40.000
Aus unserem Archiv

Deesen ist im Theaterfieber: Dorf hat sich für 800-Jahr-Feier viel einfallen lassen

Die Vorbereitungen für die 800-Jahr-Feier der Ortsgemeinde Deesen am 8. und 9. September laufen auf Hochtouren und kommen allmählich in die heiße Phase. Bereits seit Jahren plant die kleine Gemeinde unter Bürgermeister Klemens Lahr das große Festwochenende.

Die Proben für die Aufführung des „Schinnerhannes“ zur 800-Jahr-Feier in Deesen laufen auf Hochtouren. Das Dorf hofft auf viele Zuschauer. Foto: privat
Die Proben für die Aufführung des „Schinnerhannes“ zur 800-Jahr-Feier in Deesen laufen auf Hochtouren. Das Dorf hofft auf viele Zuschauer.
Foto: privat

Auftakt des Jubiläums-Wochenendes ist ein Oktoberfestabend am Samstag, 8. September, auf dem Dorfplatz. Für Sonntag, 9. September, laden die Deesener zur „Historischen Meile“ in den Ortskern ein. Die Dorfbewohner und Haiderbächer Bürger stellen dann an allerlei nostalgischen Ständen das Handwerk, die Landwirtschaft und das dörfliche Alltagsleben anno dazumal dar.

Eigens für die Feierlichkeiten wurde eine Chronik des im Jahr 1218 erstmals urkundlich erwähnten Westerwalddorfs geschrieben und ein original Deesener Zwetschgenschnaps gebrannt. Einer der Höhepunkte der Jubiläumsfeierlichkeiten ist die Aufführung des Theaterstückes „Schinnerhannes – de rheinisch Räuwerschelm“ des beliebten Mundartdichters und ehemaligen Pfarrers von Breitenau, Wilhelm Reuter, mit der die 800-Jahr-Feier drei Wochen vor dem Festwochenende offiziell eingeläutet wird.

Das einst sehr populäre Volksstück wurde im Westerwald erstmals im Jahr 1937 in Wittgert aufgeführt, im Rahmen der Freilicht-Veranstaltung wird es am 17., 18. und 19. August unter der Regie des Breitenauers Rainer Kalb auf der Naturbühne am Jugendheim auf dem Lindenberg erneut zu sehen sein. Dann lassen die Laienschauspieler die Geschichte und das Leben des berüchtigten Räuberhauptmanns Johannes Bückler, genannt der Schinnerhannes, der vor mehr als 200 Jahren im Westerwald, Hunsrück und Taunus sein Unwesen trieb, wieder aufleben. Regisseur Kalb ist sich sicher: „Die Besucher können sich auf ein spannendes Schauspiel in Haiderbächer Mundart freuen. Das wird ein großes Ereignis“, sagt er. Auch Ortsbürgermeister Klemens Lahr, der das Jubiläum seit Jahren unermüdlich plant und organisiert, fiebert der Premiere entgegen. Schließlich will die Gemeinde Deesen bei jeder Aufführung des Historienstückes rund 450 Zuschauer auf den Lindenberg locken, 1350 Besucher insgesamt, wie er stolz anmerkt. Gut drei Jahre dauern die Arbeiten rund um das Schauspiel nun schon an.

Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel „Schinnerhannes“ von Wilhelm Reuter aus dem Jahr 1929. Rainer Kalb hat das 80-seitige Manuskript der Originalausgabe in monatelanger Arbeit Wort für Wort abgetippt und von der Nassauischen Mundart, in der Reuter sprach und schrieb, in die Haiderbächer Mundart übertragen. Während die Obrigkeiten, Amtsleute und Gendarmen in dem Stück Hochdeutsch sprechen, „schwätzen“ der Schinnerhannes, der von Willi Wolf aus Breitenau gespielt wird, seine Räuberbande und das niedere Volk Haiderbächer Platt. Das Stück hat rund 30 Sprechrollen. „Wir brauchten viele Mundartsprecher. Voraussetzung für die Übernahme vieler Rollen war, dass man Dialekt sprechen kann“, sagt Kalb schmunzelnd.

Klemens Lahr (links) und Rainer Kalb sind im „Festrausch“.  Foto: Kühr
Klemens Lahr (links) und Rainer Kalb sind im „Festrausch“.
Foto: Kühr

Damit das Stück in fünf Akten überhaupt spielbar ist, musste Kalb es stark kürzen. „Ich habe einige Wochen dafür gebraucht, aber ohne Nachbearbeitung ging es nicht“, erzählt er. Dennoch ist das Drehbuch noch immer stattlich: „Ursprünglich waren es 20.000 Wörter, die auswendig gelernt werden mussten, nun sind es knapp 12.000 Wörter“, erklärt Kalb. Gut drei Stunden mit Pause wird das Stück voraussichtlich dauern, sagt der Breitenauer. Die Aktiven, die fast ausnahmslos aus den Haiderbachgemeinden kommen, müssen also viel auswendig lernen. „Doch die Proben laufen gut. Die Texte sitzen so weit“, ist Regisseur Kalb zufrieden. Bei dem Stück wirken mehr als 50 Aktive auf und hinter der Bühne mit – Laiendarsteller, Komparsen, Ton- und Lichttechniker, Bühnenbauer und Bühnenmaler, Requisiteure sowie viele Helfer mehr. Nicht zu vergessen die Bläser-Combo der St. Georgsbläser, die das Stück musikalisch begleiten wird.

Vor gut zwei Jahren haben die Proben begonnen – alle finden bei Wind und Wetter am Spielort auf dem Lindenberg statt. Sogar als es im Winter bitterkalt war. Doch Ortschef Lahr sorgte bei Frost und Schnee für ein wärmendes Feuerchen, ausreichend Licht und heiße Getränke. „Wir wollten das Stück von Anfang an auf dem Lindenberg einstudieren, um ein Gefühl für die Größe der Spielstätte zu bekommen“, erläutert Kalb. Derzeit probt das Ensemble einmal in der Woche. Doch bald kommen weitere Szenenproben hinzu. Außerdem müssen die Akteure üben, mit den Profi-Headsets zu spielen. „Wir zwei haben jetzt absolute Urlaubssperre“, sagt Lahr und lacht.

Auch für die Kulissen und Bühnenbilder scheut das Team keine Mühen. Kurz vor Ostern wurde die rund 150 Quadratmeter große Holzbühne mit fünf Auf- und Abgängen gezimmert. „Wir haben hier Tausende von Schrauben montiert“, sagt Kalb. Die feststehenden Kulissenwände werden derzeit von Hobby-Bühnenmaler Wilfried Knöll aus Ellenhausen bemalt. Sämtliche Bühnenbilder und die wechselnden Kulissen sind allesamt selbst gestaltet. Die Haiderbächer Akteure mussten sogar eine Guillotine (Fallbeil) aus Holz bauen, schließlich wurde das Oberhaupt der Räuberbande wegen mehr als rund 130 nachgewiesenen Straftaten zum Tode verurteilt und am 21. November 1803 enthauptet. Auch die Kostüme im Stile der napoleonischen Zeit wurden von den Schauspielern selbst geschneidert oder gekauft und passend geändert. Zahlreiche Requisiten galt es zudem zu beschaffen: Pistolen und Gewehre (mit Platzpatronen) und eine Drehorgel. „Wir betreiben einen großen Aufwand. Deshalb haben wir uns auch entschieden, das Stück dreimal aufzuführen“, betont Lahr und fügt hinzu: „Wir hoffen nun, dass viele Besucher das Stück bei uns in Deesen sehen wollen.“

Stephanie Kühr

Kartenvorverkauf startet

Der Kartenvorverkauf für die Freilicht-Aufführungen des „Schinnerhannes“ am Freitag, 17. August, 16 Uhr, Samstag, 18. August, 16 Uhr, und am Sonntag, 19. August, 14 Uhr, beginnt bereits am Pfingstmontag, 21. Mai, 10 bis 18 Uhr, in der Gastwirtschaft Holly in Deesen.

Der zweite Vorverkaufstermin ist am Sonntag, 17. Juni, 10 bis 18 Uhr, an der Bushaltestelle in Deesen beim autofreien Tag „Jedem Sayn Tal“. Die Karten kosten 12 Euro für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre 6 Euro, an der Tageskasse 14 bzw. 8 Euro. Gegen Vorkasse und Versandkosten verschickt Ortschef Klemens Lahr auch die Theaterkarten. Es gibt zudem noch ein kleineres Kontingent des Jubiläumsbrandes „Alte Zwetschge“ und der Dorfchronik.

Informationen gibt Klemens Lahr, Telefon 02626/924 184, E-Mail lahrdeesen@web.de.

kür

"Pasdur" Reuter war ein oft gespielter Autor

Breitenau/Westerwald. Der von vielen Haiderbächern verehrte „Pasdur“ Wilhelm Reuter erlangte durch seine Gedichte und Volksstücke in Nassauer Mundart zu Lebzeiten überregionale Popularität. Sein wohl erfolgreichstes Bühnenstück ist der „Schinnerhannes“, der zur 800-Jahr-Feier von Deesen unter der Regie des Reuter-Biografen Rainer Kalb aus Breitenau auf dem Lindenberg aufgeführt wird. Die Erstaufführung des Räuberstückes in Vockenhausen, Reuters erster Pfarrstelle, im Jahr 1929 sahen gut 40.000 Menschen.

Foto: privat

Der bei den Westerwäldern für seine Menschlichkeit und Güte geschätzte Geistliche wurde am 19. April 1888 in Prath im heutigen Rhein-Lahn-Kreis geboren. Er besuchte das Gymnasium in Boppard und Hadamar und machte im Jahr 1910 das Abitur. Nach dem Theologiestudium in Fulda und Freiburg erhielt er am Priesterseminar in Limburg 1914 die Priesterweihe. Nach verschiedenen Kaplan- und Pfarrstellen, zuletzt in Eppenhain und Bremthal, übernahm Reuter am 1. August 1935 die vakante Pfarrstelle im Kirchspiel Breitenau und wirkte hier bis zu seinem Tod. Reuter starb am 13. August 1948 an den Folgen einer Hepatitis-Infektion im Krankenhaus in Dernbach. Der Gottesmann verfasste mehr als 200 Gedichte, vorwiegend Natur- und geistliche Lyrik. Von ihm stammen 18 volkstümliche Schauspiele. Viele Bühnen spielten seine Theaterstücke, manches Gedicht wurde vertont wie das „Haiderbachlied“.

Auf den Bühnen der Haiderbach wurden zu Reuters Lebzeiten bis kurz nach seinem Tod fünf Reuter-Stücke aufgeführt: Das erste Reuter-Stück als Freilichtspiel auf der Haiderbach war 1937 der „Schinnerhannes“. Aufgeführt wurde es an der Stelle, an der heute die Schinnerhannes-Hütte steht – es soll zwölf Aufführungen gegeben haben, so beliebt war das Schauspiel. Es folgte 1946 „Dat Ammieche von de Goldbachmill“ im Saalbau Kern in Deesen. In den Jahren 1947 bis 1949 wurden auf der Freilichtbühne am Lindenberg in Deesen die Werke „Die Harebouwe“, „Der Märzminister“ und „Genoveva“ gezeigt. Die Uraufführung des sechsten Reuter-Stückes folgte bei der 750-Jahr-Feier von Breitenau im Jahr 2015 mit dem Bühnenwerk „Tod oder Leben“, das Reuter 1945 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges geschrieben hat.

Von unserer Redakteurin Stephanie Kühr

Montabaur Hachenburg
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
epaper-startseite
Regionalwetter Westerwald
Mittwoch

9°C - 23°C
Donnerstag

9°C - 21°C
Freitag

7°C - 19°C
Samstag

0°C - 17°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Bildergalerien: Fotos unserer Leser
&bdquo;Pfui Spinne&ldquo; mag der ein oder andere beim Anblick dieses Fotos von Volker Horz denken. Und doch hat die Detailaufnahme dieses Festmahls ihren ganz eigenen Reiz. Jedenfalls ist dem Achtbeiner hier ein dicker Fang ins Netz gegangen.&nbsp;Wenn auch Sie ein sch&ouml;nes Bild f&uuml;r unsere Leserfoto-Rubrik haben, dann schicken Sie es an die Adresse <a href="mailto:montabaur@rhein-zeitung.net">montabaur@rhein-zeitung.net</a>. Beachten Sie dabei bitte die erforderliche Mindestaufl&ouml;sung von 2500 mal 1500 Pixel.

Mit der Kamera im Westerwald unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.