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Selters

Begegnung mit dem Islam: Zwei Männer, zwei Kulturen, eine Freundschaft

Verena Hallermann

Kenan Levent ist ein gläubiger Moslem. Er kommt gebürtig aus Düzce, der letzten Provinzstadt der Türkei und betet fünf Mal am Tag. Der 48-Jährige gehört dem Ditib-Landesverband Rheinland-Pfalz an. Rolf Jung ist Bürgermeister der Stadt Selters und bekennender Atheist. Seit mehr als zehn Jahren führen die beiden Funktionäre eine Freundschaft.

Kenan Levent (links) gehört dem Ditib-Landesverband an. Seit Jahren arbeitet er mit Stadtbürgermeister Rolf Jung zusammen.  Foto: Verena Hallermann
Kenan Levent (links) gehört dem Ditib-Landesverband an. Seit Jahren arbeitet er mit Stadtbürgermeister Rolf Jung zusammen.
Foto: Verena Hallermann

Trotz der verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen und vor allem trotz der politischen Spannungen und der Ditib-Debatte halten sie an ihrem gemeinsamen Weg fest. Es ist ein friedlicher Weg, auf dem sie gern alle Bürger mitnehmen würden. Seit 1981 lebt Levent in Deutschland. Zunächst hat er 20 Jahre in Herschbach/Uww. gewohnt, bevor er sich und seiner Familie in Rückeroth ein Haus gebaut hat. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ein Enkelkind. „Das nächste ist schon unterwegs“, freut sich der 48-Jährige, der ehrenamtlich 14 Moscheegemeinden, darunter die Hachenburger Gemeinde, betreut. Die meisten seiner Kinder haben so wie er die türkische Staatsbürgerschaft. Bis auf eines. Denn im Jahr 2000 wurde eingeführt, dass alle in Deutschland geborenen Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. „Das macht für mich überhaupt keinen Unterschied“, sagt Levent. „Ich habe auch eine deutsche Schwiegertochter. Die Herkunft spielt doch keine Rolle.“ Der Familienvater ist Beisitzer im Ditib-Landesverband Rheinland-Pfalz. Von 1998 bis 2014 war er im Vorstand der Ditib-Moschee in Selters aktiv. In dieser Zeit hat er Rolf Jung kennengelernt.

Rolf Jung ist selbst Familienvater, hat seit 2007 das Amt des Stadtbürgermeisters inne, arbeitet hauptberuflich als Polizeihauptkommissar und ist Atheist. Die Glaubensrichtungen hätten aber nie zwischen ihnen gestanden, Levent habe er als offenen Menschen kennengelernt, erzählt er. „Wir haben nie versucht, uns gegenseitig zu überzeugen“, sagt Jung. „Wozu auch? Der Mensch ist frei. Er hat seine eigene Meinung, akzeptiert aber auch andere. So wie ich. Wir kommen als Menschen gut miteinander zurecht.“ Jung betrachtet die Ditib-Moschee in Selters als elementaren Bestandteil. Denn der Ausländeranteil in der Stadt beträgt rund 20 Prozent. Es sei wichtig, dass die Menschen ihren Glauben leben können. „Je mehr Menschen zufrieden sind, desto besser ist das für die Gemeinschaft“, bringt es Jung auf den Punkt. „Man muss sich um die Bedürfnisse jeder Gruppe kümmern. Sei es jetzt der Sportverein oder eben die muslimische Gemeinde.“

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der größte Moscheeverband. Ditib steht immer wieder in der Diskussion. Das Verhältnis des Moscheeverbandes zur türkischen Regierung wird kritisch gesehen, der Vorwurf der Kriegspropaganda wurde laut. Levent lehnt solche Vorwürfe ab. „Wir halten uns komplett aus der großen Politik raus“, sagt er. „In Selters sind 50 Prozent für Erdogan und 50 Prozent gegen ihn. Das Thema bleibt in der Moschee außen vor, weil es sonst die Gemeinde spalten würde. Bei uns wird jede Meinung akzeptiert. Und es funktioniert. Man muss eben Politik und Religion klar trennen. Bei einer Präsidentschaftswahl erinnern wir lediglich daran, wählen zu gehen. Wir würden sie in ihrer Wahl aber nie beeinflussen.“

Mit Beginn der Kooperation zwischen der Stadt Selters und der Ditib-Moschee sind einige Projekte entstanden. Dazu gehören Gruppenreisen in die Türkei, an denen jeder teilnehmen kann, der die Religion näher kennenlernen möchte. Ein Zelt der Kulturen gab es mal auf einem Stadtfest, um Distanzen aus dem Weg zu schaffen. Zudem hat die Stadt Selters ihre Friedhofssatzung den Bedürfnissen der muslimischen Gemeinde angepasst und einen Waschraum eingerichtet, um den Menschen eine religionskonforme Bestattung zu ermöglichen. Die Ditib-Gemeinde hat in der Moschee in Selters einen Jugendraum geschaffen, der nicht nur türkischen Jugendlichen einen Zufluchtsort bietet. „Auch Deutsche kommen manchmal in Begleitung ihrer türkischstämmigen Freunde“, freut sich Levent. „Leider aber eher selten.“

Die Stadt Selters möchte als Beispielgemeinde vorangehen. Jung und Levent geht es darum, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass weder Religion noch Politik etwas an dem Umstand ändert, dass alle Menschen sind. „Wir haben uns doch nicht durch Erdogan oder Merkel verändert“, betont Jung. „Wir haben uns doch als Mensch nicht verändert.“ Die beiden Funktionäre wehren sich gegen Verallgemeinerungen, „die Türken“ und „die Deutschen“ gebe es nicht. „Schwarze Schafe“ gebe es auf beiden Seiten. Nur müsse der Rest geschlossen zusammenhalten. Wichtig sei es vor allem, die Dinge zu hinterfragen. „Man muss die Zusammenhänge erkennen und sich Wissen aneignen“, sagt Jung. „Man darf sich nicht instrumentalisieren lassen. Das ist für mich der Schlüssel.“

Von unserer Redakteurin Verena Hallermann

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