Bischof Kohlgraf: Die Zeit der Volkskirche geht zu Ende

Nach Ansicht des Mainzer Bischofs darf die katholische Kirche nicht besseren Zeiten hinterhertrauern, sondern muss sich der Wirklichkeit stellen.

Mainzer Bischof Peter Kohlgraf
Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, hält eine Predigt im Mainzer Dom.
Foto: Andreas Arnold/dpa

Mainz (dpa). Das Bistum Mainz steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Wegen sinkender Mitgliederzahlen und Priestermangels gibt sich die katholische Kirche in der über Hessen und Rheinland-Pfalz verteilten Diözese eine neue Struktur. Ein großer Einschnitt erfolgt zum 31. Juli mit der Auflösung der Dekanate. „Aus 120 Pfarreienverbünden oder Pfarrgruppen, die es jetzt im Bistum gibt, werden 46 Pastoralräume und nach und nach 46 Pfarreien gegründet“, sagte Bischof Peter Kohlgraf der Deutschen Presse-Agentur. Bis 2030 soll dieser Prozess dauern.

Diese Neuaufstellung, der sogenannte Pastorale Weg, ist laut Kohlgraf nicht nur eine Reaktion auf die sich verändernde Situation der Kirche, die sich in Zahlen fassen lässt, sondern auch auf ihre geänderte Wahrnehmung und gesellschaftliche Rolle. „Die Zeit der Volkskirche, in der viele auch emotional groß geworden sind, geht dem Ende entgegen oder ist bereits an ein Ende gekommen“, erklärte der Bischof.

Deswegen gehe es beim Pastoralen Weg im Bistum Mainz nicht nur um Strukturveränderungen. Die Kirche wolle sich „gläubig und hoffnungsvoll der Wirklichkeit“ stellen. „Dabei darf es nicht nur darum gehen, einer scheinbar guten, goldenen Welt nachzutrauern, sondern die Wirklichkeit und das Hier und Heute, in dem wir leben, als den Ort zu verstehen, von dem Gott uns auf den Weg schickt, das Evangelium zu den Menschen zu bringen.“

Konkret werde es beispielsweise darum gehen, sich Gedanken über finanzielle Schwerpunktsetzungen und einen „guten und sinnvollen Personaleinsatz“ zu machen, sagte Kohlgraf. „Wir reden über das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen und es geht um die Frage einer Bewertung der pastoralen Notwendigkeit unserer Immobilien und den Möglichkeiten vor Ort.“ Dabei könnten und sollten viele Themen durchaus auch ökumenisch angegangen werden, da die evangelische Kirche vor ähnlichen Herausforderungen stehe.

Die 20 Dekanate im Bistum sollen in den nächsten Wochen und Monaten Rückmeldung zu den von ihnen vor Ort entwickelten Plänen zur Umstrukturierung erhalten. Der eingeleitete Weg ist nach seiner Ansicht notwendig. Das Bistum habe nicht mehr die Möglichkeiten, die traditionellen Strukturen am Laufen zu halten. „Strukturveränderungen hat es in der Kirche immer gegeben und wir reagieren jetzt auf die Situation unserer Zeit und müssen schauen, dass die Strukturen so angepasst werden, dass sie unserem Auftrag und unseren Möglichkeiten entsprechen“, erklärte er.

An manchen Orten würden außerdem keineswegs jahrhundertealte Strukturen verlassen, sondern an die Strukturen vor dem Zweiten Weltkrieg angeknüpft, erklärte er. Das gelte vor allem für die Regionen, in denen die Katholiken eine Minderheit bildeten.

Kohlgraf sieht die neu entstehende Struktur durchaus auch als Chance für das kirchliche Leben, etwa durch das Bilden von Netzwerken der Gemeinden oder dem Setzen von Schwerpunkten. „Wir werden in Zukunft noch mehr auf die Menschen vor Ort setzen und ihnen Anteil geben, auch an Leitungsverantwortung und an Gestaltungsmöglichkeiten mancherlei Art“, kündigte er an.

Leitgedanke bei der Neuaufstellung ist laut Kohlgraf die Frage: „Brauchen die Menschen, was sie von uns bekommen, und bekommen sie, was sie brauchen?“ Dabei gehe es um eine Grundversorgung, die natürlich gewährleistet sein müsse, aber auch um die „Möglichkeiten, die vor Ort gegeben sind, und die den Charme eines Ortes oder auch eines Kirchortes darstellen“.

Die eingeleitete Umstrukturierung stößt nach Angaben des Bischofs zwar auch auf Widerstände im Bistum, aber nicht auf eine „fundamentale Opposition“. Der Vatikan habe die Schritte positiv kommentiert und unterstützt. „Von Seiten Roms gib es keine Schwierigkeiten“, betonte er.

Im benachbarten Bistum Trier, das mit rund 1,3 Millionen Menschen fast doppelt so viele Mitglieder zählt, musste vor zwei Jahren eine Pfarreienreform nach einer Intervention des Vatikans neu überarbeitet werden. Der ursprüngliche Plan sah vor, die 887 Pfarreien, die in 172 Pfarreiengemeinschaften zusammengeschlossen sind, aufzulösen, um dann 35 neue Großpfarreien zu gründen. Dieser Schritt war der Kleruskongregation des Vatikans zu groß – die Pläne wurden gestoppt.

„Die Zahlen, über die wir reden, also 120 Pfarrgruppen werden zu 46 Pfarreien, ist natürlich psychologisch und auch real eine andere Größenordnung als vielleicht in anderen Diözesen“, so Kohlgraf. Hinzu komme, dass die Pfarrer im Mainzer Bistum bereits jetzt in größeren Einheiten aktiv seien. „Es gibt praktisch keinen Pfarrer, der nur eine Pfarrei leitet.“

Von den Pfarrern würden schon heute Managerqualitäten erwartet, in Zukunft werde das noch stärker der Fall sein, sagte Kohlgraf. „Betriebswirtschaftslehre muss nicht zwangsläufig Thema des Theologiestudiums sein, aber Leitungskompetenzen werden bereits jetzt in der Ausbildung zum Priester, aber auch für andere theologische Berufe vermittelt“, sagte er. In der Vorbereitung auf den Leitungsdienst einer größeren Pfarrei würden diese Kompetenzen bei Weiterbildungsmaßnahmen jetzt sehr konkret. „Die Pläne dafür stehen und es geht zeitnah los“, betonte er.

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