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Wie Menschen als Bahai leben: Auch im Westerwald gibt es Anhänger

Seit 200 Jahren gibt es die Religionsgemeinschaft der Bahai – doch kaum einer kennt sie. Unsere Zeitung hat eine der Westerwälder Gemeinschaften in Vielbach besucht.

Das Foto zeigt die Gärten der Bahai am Karmel-Berg im israelischen Haifa. Die Anlage mit ihren 19 Terrassen gehört zum Unesco-Welterbe.  Foto: dpa
Das Foto zeigt die Gärten der Bahai am Karmel-Berg im israelischen Haifa. Die Anlage mit ihren 19 Terrassen gehört zum Unesco-Welterbe.
Foto: dpa

Eine Gruppe von Menschen hat sich an einer langen Tafel versammelt. Sie sitzen da, stumm, mit geschlossenen Augen und lauschen bedächtig. Eine Frau singt leise ein persisches Gebet. Ein Mann liest aus dem Neuen Testament. Sein Tischnachbar trägt ein paar Zeilen aus dem Koran vor. Der nächste in der Reihe zitiert Bahaullahs Worte. Er, Bahaullah, ist der Grund, warum ehemalige Katholiken, Protestanten, Muslime und Schiiten an einem Tisch sitzen, zu ein und demselben Gott beten. Er soll der jüngste Religionsstifter nach Buddha, Christus und Muhammad sein. Er soll die Religionen vereinen, für Einigkeit und Eintracht unter den Menschen sorgen. „Bahaullah sagte, es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt“, erklärt Zabih Mohtashami die aus dem Iran stammende, weltweit verbreitete Religion der Bahai – die auch ein paar Anhänger im Westerwald und in der Region hat.

Zabih Mohtashami ist einer dieser Bahai-Anhänger. Der Koblenzer ist heute mit seiner Frau Bahereh nach Vielbach gekommen, um im Haus von Marion Reitz-Frohneberg das wichtigste Fest der Bahai zu feiern, das sogenannte 19-Tage-Fest. Denn in der Religion der Bahai besteht ein Jahr aus 19 Monaten mit jeweils 19 Tagen. Jeden Monat trifft sich Mohtashami mit Bahai-Anhängern aus der Region. Sie kommen aus Kroppach, Gemünden, Rückeroth, Selters, Koblenz, Altenkirchen, Andernach und aus Vielbach. Dann wird gebetet, aus den heiligen Schriften des Glaubens gelesen und einfach die friedliche Gemeinschaft genossen. Dass Mohtashami heute dabei sein kann, bedeutet dem 75-Jährigen viel. Denn in seiner Heimat, dem Iran, wurden er und seine Frau vor einigen Jahren zum Tode verurteilt, sagt er. Weil sie Bahai sind. Weil sie nicht Muslime sind, wie es der Staat will. Im Iran – dem Ursprungsland der Bahai-Religion – werden Anhänger verfolgt und getötet. Sie dürfen nicht an Universitäten studieren, ihr Besitz wird konfisziert. So auch bei Mohtashami. Er kam nach Deutschland, studierte und promovierte hier. Aus Heimatliebe kehrten er und seine Frau zurück – doch ihr Aufenthalt war von kurzer Dauer. „Wir konnten in letzter Sekunde das Land verlassen“, erzählt Mohtashami.

Er ist nicht der einzige im Raum, der diese Erfahrung machen musste. Neben ihm sitzt eine Familie. Ihr jüngstes Mitglied, das Mädchen Baran, ist gerade drei Jahre alt. Sie hatten im Iran ein Restaurant besessen, mussten Schutzgeld bezahlen, um überleben zu können. Doch einige der Bahai-Mitglieder haben auch aus reiner Überzeugung ihren Glauben gewechselt. So auch Marion Reitz-Frohneberg. Sie ist 61 Jahre alt, arbeitet als Sozialarbeiterin im öffentlichen Dienst, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Seit 1,5 Jahren ist sie nun Bahai-Mitglied. Ganz offiziell mit Mitgliedsausweis, erzählt sie stolz. Sie ist aus der Kirche ausgetreten, hat sich den Bahai angeschlossen. Aus Glaube an den Offenbarer Bahaullah, das Streben nach einer Einheit. Es ist nicht so, dass sich die Bahai als einzig richtige Religion empfinden. Es ist vielmehr so, dass die Bahai alle Religionen verbinden möchten. Sie vertreten die Meinung, dass alle Religionen eine gemeinsame Grundlage haben. Bahai ist quasi eine Weiterentwicklung der bestehenden Religionen, die sich an die neuen Anforderungen in der Welt angepasst hat. Schließlich sei die Welt heute vernetzt. Brauche man dann nicht auch eine universelle Religion? Einen universellen Gott, der in allen Religionen präsent ist? Reitz-Frohneberg vertritt diese Meinung. „Die Religion gibt mir viel Ruhe“, sagt sie. „Durch die Gebete bin ich geerdet, bin gelassener. So wie andere religiöse Menschen, die durch ihren Glauben einen festen Halt haben.“

Bahai haben keine Kirchen, so wie die Katholiken und Protestanten. Lediglich ein paar wenige Andachtshäuser gibt es. In Chile, Indien, Uganda, den USA, Australien, Samoa – und auch in Langenhain bei Frankfurt. Der heiligste Ort der Bahai ist die Grabstätte Bahaullahs im israelischen Acka. Frohneberg war dort. Bereits zwei Mal. „Ich habe die Orte kennengelernt, an dem Bahaullah gelebt hat“, erzählt Reitz-Frohneberg. „Diese Atmosphäre hat man gespürt. Das ist schon etwas ganz Besonderes, da bleibt einem die Luft weg.“

Es herrscht eine ungezwungene Atmosphäre an der langen Tafel mit der 15-köpfigen Gruppe in Reitz-Frohnebergs Wohnzimmer. Im Kamin flackert ein Feuer. Teelichter brennen vor sich hin. An der Wand hängt ein Gebetsteppich mit einem arabischen Schriftzug Bahaullahs, dessen Name übersetzt „Herrlichkeit Gottes“ bedeutet. Daneben steht eine Taufkerze. In der Küche kocht bereits das Festmahl. Stephan Hilckmann hat neun Jahre gebraucht, um sich den Bahai anzuschließen, nachdem er das erste Mal von ihnen erfahren hat. Er und seine Frau Luise stammen aus einem streng katholischen Elternhaus, fühlten sich in ihrem Glauben aber nicht wohl. Durch Zufall hat er einen Menschen kennengelernt, der der Bahai-Religion angehört. „Ich war zunächst sehr skeptisch“, erinnert sich der 58-jährige Vielbacher. „Schließlich wollte ich nicht an eine Sekte geraten.“ Er begann zu recherchieren, prüfte die Grundsätze dieser Religion sorgfältig.

Die selbstständige Suche nach der Wahrheit und dem Glauben kennt auch Horst Liedtke. Der 55-Jährige, der 42 Jahre Protestant war, hatte einst damit angefangen, in den anderen heiligen Schriften zu lesen. Er habe erkannt, dass beispielsweise der Koran größtenteils mit der Bibel übereinstimmt. „Wenn man sich immer nur in seinem eigenen sozialen Umfeld, in seiner eigenen Religion bewegt, erkennt man die Zusammenhänge nicht“, verdeutlicht er. Wichtig sei es aber auch, die Religion und die Wissenschaft nicht als Gegenpole, sondern als Ergänzung zu betrachten. „Religion ohne Wissenschaft ist Aberglaube. Wissenschaft ohne Religion führt zu Materialismus“, sagt er. Beides lehnen die Bahai ab. Seine Frau Marita sitzt neben ihm. Sie stammt aus Liepaja, einer Hafenstadt in Lettland, geboren ist sie aber in Russland. Es ist dieser Nationalismus zwischen den lettischen und den russischen Bürgern, der sie zur Bahai-Religion geführt habe, erzählt sie. „Wieso muss es diesen Nationalismus geben?“, fragt sie. „Ich fühle mich weder als Russin noch als Lettin. Ich fühle mich international.“

Es ist spät geworden. Das Feuer im Kamin hat das Wohnzimmer angenehm erwärmt, das Wachs der Teelichter auf der langen Tafel ist geschmolzen. Das Essen ist fertig. Die Gruppe an der langen Tafel löst sich auf. Die ehemaligen Katholiken, Protestanten, Muslime und Schiiten bedienen sich am Festmahl. In 19 Tagen werden sie sich wieder treffen. Dann werden sie die heiligen Schriften studieren, gemeinsam beten – für eine Welt ohne Zwietracht und Krieg.

Verena Hallermann

Bahaullah hieß in Wirklichkeit Mirza Husain-Ali Nuri

Der Religionsstifter Bahaullah wurde am 12. November 1817 in Teheran im Iran geboren. Der Name bedeutet „Herrlichkeit Gottes“ und war nur sein religiöser Ehrentitel.

Sein wirklicher Name war Mirza Husain-Ali Nuri. Er war der Sohn einer einflussreichen persischen Familie und war Schiit. Er ist am 29. Mai 1892 in Akkon gestorben. In diesem Jahr feiern seine Anhänger, die Bahai, seinen 200. Geburtstag. Seine Nachfolger waren sein Sohn Abdul-Baha (1844-1921) und dessen Enkel Shoghi Effendi (1897-1957).

Westerwald extra
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&bdquo;Pfui Spinne&ldquo; mag der ein oder andere beim Anblick dieses Fotos von Volker Horz denken. Und doch hat die Detailaufnahme dieses Festmahls ihren ganz eigenen Reiz. Jedenfalls ist dem Achtbeiner hier ein dicker Fang ins Netz gegangen.&nbsp;Wenn auch Sie ein sch&ouml;nes Bild f&uuml;r unsere Leserfoto-Rubrik haben, dann schicken Sie es an die Adresse <a href="mailto:montabaur@rhein-zeitung.net">montabaur@rhein-zeitung.net</a>. Beachten Sie dabei bitte die erforderliche Mindestaufl&ouml;sung von 2500 mal 1500 Pixel.

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