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    Pferde statt Maschinen: Familie baut Biokartoffeln an

    Karsten Güttler und seine Familie haben ein seltenes Hobby: Sie bauen in ihrer Freizeit Kartoffeln an. Dabei verzichten sie völlig auf Maschinen. Nur die Pferdestuten Maya und Emma helfen dabei.

    Kaltblutstute Emma zusammen mit ihren Herrchen (von links) Jakob und Karsten sowie Stallpartnerin Maya und Ines, Jeremia und Jonathan. Und natürlich Mopsdame Klein-Ida. Fotos: Verena Hallermann
    Kaltblutstute Emma zusammen mit ihren Herrchen (von links) Jakob und Karsten sowie Stallpartnerin Maya und Ines, Jeremia und Jonathan. Und natürlich Mopsdame Klein-Ida. Fotos: Verena Hallermann
    Foto: Verena Hallerman

    Maya scharrt ungeduldig mit ihren Hufen. Eine Weile steht sie jetzt schon neben ihrer Stallpartnerin Emma und scheint nur darauf zu warten, endlich wieder auf dem Acker arbeiten zu dürfen. Maya und Emma sind Kaltblutstuten. Sie gehören Karsten Güttler aus Steinen, der sie zu Arbeitstieren ausgebildet hat. Der 48-jährige Maschinenbauingenieur baut nämlich in seiner Freizeit Kartoffeln an. Ganz ohne technische Hilfe und Chemie – nur mit alten, landwirtschaftlichen Geräten, der Zugkraft seiner beiden treuen Stuten und natürlich jeder Menge Pferdemist. Ein sehr zeitaufwendiges und kostenintensives Hobby, das er mit seiner Frau und seinen vier Kindern teilt. Denn teuer verkaufen will er die Biokartoffeln nicht. Sie werden verschenkt, dienen kleinen Tauschgeschäften mit den Nachbarn und natürlich dem Eigenbedarf. „Mir geht es nur um den Spaß an der Arbeit mit den Tieren“, erklärt Güttler.

    Zu Hause bei der Familie ist viel los. Während Maya und Emma noch auf ihren Arbeitseinsatz warten, grasen nicht weit entfernt ein paar Ponys. Vor der Haustür genießen Laufenten einen kleinen Spaziergang, und Mopsdame Klein-Ida hüpft aufgeregt über den Hof. Währenddessen steht Ehefrau Ines Esch in der Küche, kocht Kaffee und verscheucht Katze Schnucki vom Herd, die sich mit etwas zu viel Interesse der abgekühlten Milch im Topf zugewendet hatte. „Das funktioniert alles parallel zur Arbeit“, erzählt die Grundschullehrerin gut gelaunt, während sich die Hunde Karl und Motte mit Gasthund Nelson unter dem Esstisch raufen. „Langweilig wird es bei uns jedenfalls nie.“

    Wenige Hundert Meter vom Grundstück entfernt hat Güttler mit seiner Frau im vergangenen Jahr einen Acker gepachtet. Knapp 1250 Quadratmeter umfasst die Anbaufläche. Wie in längst vergangenen Zeiten, bevor sich der Schlepper in den 50er-Jahren durchsetzte und das Arbeitspferd verdrängte, bearbeitet Güttler das Feld mit Pflug, Egge und Hacke. „Es ist wichtig, dass das Wissen nicht verloren geht“, macht der Hobbylandwirt deutlich.

    Es macht ihn stolz, wenn er sieht, was er geschafft hat. Nicht nur, weil er dieses Jahr zwei Tonnen Kartoffeln ernten konnte. Auch, weil seine ganze Familie auf dem Feld steht und mithilft. Die beiden Nesthäkchen der Familie, Jeremia (5) und Jonathan (8), haben fleißig dabei geholfen, die Kartoffeln aufzusammeln. Und auch Jule (13), die ansonsten gern viel Zeit auf dem Rücken der Ponys verbringt, und ihr Bruder Jakob (15) sowie zahlreiche weitere Helfer haben mit angepackt.

    Auf dem Acker von Karsten Güttler wachsen Kartoffeln in sechs Sorten. So auch die festkochende Violetta.
    Auf dem Acker von Karsten Güttler wachsen Kartoffeln in sechs Sorten. So auch die festkochende Violetta.
    Foto: Verena Hallerman

    Doch wie kommt ein technisch interessierter Maschinenbauingenieur dazu, sich mit Pferd und Pflug auf den Acker zu stellen? Alles begann vor ein paar Jahren mit einem Lehrgang auf dem Pferdehof von Manuela und Hubert Zimmermann in Windeck. Güttler wollte das Holzrücken mit Pferden lernen und nahm deswegen dort an einigen Kursen teil, bis er seine Stuten sicher durch das Gehölz führen konnte. Auch heute geht Güttler mit Maya und Emma regelmäßig in die Wälder, um gefällte Bäume zu transportieren. „Dabei geht es nicht um Kraft, sondern um Feinarbeit“, sagt er. „Diese ganz feine Kommunikation ist das Schöne daran.“

    Der Familienvater begann, sich immer mehr für die Arbeit mit Pferden zu interessieren, und traf so auf seinen Lehrmeister Gerd Aschoff von der Interessengemeinschaft Zugpferde. Er zeigte ihm, wie er seine Stuten auch für die Landwirtschaft einsetzen konnte, zeigte ihm, wie er mit den landwirtschaftlichen Geräten umgehen muss. Güttler war begeistert. Es ist das Wesen der Kaltblüter, die in der Land- und Forstwirtschaft gern eingesetzt werden, das den Familienvater „irgendwie gepackt hat“, wie er sagt. Ihr sanftes und ruhiges Gemüt, ihre Stärke sowie ihr Arbeitswille erleichtern Güttler die Arbeit auf dem Feld. „Für mich sind Pferde schöne Tiere, aber Kaltblüter faszinieren mich“, erklärt er. Kurzerhand suchte er sich seine eigenen Gerätschaften zusammen. Wenig später stand er auch schon auf dem Acker. „Anfangs war das eine Quälerei“, gesteht der Hobbylandwirt erste Startschwierigkeiten mit den Ackergeräten. „Ich bin aber auch generell ein ungeduldiger Mensch.“

    Seine beiden Stuten hat Güttler selbst ausgebildet. Viel Zeit hat er investiert, bis die Pferde gut liefen, die Ackergeräte richtig eingestellt waren und er selbst sicherer im Umgang mit den Zügeln war – noch immer habe er viel zu lernen, sagt er. Das Vertrauen der Tiere zu gewinnen, sei der Schlüssel dabei. Es gehe nicht darum, das Pferd zu brechen, damit es auf seinen Besitzer hört. „Klar bin ich der Chef“, sagt er. „Aber der Strick muss locker in der Hand liegen können.“ Die Pferde sind schon längst ein Teil der Familie geworden. Eltern und Kinder reiten aus oder fahren mit der Kutsche durch das Dorf. Und im Winter erfreuen sie sich daran, dass Maya und Emma den selbst gebauten Schneepflug ziehen.

    In der Küche der Familie ist es mittlerweile ruhiger geworden. Die Hunde dösen unterm Küchentisch. Klein-Ida hat es sich in Frauchens Armen gemütlich gemacht. Draußen grasen die Ponys, darunter das nur 57 Zentimeter große Pony mit dem Namen Pimpolie. Maya und Emma warten immer noch ungeduldig. Im Flur steht ein Eimer mit Kartoffeln. Auch in der Garage hinterm Haus lagern unzählige Kartoffeln. „Bei uns gab es schon einige Kartoffelgerichte in sämtlichen Variationen“, lacht Ines Esch. „Aber die Kinder sind unkompliziert, wenn es ums Essen geht.“

    Trotz der guten Ernte will Güttler seine Biokartoffeln in sechs verschiedenen Sorten nicht verkaufen. Denn dafür bräuchte er ein Zertifikat. Die dafür erforderlichen Bodenproben und Nachweise würden nur noch mehr Aufwand bedeuten. Wirtschaftlich bringe der Anbau mit den Pferden keine Vorteile mit sich, sagt er. Die Tiere brauchen Futter, müssen beschäftigt werden, und auch der Tierarzt muss bezahlt werden. Doch allein für das Bewusstsein, für die Umwelt lohne sich die Arbeit.

    Karsten Güttler ist noch am Anfang. Nächstes Jahr will er auch Gemüse anbauen. Dann aber in Kooperation mit anderen Landwirten. Aber bis dahin dauert es noch ein wenig. Nun geht er mit Maya und Emma erst mal zur Nachlese auf den Acker. Vielleicht kommen dabei noch einige Kartoffeln zum Vorschein, die bei der Ernte übersehen wurden. Nächstes Jahr um diese Zeit wird er vermutlich schon die ersten Kohlsorten und Kürbisse geerntet haben. Dann darf sich die Familie auf jede Menge Gemüsesuppe freuen. Verena Hallermann

    Tausende Kilometer für historische Geräte

    Steinen. Für den eigenen Kartoffelacker hat Karsten Güttler aus Steinen Ackergeräte aus ganz Deutschland zusammengesucht. Der 48-jährige Maschinenbauingenieur betreibt seinen 1250 Quadratmeter großen Acker nämlich nur mithilfe von Arbeitspferden. Die dafür erforderlichen, funktionsfähigen Ackergeräte sind heute schwer zu finden. Oft stehen sie in Vorgärten zur Dekoration und sind witterungsbedingt verrostet. „Alte Geräte gibt es noch viele, jedoch wenige, die in einem brauchbaren Zustand sind“, sagt der Hobbylandwirt.

    Der Schälpflug aus den 50er-Jahren kommt auf dem Acker von Karsten Güttler wieder zum Einsatz.
    Der Schälpflug aus den 50er-Jahren kommt auf dem Acker von Karsten Güttler wieder zum Einsatz.
    Foto: Verena Hallerman

    Rund 10.000 Kilometer ist Güttler durch Deutschland gefahren. Mittlerweile ist er stolzer Besitzer einer Hacke, die aus dem 19. Jahrhundert stammt und noch voll funktionsfähig ist. Außerdem stehen in seiner Garage ein Schälpflug, Schleuder-egge, Saategge, Schleuderroder und viele mehr. Die Ackergeräte stammen aus den 30er- und 50er-Jahren, bevor die Arbeitspferde in der Landwirtschaft durch Maschinen ersetzt wurden. Viele Stunden hat Güttler damit verbracht, die historischen Geräte zu restaurieren. Ein paar wenige Landmaschinenhändler gibt es noch. „Dennoch ist es schwierig, an Ersatzteile zu kommen“, sagt Güttler. Heute arbeiten nur noch etwa 40 bis 50 Betriebe in Deutschland teilweise oder ganz mit Pferdezug.

    Mit Blick auf die Umwelt bringt der Einsatz von Pferden in der Forst- und Landwirtschaft einige Vorteile mit sich: Statt Diesel benötigen die Tiere lediglich nachwachsende Rohstoffe wie Heu und Gras. Außerdem ist Pferdemist ein wertvoller Dünger. Darüber hinaus profitiert auch der Boden davon, dass keine schweren Maschinen zum Einsatz kommen. Denn so ist die Bodenverdichtung geringer, wodurch mehr Wasser aufgenommen und Kohlenstoffdioxid gebunden werden kann. Vor allem beim biologischen Gemüseanbau ist der Pferdebetrieb klar im Vorteil. Denn weil dabei auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet werden muss, sind regelmäßige und präzise Pflegearbeiten notwenig. Die breiten Reifen sind im Gegensatz zu den Hufen der Pferde dabei eher hinderlich.

    Ein weiterer Punkt: Menschen wie Karsten Güttler, die trotz der fortgeschrittenen Maschinen in der Landwirtschaft das Handwerk des Fuhrmanns bevorzugen, sorgen dafür, dass das Kulturgut erhalten bleibt.

    Von unserer Reporterin Verena Hallermann

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