Archivierter Artikel vom 04.08.2020, 07:10 Uhr

„Das Anna“: Ein Sprachphänomen mit großem Bedeutungswandel

Für einige irritierend, für andere normal: Weibliche Rufnamen werden in mehreren Dialekten mit einem „das“ oder „es“ kombiniert. Das Sprachphänomen selbst ist alt, die heutige Bedeutung noch nicht.

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Mainzer Sprachwissenschaftlerin Simone Busley
Simone Busley, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Mainz.
Foto: Simone Busley/dpa/Archivbild

Mainz (dpa/lrs). In mehreren Dialekten fügen die Sprecher ganz selbstverständlich zu weiblichen Vornamen den neutralen Artikel „das“ oder das Pronomen „es“ hinzu. Die Freundin ist dann vielleicht „das Kerstin“, die Tochter „das Silke“ und immer geht es um eine Beziehung. Das Neutrum zeigt an: Sowohl Kerstin als auch Silke gehören zu einer Gemeinschaft dazu. Vor einigen Hundert Jahren allerdings steckte hinter der Kombination eine gänzlich andere Bedeutung.

Das Sprachphänomen stamme mindestens aus dem 16. Jahrhundert, sagt die Mainzer Sprachwissenschaftlerin Simone Busley. So weit könne es zurückverfolgt werden, ältere Quellen seien bislang dafür nicht gefunden worden. In früheren Zeiten sei die Kombination des Namens mit dem Neutrum ein Ausdruck für den niedrigen Sozialstatus der Frau gewesen.

„Gerade die unverheirateten Frauen hatten früher einen Kinderstatus sozusagen. Das Neutrum ist das Genus für Kinderbezeichnungen.“ Es heiße auch „das Kind“, „das Baby“, „das Mädchen“ und „das Fräulein“, erklärt Busley. „Das ist bei Bezeichnungen für Jungen und Männer nicht so.“

Was früher ein Zeichen für eine niedrige Stellung in der Gesellschaft war, drückt heute Vertrautheit aus. „Wenn man „das Simone“ ist, dann ist das nett und der Sprecher integriert die Person in die Gemeinschaft.“ Gesprochene Wirklichkeit sei das beispielsweise im Saarland oder im Norden von Rheinland-Pfalz. „Es gibt Regionen da verwendet man eigentlich immer das Neutrum im Dialekt, wenn man die Frau mit dem Rufnamen anspricht.“ Dann kommen Sätze wie dieser zustande: „Das Silke kommt heute nicht, es ist krank.“

Der Wandel hin zu einer positiven Implikation ist laut Busley im Laufe des 20. Jahrhunderts passiert. Einer der Gründe dafür sei wahrscheinlich die Häufigkeit, mit der „das Anna“ und Co verwendet worden seien. „Je mehr Frauen dieses Neutrum bekommen, desto normaler wird das. Irgendwann wird das nur noch mit weiblich und jung assoziiert.“

Was seit jeher allerdings gilt: Die Verwendung von „das“ und „es“ bei Müttern und Großmüttern ist tabu. „Das Neutrum darf man nur bei Frauen verwenden, die man beim Rufnamen nennt und das macht man bei der Mutter und der Großmutter ja nicht.“

Ein anderes Beispiel, das den Zusammenhang von Beziehungen und Sprache zeigt, ist der Sprachwissenschaftlerin zufolge das Duzen und Siezen. Anfang des 20. Jahrhunderts hätten Enkel üblicherweise ihre eigenen Großeltern mit „Ihr“, einer Variante der Sie-Form, angesprochen. „Das würde man heute nicht mehr machen, weil man das „Sie“ eher für Personen verwendet, die einem nicht so vertraut sind.“

In der Sprachverwendung habe sich damals die strenge Hierarchie innerhalb der Familie widergespiegelt. Heutzutage seien die Beziehungen innerhalb der Familien in der Regel intimer und die Großeltern würden in der Regel ganz selbstverständlich geduzt.