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Montabaur

KOPIE_ID_175626/Mitten im Stillstand: Wie RZ-Reporter die Staustunden im Schnee erlebte

Tausende Menschen standen bis in den Morgen auf der A3 und der A48 im Westerwald, über Stunden hatte sich nichts bewegt. Das Schicksal blieb auch RZ-Redakteur Lars Wienand nicht erspart. Er hat sich dann das Schicksal anderer Stauopfer erzählen lassen – er hatte ja Zeit. Hier ist seine Reportage.

Die A48 vor dem Dernbacher Dreieck am frühen Freitagmorgen. Zwei Spuren Stillstand, auf der Gegenfahrbahn dann und wann ein Auto, viel Schnee – und rechs der gesperrte Baustellenbereich, den dann die Schneepflüge nutzten.
Die A48 vor dem Dernbacher Dreieck am frühen Freitagmorgen. Zwei Spuren Stillstand, auf der Gegenfahrbahn dann und wann ein Auto, viel Schnee – und rechs der gesperrte Baustellenbereich, den dann die Schneepflüge nutzten.
Foto: Lars Wienand

Montabaur – Tausende Menschen standen bis in den Morgen auf der A3 und der A48 im Westerwald, über Stunden hatte sich nichts bewegt. Das Schicksal blieb auch RZ-Redakteur Lars Wienand nicht erspart. Er hat sich dann das Schicksal anderer Stauopfer erzählen lassen – er hatte ja Zeit. Hier ist seine Reportage.

Jürgen Alzen wollte nur kurz von Betzdorf zu einem Meeting an den Nürburgring und schnell wieder zurück. Es wurde nichts daraus für den Motorsportler.
Jürgen Alzen wollte nur kurz von Betzdorf zu einem Meeting an den Nürburgring und schnell wieder zurück. Es wurde nichts daraus für den Motorsportler.
Foto: Lars Wienand

Mehmet Okur (links) und Murat Keles hatten am Donnerstagmorgen stundenland auf eisglatten Straßen gestanden und wurden dann in der Nacht zum Freitag wieder kalt erwischt. Mehr als 24 Stunden waren die Handwerker deshalb unterwegs.
Mehmet Okur (links) und Murat Keles hatten am Donnerstagmorgen stundenland auf eisglatten Straßen gestanden und wurden dann in der Nacht zum Freitag wieder kalt erwischt. Mehr als 24 Stunden waren die Handwerker deshalb unterwegs.
Foto: Lars Wienand

Die meisten wundern sich, wenn es an ihr Fenster klopft. Interessierte Augen schauen mich an. Ablenkung schadet nicht, wenn der Stundenzeiger schneller vorrückt als das eigene Auto. "Ich bin von der Rhein-Zeitung..." – leichtes Stirnrunzeln – "ich bin aber auch Stauopfer, ich war auf dem Heimweg." Lächeln – da steht ein Schicksalsgenosse, nicht ein rasender Reporter, der einfach wieder irgendwie entschwebt, nachdem er seine Fragen gestellt hat.

"Jürgen Alzen Motorsport"-Aufkleber auf dem Van, AK-Kennzeichen – das war die erste Anlaufstation, drei Autos vor meinem Wagen. Wäre ich mehr interessiert an Motorsport, würde ich nicht nur seinen Bruder Uwe kennen. "Der hat´s gut", sagt Jürgen Alzen. "Mein Bruder ist in Florida in seinem Häuschen."

Um 17 Uhr war er in Betzdorf zu einem Meeting wegen der Langstreckenserie Richtung Nürburgring aufgebrochen. "Es war schon nicht schön bis Mogendorf, dann ging's, und oben am Ring ließ es sich prima fahren. Minimal Schnee, gut geräumt." Auch, als er dort wieder um 22 Uhr losfuhr. Doch dann kam die dichte A48. "Der Verkehr hier ist ja atomisiert." Im Stau sind alle gleich, auch Könner hinterm Lenkrad.

Nur die Räumfahrzeuge fahren im Zehn-Minuten-Takt rechts am Stau vorbei, haben dort neben den beiden verengten Spuren die drei für Bauarbeiten gesperrten eigentlichen Fahrbahnen für sich alleine. Eigentlich. Denn da tauchen von vorne in der Spur der Schneefahrzeuge die Schemen einer Fußgängergruppe auf. Wer geht da – und zieht sogar noch Koffer hinter sich her?

Beim Weg zu der Gruppe sinke ich hinter der Mittelleitplanke bis fast zum Knie im Schnee ein, kreuze dann den Weg der fünf jungen Leute. "Äh, wo wollt Ihr denn hin?" Es gibt offenbar intelligentere Fragen, einer passt seine Antwort an: "Wo kommen wir wohl her? Wo wollen wir wohl hin. Zurück." Ein Schneemann mit Kohleaugen könnte ihn in dem Moment wohl nicht doofer anschauen. Die sind die Strecke schon mal gegangen?

"Kein Kommentar", sagt er wieder – und legt sichtlich genervt noch einen Zahn zu. Hier ist die von dicken Schneeflocken gefüllte Luft dick. "Wir wollten zum Bus", erbarmt sich eine junge Frau. Aha. Ich schließe mich der Gruppe an, versuche mehr rauszubringen. In Montabaur wollte sie ein Bus aufnehmen. Hat offenbar gar nicht geklappt. "Wir wollten zu Rave on Snow."

Das Partywochenende in Saalbach-Hinterglemm ist für das Quintett ausgefallen – und das hier kann noch zum heißen Tanz im Schnee werden. Die junge Frau hatte keine Bedenken gegen ein Foto von hinten, aber der "Kein Kommentar"-Kerl droht mit Schlägen, als der Blitz zum dritten Mal eine Stroboskop-Stafette abfeuert, die Kamera aber nicht auslöst. Die Gruppe im Pech, der Reporter im Pech. Die Gruppe stapft davon, ich stapfe zurück zu den Autos.

Nur etwa jeder dritte Fahrer scheint aus der Ferne zu kommen, einige KO-Kennzeichen sind zu sehen, einige LM und viele WW. Wie auch Eva Böhm aus Hillscheid, die gegen 22.30 Uhr losgefahren ist, um mal eben ihren Mann am Bahnhof Montabaur abzuholen. Vorher noch ein Schläfchen gehalten, keine Nachrichten gehört. "Ihr Mann sollte um 23 Uhr ankommen, war verspätet um 0 Uhr eingetroffen und dann per Taxi über die Dörfer gefahren. "Der ist jetzt schon zwei Stunden zuhause", seufzt sie.

Immerhin, ein Buch hat sie dabei. "Das wollen Sie aber nicht sehen, ein Frauenschundroman", lacht sie. Um 7 Uhr muss sie wieder in Koblenz sein, und es ist ihr jetzt schon klar, dass viel Arbeit warten wird. "Ich bin bei einer Spedition, und hier", sie dreht den Kopf Richtung Blechlawine hinter ihr, "hier sind auch einige von unseren Lkw."

Gerade als es ans Foto geht, kommt aber Bewegung in die Autos vor uns. "Bis gleich", verabschiede ich mich, Beim Rausspringen aus ihrem Auto. "Ich komme dann noch mal nach vorne." Daraus wird nichts, Richtung Köln fließt es plötzlich, sie ist entschwunden. Die Frau im Glück, der Journalist wieder im Pech. Zumal es in Richtung Frankfurt nicht weitergeht, ich stehe jetzt 300 Meter hinter der Stelle, an der sich die A48 teilt.

Im Radio liest der Moderator gerade die Mail eines Hörers vor, der die "netten Staubekanntschaften vom Parkplatz Nentetshausen" grüßt. Da setzen sich fünf Wildfremde zusammen in ein Auto und plauderten. "So macht Stau Spaß!", endet die Hörermail. Ein paar Kilometer weit steht jetzt ein Schneemann neben der linken Spur zwischen Limburg und Montabaur.

Kurierfahrer Joachim Schulz aus Gelsdorf im Kreis Ahrweiler hat keinen Spaß – um sechs Uhr wollte er in Chemnitz sein, jetzt hat er Sorge, ob er es mit dem fast leeren Tank bis zur Raststätte Heiligenroth schafft. "Ich will mir ja hier auch nicht die Beine abfrieren." Für die Autofahrer an der A3 haben THW und DRK bereits Nachschub an warmer Brühe geholt, hier war davon bislang nichts mitzubekommen. Schulz hat das Radio an, aber er weiß bis dato wenig. Drei Lkw haben sich auf Höhe der Autobahnpolizei Montabaur auf der glatten Straße verkeilt? Und ebenso drei Lkw in der Gegenrichtung? Die Bergung ist schwierig, hat mir eben am Telefon ein Fotograf gesagt, der das THW begleitet. "Ach so. So was könnten die ja auch mal sagen", sagt Schulz.

Auch Mehmet Okur und Murat Keles haben keinen Spaß in ihrem Kleintransporter. Sie hat es zum zweiten Mal erwischt. "Wir sind um 4 Uhr in Friedberg los nach Luxemburg. Dauert normal drei Stunden, aber weil hinter Trier dann irgendwann das Eis fünf Zentimeter hoch auf der Straße war, sind wir erst um 10 Uhr angekommen." Um 19 Uhr hatten sie ihre Arbeit – die Firma Errichtet mobile Trennwände – beendet und sich gefreut, vielleicht doch halbwegs früh wieder Zuhause zu sein. Sie sind fast 24 Stunden unterwegs, als es plötzlich vorne losgeht. Die blockierenden LKW auf der A3 in Richtung Frankfurt sind geräumt, das Bett rückt sehr nahe für den Reporter und näher für die Handwerker. Und der Freitag? "Ich denke nicht, dass wir dann rausgehen", ruft Mehmet Okur noch durchs Fenster, ehe der Wagen anfährt.

Montabaur Hachenburg
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