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Westerwaldkreis

Cannabis auf Rezept? Ärzte im Westerwald sind skeptisch

Seit März vergangenen Jahres dürfen Ärzte ihren Patienten Cannabis auf Rezept verschreiben. Die Präparate sollen schwer kranken Menschen unter anderem bei der Schmerztherapie helfen. Die Gesetzesänderung macht sich auch in Rheinland-Pfalz und im Westerwaldkreis bemerkbar. Allein die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland meldet seit der Verabschiedung des Gesetzes in ihrem Verbreitungsgebiet Anträge im mittleren dreistelligen Bereich. Das Patienteninteresse sei deutlich. Doch wie gehen Ärzte, Apotheken oder Krankenhäuser mit dem Thema um? Unsere Zeitung hat bei einigen Medizinern und Experten nachgefragt.

Cannabis als Mittel gegen Schmerzen ist in Deutschland unter Auflagen legal. Im Westerwaldkreis ist die Nachfrage noch gering.
Cannabis als Mittel gegen Schmerzen ist in Deutschland unter Auflagen legal. Im Westerwaldkreis ist die Nachfrage noch gering.
Foto: dpa

Allgemeinmediziner Klaus Fischer aus Ransbach-Baumbach bewertet die Gesetzesneuerung als nicht unbedenklich. Aus seinem Praxisalltag berichtet er, dass die Nachfrage sehr gering ist. Lediglich einmal sei er auf ein entsprechendes Rezept angesprochen worden. Er behandle sehr viele Schmerzpatienten. Allerdings seien diese auch ohne die Cannabis-Präparate gut eingestellt. Selbst wenn die Zahl der Patienten, die eine Behandlung mit Cannabis in Erwägung ziehen, steigen würde, bleibe er vorsichtig, fügt er hinzu. „Für mich ist das ein Buch mit sieben Siegeln“, erklärt Fischer. „Ich kenne mich damit nicht aus. Das sollen die Ärzte machen, die damit Erfahrung haben.“

Eine Ärztin, die damit Erfahrung hat, ist Dr. Jutta Maxseiner. Sie ist Fachärztin für Anästhesie, spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin am Katholischen Klinikum Koblenz-Montabaur. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt sie, dass sie die Erfahrung gemacht habe, dass Hausärzte Patienten, die ein Cannabis-Rezept wollen, häufig zu ihr in die Praxis im MVZ Brüderkrankenhaus Montabaur schicken. „Aber es sind deutlich weniger Patienten, als ich erwartet hatte“, berichtet Maxseiner. Lediglich in Einzelfällen verschreibe sie Tropfen, Tabletten mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon oder getrocknete Cannabisblüten. Dabei handele es sich dann in der Regel um Tumor- oder Palliativpatienten sowie chronische Schmerzpatienten. Häufig leiste sie aber primär Aufklärungsarbeit, mache deutlich, dass es sich um ein starkes Opiat mit entsprechenden Nebenwirkungen handelt und dass es Alternativen gibt. „Man darf nicht den Eindruck bekommen, dass das jeder bekommen kann“, macht Maxseiner deutlich. „Die meisten Patienten erfüllen die Voraussetzungen nicht.“

Aber wie hoch ist der Ansturm in den Apotheken im Kreis? Jens Burk, Inhaber der Sonnen-Apotheke in Siershahn, berichtet, dass sich die Nachfrage noch in Grenzen hält. Etwa ein halbes Jahr nach der Gesetzesänderung kam der erste Kunde mit einem entsprechenden Rezept in die Apotheke, sechs sind es bis heute. Burk ist dennoch überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass das auch im ländlichen Raum so schnell ankommt“, sagt er. Bislang stelle sich allerdings die Lieferung als problematisch dar. Denn die deutschlandweit gestiegene Nachfrage mache sich bemerkbar. Teilweise könne es bis zu einem halben Jahr dauern, bis die Präparate geliefert werden, erzählt der Inhaber. Derzeit wird das medizinische Cannabis aus Kanada und den Niederlanden importiert. Erst ab 2019 soll auch in Deutschland Cannabis angebaut werden.

Die Rückmeldungen bezüglich der Wirksamkeit der Präparate fallen positiv aus, berichtet Burk. Allerdings rufe das Thema bei älteren Patienten noch Hemmungen hervor. Diese bevorzugten dann eine Therapie in Tropfenform anstelle der getrockneten Cannabisblüten, die mithilfe eines elektrischen Verdampfers inhaliert werden. „Natürlich gibt es noch jede Menge Alternativen. Es ist kein Allheilmittel“, macht Burk deutlich. „Aber es bildet mitunter eine sinnvolle Ergänzung.“ Der Gesetzgeber hat keinen bestimmten Personenkreis definiert, der Anspruch auf eine Behandlung mit Cannabis-Arzneimitteln hat. Jeder Haus- und Facharzt darf Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen getrocknete Cannabisblüten und -extrakte sowie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben. Konkrete Indikationen, die als „schwerwiegend“ gelten, benennt der Gesetzgeber nicht. Vor der ersten Verordnung ist für die Behandlung mit Cannabis-Arzneimitteln zulasten der gesetzlichen Krankenkasse ein formloser Antrag auf Genehmigung der Kostenübernahme bei der zuständigen Krankenkasse zwingend vorgeschrieben. Dieser muss durch den Patienten, in der Regel mit Unterstützung des behandelnden Arztes, gestellt werden.

Nach Angaben der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz kann Cannabis Schwerstkranken Linderung bringen. Bislang mussten die betroffenen Patienten dies selbst bezahlen. „Dass nun die Krankenkassen die Kosten übernehmen, ist gut“, teilt Ines Engelmohr, Pressesprecherin der Landesärztekammer mit. Allerdings wisse man noch nicht viel darüber, ob und wie Arzneimittel auf Cannabis-Basis wirken. Die Studienlage hierzu sei deutlich schwächer, als in der Öffentlichkeit allgemein angenommen werde. „Akzeptable wissenschaftliche Erkenntnisse“ lägen bislang nur für die begleitende Behandlung von Spastiken, Übelkeit und Erbrechen durch Zytostatika sowie chronische Schmerzen vor. Mögliche weitere Wirksamkeiten werden diskutiert.

Von unserer Redakteurin Verena Hallermann

Stellenwert einer Cannabisbehandlung ist noch unklar

Nach Informationen der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland lässt es sich aktuell noch nicht abschätzen, welchen Stellenwert eine Behandlung mit Arzneimitteln auf Cannabis-Basis zukünftig in den Therapieplänen einnehmen wird. Hierzu fehle es bislang an verlässlichen wissenschaftlichen Untersuchungen. Ärzte, die Cannabis verordnen, müssen laut Landesärztekammer in der Regel ein Jahr nach Behandlungsbeginn bestimmte Daten in anonymisierter Form an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) übermitteln.

Die Erhebung dauert fünf Jahre und ist Entscheidungsgrundlage dafür, ob Cannabisblüten und -extrakte sowie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon zukünftig als Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt werden sollen. hal

Montabaur Hachenburg
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