Archivierter Artikel vom 20.01.2020, 00:20 Uhr
Mainz

Cyberkriminalität nimmt zu: Polizei sucht IT-Experten

Jeder Vierte war schon einmal Opfer von Internetkriminalität. Und die Straftaten im virtuellen Raum nehmen weiter zu. Die Polizei in Rheinland-Pfalz setzt bei der Bekämpfung auf Fachleute – die sind aber nicht immer leicht zu finden.

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Tasten einer beleuchteten Tastatur
Tasten einer beleuchteten Tastatur (Aufnahme mit Zoomeffekt).
Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Mainz/Koblenz (dpa/lrs) – Das Darknet-Rechenzentrum im Cyber-Bunker an der Mosel, ein einfacher Baukasten für Computer-Trojaner aus Remagen sowie internationaler Drogenhandel im großen Stil über einen Computer in Oppenheim: Cyberkriminalität nimmt zu und stellt die Ermittler ständig vor neue Herausforderungen. Rund 13 590 Fälle seien im vergangenen Jahr angezeigt worden, 7,9 Prozent mehr als 2018, sagte der Vize-Präsident des Landeskriminalamts, Achim Füssel, am Montag in Mainz. Die tatsächliche Zahl sei aber um ein Vielfaches höher, weil viele Straftaten nicht angezeigt würden.

„Die Straftaten verlagern sich zunehmend ins Internet“, sagte Füssel. „Die Veränderungen kommen in einem Tempo, wie wir sie früher nicht hatten“, ergänzte Innenminister Roger Lewentz (SPD). Mehr als die Hälfte der Fälle (54 Prozent) entfielen auf Online-Shopping, 770 Fälle auf kinder- oder jugendpornografische Schriften und 1056 Fälle auf Bedrohung oder Stalking, sagte Füssel. Die Aufklärungsquote haben im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre 72,9 Prozent betragen – 2019 lag sie bei 71,2 Prozent. Jeder Vierte sei schon einmal Opfer von Kriminalität im Internet geworden.

Im Kampf gegen Cyberkriminalität werden nach Einschätzung des Innenministers mehr Fachleute in der Polizei gebraucht. Mehr als 20 Cyberkriminalisten sollen von 2020/21 an die Polizei im Kampf gegen Internetkriminalität unterstützen. Die IT-Spezialisten könnten nach einer zwölfmonatigen Polizeiausbildung gleich als Oberkommissare anfangen – und sich über die Vorteile eines Arbeitsverhältnisses als Beamte freuen.

Seit 2014 würden bereits Informations- und Kommunikations-Forensiker sowie Cyberanalysten eingestellt, sagte Lewentz. Bis 2020 seien für sie rund 90 Planstellen vorgesehen, rund 70 Stellen sind dem Innenministerium zufolge besetzt. Bei den restlichen laufe das Stellenbesetzungsverfahren oder sie seien ausgeschrieben beziehungsweise eine Ausschreibung sei geplant. Cyberanalysten seien Polizisten, die unter anderem bei der Sicherung von Beweismitteln im Internet und im Darknet mithelfen und Dateien etwa auf Trojaner untersuchen. IT-Forensiker beteiligten sich auch an Durchsuchungen.

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Sabrina Kunz, hatte kürzlich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur mehr Spezialisten für Cyber-, Wirtschafts- und politisch motivierte Kriminalität gefordert. Die bisherigen Einstellungen könnten „nur ein Anfang sein – mit Blick auf die nächsten Jahre“. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfaktion, Dirk Herber, sprach sich ebenfalls für einen deutlichen Personalaufwuchs aus, ohne Zahlen zu nennen.

Der AfD-Landtagsfraktionsvorsitzende Uwe Junge hält die Aufstockung der Polizei um Fachpersonal und Material zur Bekämpfung von Cyberkriminalität grundsätzlich für sinnvoll. „Zugleich fragen wir uns aber, wo in Zeiten des chronischen Personalmangels bei der Polizei das neue Fachpersonal herkommen soll, und warum solche Personalaufstockungen nicht auch flächendeckend, etwa beim Streifendienst, möglich sind“, sagte Junge.

Als eines der ersten Bundesländer schaffe Rheinland-Pfalz zudem ein eigenes Fachgebiet „Cybercrime“ an der Hochschule der Polizei, sagte Innenminister Lewentz. Ein Hörsaal werde extra für die Bekämpfung von Cyberkriminalität eingerichtet. Die Kooperation mit anderen Hochschulen, der Justiz und dem Bundeskriminalamt werde groß geschrieben und elektronische Lehranwendungen für Arbeitsplätze erstellt.

Zur Bekämpfungsstrategie gehöre auch die Prävention. Viele Internetnutzer kennten zwar die Schutzmechanismen, nur ein Drittel nutze sie aber, sagte Füssel. Insgesamt habe die Polizei 56 Maßnahmen festgelegt, darunter Aus- und Fortbildung, Wissenstransfer, engere Zusammenarbeit und eine IT gestützte Plattform.