag angesetzten Bund-Länder-Beratungen über den weiteren Kurs in der Pandemie forderte Haumann die Politik auf, sich vom Corona-Inzidenzwert als Hauptkriterium für das weitere Handeln zu verabschieden. „Die Inzidenzwerte haben ihre Berechtigung verloren, ihre Mindesthaltbarkeit ist überschritten“, sagte er. Die Inzidenzwerte hätten das Ziel gehabt, Infektionsketten nachvollziehbar machen, um eine Ausbreitung der Pandemie und damit eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Diese Gefährdung des Gesundheitswesens sei mit Blick auf die Lage in den Kliniken und die Intensivstationen „weder gegeben noch zu befürchten“.

Die Inzidenzen müssten dringend ersetzt werden durch Kriterien wie Impfquote, Testquote und vor allem durch den Blick auf die Auslastung der Intensivbetten, forderte Haumann. Es sei klar, dass bei mehr Tests auch mehr Infektionen festgestellt würden.

In eine ähnliche Richtung, aber nicht ganz so weit wie Dehoga gehen die Industrie- und Handelskammern in dem Bundesland, die einen Tag vor den Beratungen des rheinland-pfälzischen Corona-Kabinetts ihrerseits einen gemeinsamen Öffnungsplan für Hotellerie und Gastronomie präsentierten. So solle ab diesem Montag die Bewirtung im Außenbereich wieder erlaubt sein, ab dem 29. März – also noch vor Ostern – könnten dann die Innengastronomie und die privaten Übernachtungen als nächster Öffnungsschritt folgen, forderten die vier Industrie- und Handelskammern (IHK) in Rheinland-Pfalz. Bei all den Vorschlägen sollen strenge Hygieneregeln und Auflagen gelten, wie etwa die vorherige Terminbuchung oder eine Begrenzung der Personenanzahl auf zwei Haushalte und maximal fünf Personen.

Solange der Inzidenzwert unter 100 ist, soll für den Besuch von Biergärten oder Terrassen kein Corona-Test notwendig sein. Anders ist es im Innenbereich von Restaurants oder bei Übernachtungen: Da soll laut IHK ein maximal 48 Stunden alter Schnell- oder Selbsttest vorgelegt werden. „Wenn Urlaub auf Mallorca wieder möglich ist, muss das auch für Rheinland-Pfalz gelten“, sagte Arne Rössel, Sprecher der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz und Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz.

Wie sehr Hotellerie und und Einzelhandel in dem Bundesland unter dem Lockdown leiden, zeigen aktuelle Zahlen. Laut Statistischem Landesamt hatte die Tourismusbranche auch zum Jahresauftakt wegen der Corona-Pandemie mit enormen Einbrüchen zu kämpfen. Im Januar wurden nach ersten vorläufigen Berechnungen nur etwa 56 000 Gäste gezählt. Das waren 86 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Bei den Übernachtungen sah es ähnlich ernüchternd aus: Ihre Zahl sank binnen Jahresfrist um 73 Prozent auf rund 262 000. Zum Vergleich: Im vergangenen, ebenfalls von der Pandemie geprägten Jahr 2020 war der April der schwächste Monat. Damals waren es rund 42 000 Gäste und 219 000 Übernachtungen.

Ähnlich düster sieht die Lage im Einzelhandel aus. In einigen Bereichen gingen die Erlöse im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast die Hälfte zurück, wie das Landesamt mitteilte. Ausgenommen von der rasanten Talfahrt waren lediglich Lebensmittel, hier wurde ein Plus von real – also um Preisveränderungen bereinigt – 5,8 Prozent ermittelt. Unterm Strich lagen die Umsätze im gesamten rheinland-pfälzischen Einzelhandel auf dieser Berechnungsbasis jedoch um 12 Prozent unter dem Vorjahreswert. Deutschlandweit fiel der Rückgang mit 9,3 Prozent etwas geringer aus.

Der Handelsverband Pirmasens-Südwestpfalz beauftragte einen Anwalt mit einer Klage gegen coronabedingte Ladenschließungen. Ein Bekleidungsgeschäft werde „stellvertretend für alle Pirmasenser Einzelhändler“ gegen die Stadt in der Südwestpfalz klagen, teilte der Verband mit. Beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Rheinland-Pfalz in Koblenz sind nach Angaben eines Sprechers derzeit „keine Verfahren anhängig, die von Einzelhändlern gegen Schließungen betrieben werden“. Von weiteren derartigen Klagen bei Verwaltungsgerichten im Land wisse er nichts.

Die Sieben-Tage-Inzidenz von Corona-Infektionen in Rheinland-Pfalz stieg auch am Donnerstag weiter an. Das Landesuntersuchungsamt nannte einen Wert von 69,1 Infektionen auf 100 000 Einwohner in den zurückliegenden sieben Tagen. Das ist zwar unter dem Bundesdurchschnitt von 90, aber für Rheinland-Pfalz der höchste Wert seit dem 3. Februar. Am Donnerstag vergangener Woche lag die Inzidenz noch bei 50,7.

Zwei Landkreise im Norden und im Süden von Rheinland-Pfalz haben am Donnerstag wegen hoher Corona-Inzidenz weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen. Sowohl im Kreis Ahrweiler als auch in der Südwestpfalz wurde deswegen jetzt die „Notbremse“ gezogen, wie die Kreisverwaltungen mitteilten.

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