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Trotz Anfeindung: Wie Frauen für Frauen in Not kämpfen

Trotz Anfeindung: Wie Frauen für Frauen in Not kämpfenZwischen Eiszeit und Annäherung – so könnte man das wechselvolle Verhältnis zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und Donum Vitae bezeichnen. Auch im Westerwaldkreis verlief die Gründung der Beratungsstelle für Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung nicht gerade ohne Komplikationen und Anfeindungen, wie die Frauen der ersten Stunde, Paula Maria Maaß, Brigitte Burth und Ulla Schmidt, sowie Beraterin Brigitte Kazmarek-Lang im Gespräch mit unserer Zeitung erzählen.

Brigitte Burth (von links), Paula Maria Maaß und Brigitte Kazmarek-Lang gehören zu den Frauen der ersten Stunde, die im Jahr 2002 den Verein Donum Vitae Westerwald-Rhein-Lahn aus der Taufe gehoben und in Montabaur die Schwangerenberatungsstelle eröffnet haben.  Foto: Verena Hallermann
Brigitte Burth (von links), Paula Maria Maaß und Brigitte Kazmarek-Lang gehören zu den Frauen der ersten Stunde, die im Jahr 2002 den Verein Donum Vitae Westerwald-Rhein-Lahn aus der Taufe gehoben und in Montabaur die Schwangerenberatungsstelle eröffnet haben.
Foto: Verena Hallermann

Ein gewaltiger Donnerschlag stand vor 20 Jahren am Anfang der Geschichte der staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatung von Donum Vitae. Papst Johannes Paul II. forderte in einem Brief vom 11. Januar 1998 die deutschen Bischöfe auf, aus der Schwangerschaftskonfliktberatung auszusteigen. Der Kurswechsel des Vatikan bedeutete das Ende der Konfliktberatung in katholischen Einrichtungen wie dem Caritasverband und dem Sozialdienst katholischer Frauen (SKF). Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gründeten daraufhin 1999 den Verein Donum Vitae, was Geschenk des Lebens heißt.

Der Name wurde ganz bewusst gewählt, denn der Laienverein Donum Vitae, der die (katholische) Schwangerenkonfliktberatung übernahm, verfolgt das Ziel, ungeborenes Leben zu schützen. Im Westerwald sollte die Eröffnung der ersten Beratungsstelle allerdings noch bis zum Juni 2002 dauern – denn hier weigerte sich der damalige Limburger Bischof Franz Kamp-haus beharrlich, aus der Konfliktberatung auszusteigen und legte sich mit Papst Johannes Paul II. an. Als Einziger hielt Kamphaus daran fest, in seiner Diözese schwangere Frauen in Konfliktsituationen weiter nach den gesetzlichen Vorgaben zu beraten und ihnen auf Wunsch den Beratungsschein auszustellen. Der Vatikan duldete diese Praxis bis Ende 2001. Danach sollten die Ergebnisse der Sonderregelung überprüft und über die Zukunft der Schwangerenberatung in Limburg neu entschieden werden.

Der Papst sah die Ausstellung der Beratungsscheine als Beihilfe zur Abtreibung an, die von der katholischen Kirche als „verabscheuungswürdiges Verbrechen“ verurteilt wird. Kamphaus rechtfertigte seine Haltung hingegen damit, dass viele Frauen nur mit einer ergebnisoffenen Beratung zu erreichen und von einer Abtreibung abzubringen seien. Alle übrigen Bischöfe in Deutschland waren bis Ende 2000 aus der staatlichen Beratung ausgestiegen. Es war ein Kampf Davids gegen Goliath: Mit einem Machtwort untersagte der Papst im März 2002 den zwölf Beratungsstellen der Kirche im Bistum Limburg, die für eine straffreie Abtreibung nötigen Beratungsscheine auszustellen. „Nach meinen Erfahrungen werden jetzt Lebenschancen für Kinder vergeben“, hatte Kamphaus damals zutiefst betroffen gesagt.

Die damalige CDU-Landtagsabgeordnete Ulla Schmidt ergriff die Initiative und trommelte eine Reihe engagierter Frauen, vorwiegend aus der Frauen-Union, zusammen, um auch im Westerwaldkreis den Verein Donum Vitae zu gründen und eine eigene Beratungsstelle zu eröffnen. „Wir mussten etwas tun. Wir konnten die Frauen doch nicht ohne Hilfe vor Ort im Regen stehen lassen“, sagt sie heute. „Sie hat uns alle dazu verdonnert, mitzumachen und hat uns genau gesagt, was wir tun sollten“, erinnert sich die CDU-Kreispolitikerin und Donum-Vitae-Mitbegründerin Paula Maria Maaß amüsiert. „Ullas Ziel war es, eine überkonfessionelle, ungebundene Beratungsstelle einzurichten, die Frauen ergebnisoffen bei einem Schwangerenkonflikt berät und den Beratungsschein für eine straffreie Abtreibung ausstellt. Die Frauen sollten kurze Wege haben“, erklärt die stellvertretende Donum-Vitae-Vorsitzende. Schließlich befand sich die nächste Beratungsstelle der Diakonie in Westerburg und von Pro Familia in Koblenz. Die Caritas durfte fortan nur noch eine einfache Schwangerenberatung anbieten, aber keine Scheine mehr ausstellen.

Die Dernbacherin Ulla Schmidt setzte in dieser Situation ein Zeichen: Nur drei Monate nach dem Machtwort des Papstes wurde der Verein Donum Vitae Westerwald-Rhein-Lahn gegründet, im September öffnete die Beratungsstelle in der Wilhelm-Mangels-Straße in Montabaur, wo sie auch heute noch ihren Sitz hat. „Es war damals gar nicht so einfach, eine Bleibe zu finden“, erinnert sich die erste Vorsitzende des Vereins und heutige Ehrenvorsitzende Brigitte Burth. Doch der inzwischen verstorbene Pfarrer Georg Niederberger half dem Verein, eine geeignete Wohnung zu finden und setzte sich für eine moderate Miete ein. „Er segnete die Büroräume bei der Eröffnung ein, was ihm von Kirchenseite untersagt war“, erzählt Brigitte Burth. Der Geistliche handelte sich dadurch großen Ärger ein. Limburg habe ihm sogar eine Kürzung der Pension angedroht, erzählen die Frauen. Neben der Wohnung mussten auch Möbel besorgt werden – auf Vermittlung des früheren Montabaurer Bürgermeisters Paul Possel-Dölken wurde man im Keller der aufgelösten Bezirksregierung Koblenz fündig. „Es war alles richtig verstaubt, und wir mussten die Schreibtische ordentlich schrubben“, erinnert sich Brigitte Kazmarek-Lang.

Die ersten Beraterinnen in Montabaur wurden Heike Hartkorn und Brigitte Kazmarek-Lang, die noch heute dabei sind. „Wir haben damals bei der Caritas gekündigt und sind aus Überzeugung zu Donum Vitae gegangen, weil wir unsere wichtige Arbeit für Frauen in Notlagen fortsetzen wollten“, sagen die beiden. Dem ersten Vorstand des Vereins gehörten neben Brigitte Burth und Paula Maria Maaß noch Dr. Monika Müller und Hans-Konrad Sittig (beide verstorben) sowie Petra Voelz, Gertrud Possel-Dölken und Barbara Sartor an – allesamt überzeugte Christen. „Wir wollten den Frauen helfen, und wir hatten das werdende Leben zu schützen“, erklärt Paula Maria Maaß den Grund für ihr Engagement. „Mir war es wichtig, junge Frauen zu schützen und ihnen eine Orientierung zu geben. Sie sollten erst nach einer umfassenden und offenen Beratung eine Entscheidung treffen“, sagt Brigitte Burth, die als „Mutter“ von Donum Vitae gilt. Unermüdlich engagiert sich die pensionierte Realschullehrerin seit 2002 für „ihren“ Verein.

Die erste Zeit war für Donum Vitae schwer: Vonseiten der Kirche schlug dem Verein offene Feindseligkeit entgegen. Es gab Schmähungen und Beschimpfungen, wie Ulla Schmidt sagt, ohne auf Details eingehen zu wollen. „Am Anfang hatten wir auch einige böse Briefe im Briefkasten“, erinnert sich Brigitte Kazmarek-Lang. Doch die Ehren- und Hauptamtlichen ließen sich nicht entmutigen. Die beiden Beraterinnen waren in der Anfangszeit als Netzwerkerinnen unentwegt unterwegs und wurden bei Frauenärzten, Arbeitsagentur, Jugendamt, Behörden, Frauenbeauftragten, Sozialämtern und Verbänden vorstellig, um die Arbeit von Donum Vitae bekannt zu machen. „Mit dem Namen konnten viele zunächst nichts anfangen“, erzählt Brigitte Burth.

Über die Jahre nahmen immer mehr Frauen die Hilfe des Vereins an, der zu 80 Prozent aus Landesmitteln (rund 40.000 Euro) und aus Fördergeldern des Kreises (rund 24.000 Euro) sowie zu 20 Prozent aus Spenden finanziert wird. Seit dem Jahr 2002 hat Donum Vitae in insgesamt 3193 Fällen Frauen und Paaren in Problemsituationen geholfen, darunter waren 1429 Konfliktberatungen und 517 allgemeine Beratungen. Zugleich kamen neue Aufgabenfelder hinzu – neben der Schwangerschaftskonfliktberatung zählen heute dazu die Präventionsarbeit an Schulen, die Online-Beratung, die Begleitung bei einer vertraulichen Geburt sowie die psychosoziale Kinderwunschberatung. „Donum Vitae hat in den vergangenen Jahren vielen Kindern zum Leben verholfen“, sagt Paula Maria Maaß stolz und fügt hinzu: „Die Beratungsstelle hat wegen ihrer guten Arbeit ein hohes Ansehen in der Gesellschaft.“

Stephanie Kühr

Westerwald extra
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