Archivierter Artikel vom 20.04.2021, 06:10 Uhr

Armutskonferenzen: Corona verstärkt Probleme von Armen

Vor einer Verschärfung von Armut im Folge der Corona-Pandemie warnen die Armutskonferenzen im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Und: Die Tafeln melden wieder steigende Zahlen von Hilfsbedürftigen.

Symbolbild "Armut"
Münzen im Wert von fünf Euro werden über ein rotes Portemonnaie gehalten.
Foto: Friso Gentsch/dpa/Archivbild

Saarbrücken/Mainz (dpa/lrs) – Von Armut betroffene Menschen in Rheinland-Pfalz und im Saarland bekommen die Auswirkungen der Corona-Pandemie derzeit besonders hart zu spüren. „Sie sind die Verlierer dieser Pandemie in mehrerer Hinsicht“, sagte der Sprecher der Landesarmutskonferenz Rheinland-Pfalz, Albrecht Bähr, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. Die Armutsquote werde weiter steigen. Zudem rutschten auch Menschen, die bisher an der unteren Schwelle der Mittelschicht lägen, in die Armutsreihe.

Dabei handele es sich um Personen, die vorher ihre Zweit- und Drittjobs hatten, um ihre Raten zu bezahlen. Irgendwann sei dann das Ersparte weg. „Wir merken das ganz massiv im Bereich unserer Notfonds“, sagte Bähr. Es gebe deutlich mehr Anfragen von Menschen, die ein paar Schuhe, eine Jacke oder einen Einkaufsgutschein bräuchten. Bähr ist auch Vorsitzender der Kommission Soziale Sicherung, Migration und Armutsbekämpfung bei der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz.

Die Armutsquote in Rheinland-Pfalz, die derzeit bei 15 Prozent liege, werde seiner Einschätzung nach steigen. Betroffenen seien viele Kinder und Jugendliche. „Sie werden im Rahmen der Digitalisierung im Bildungsbereich benachteiligt und werden das nicht aufholen können“, sagte Bähr. Zudem falle für sie ein warmes Mittagessen in Schulen und Kitas weg. „Und damit die gesunde Ernährung.“ Schwierig sei die Lage auch für Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Menschen mit Migrationshintergrund. „Sie haben keine Lobby.“

Hilfseinrichtungen wie Kleider- und Möbelbörsen seien teils geschlossen oder arbeiteten nur eingeschränkt, sagte der Geschäftsführer der Saarländischen Armutskonferenz, Manfred Klasen, der Deutschen Presse-Agentur. In Schulen falle neben dem Schulessen auch das Schulobstprogramm weg. Hinzu kämen zusätzliche Kosten für Corona-Hygienemaßnamen wie Mund-Nasen-Schutz.

Klasen schätzte, dass im Zuge von höherer Arbeitslosigkeit und dem Wegfall von Minijobs auch im Saarland die Armutsquote steigen werde. Themen wie Stromsperren, Wohnungsverlust und Verschuldung würden „leider an Bedeutung gewinnen“. Derzeit betrage die Armutsquote im Saarland 17 Prozent. „Das sind knapp 170 000 Betroffene.“ Bei Kindern und Jugendlichen liege die Quote bei 22,5 Prozent.

Von Armut Betroffene spielten in der Corona-Diskussion „eine nur untergeordnete Rolle“, kritisierte die Saar-Armutskonferenz. Anfangs seien „praktisch gar keine zusätzlichen Hilfen“ gewährt worden. Später seien erleichterte Antragstellungen beim Jobcenter und kostenfreie Masken dazu gekommen, zuletzt ein einmaliger und völlig unzureichender Corona-Zuschuss von 150 Euro, sagte Klasen. Als arm gelten Personen laut Klasen, wenn sie im Monat weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben.

Die Tafeln in Rheinland-Pfalz und im Saarland melden derzeit „stabile bis steigende Zahlen“, sagte Sabine Altmeyer-Baumann, Vorsitzende des Landesverbands Tafel Rheinland-Pfalz/Saarland in Bad Kreuznach. „Die Situation der Leute ist prekär und sie wird prekär bleiben.“ Nachdem am Anfang der Pandemie ältere Menschen aus Angst vor einer Infektion teils wegblieben, fühlten sie sich jetzt sicherer: alles auf Abstand oder mit Bringdiensten. Laut Verband sind in Rheinland-Pfalz und dem Saarland 66 Tafeln, darunter 11 im Saarland, aktiv.

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