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Raiffeisen – noch immer eine starke Idee: Wie der Sozialreformer bis heute nachwirkt

Er hat im Westerwald bis heute sichtbare Spuren hinterlassen: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Die Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) hat beispielsweise ihren Sitz auf Schloss Montabaur, dem Wahrzeichen der Kreisstadt.

Auf Schloss Montabaur residiert die Akademie Deutscher Genossenschaften – die Kaderschmiede für Führungskräfte der Volks- und Raiffeisenbanken und zugleich Universitätsstandort. Foto: Nitz Fotografie
Auf Schloss Montabaur residiert die Akademie Deutscher Genossenschaften – die Kaderschmiede für Führungskräfte der Volks- und Raiffeisenbanken und zugleich Universitätsstandort.
Foto: Nitz Fotografie

Der Raiffeisen-Campus in Dernbach hat sich nach dem Sozialreformer und Genossenschaftsgründer benannt. Es gibt den Schülern mit auf den Weg, dass wirtschaftliche Prozesse und soziale Aspekte Hand in Hand gehen sollten. Es lassen sich viele weitere Beispiele quer durch den Westerwald finden. Aber wer war dieser Mensch, der vor 200 Jahren in Hamm an der Sieg zur Welt kam und dessen Bemühungen auf vielfältige Weise bis heute nachhallen? Josef Zolk, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft, führt das zum Raiffeisenjahr 2018 in einen Gastbeitrag für unserer Zeitung auf:

Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“ Unter diesem Motto feiert die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft in diesem Jahr mit breiter Unterstützung aus der gesamten Raiffeisen- und Genossenschaftsfamilie den 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Wir möchten mit diesem Motto deutlich machen, dass hinter dieser Idee eine reale Person steht. Und wir möchten deutlich machen, dass diese Idee stark war und stark ist. Kongresse, Bücher und Veröffentlichungen, viele Veranstaltungsformen, Plakatserien und drei Ausstellungen werden „Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“ in diesem Jahr aufgreifen. Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft für das Raiffeisenjahr übernommen hat, unterstreicht in besonderer Form die Bedeutung des aus dem Westerwald stammenden Sozialreformers und Genossenschaftsgründers.

Im Gegensatz zu sozialistischen Überlegungen oder besser Utopien war Raiffeisens Handeln mehr als eine fortwährende Reklamation. Er beschäftigte sich nicht mit dem Ideenhimmel von Hoffnungen – er war ein Mann der Tat. Bei allen Rückschlägen suchte er beharrlich Wege, den Menschen konkret das Leben zu erleichtern. Aber: Er forderte sie auf – „Entdecke, was in Dir steckt“. Oder einfacher formuliert: „Du musst selbst die Ärmel hochkrempeln.“ Selbsthilfe war die Voraussetzung zur Hilfe von außen. Er hatte keine Angst vor der Zukunft – seine christlich gebundene Zuversicht blieb ungebrochen. Raiffeisen stand mitten in der Welt, er stellte sich den Alltagsrealitäten der Menschen. Das ist auch die Aufgabe der Genossenschaften heute. Aufgaben sehen, Aufgaben lösen – die Menschen und ihre Situation in den festen Blick nehmen. Raiffeisen gelang es wie nur Wenigen, geschichtliche Geschehensströme mit anhaltender positiver Wirkung zu entfalten. Er war kein Mann der theoretischen Utopie. Natürlich – er zerbrach sich fast den Kopf, um Lösungen zu finden. Aber nicht der Utopie wegen – nein, der Menschen wegen.

Viele Schicksalsschläge

Raiffeisen blieb nicht von Schicksalsschlägen bewahrt. Die unsichere wirtschaftliche Situation in seiner Herkunftsfamilie ermöglichte keinen Zugang zur weiterqualifizierenden Schule. Mit 17 Jahren ging er zum Militär, machte hier eine erstaunliche Karriere, die er jedoch bereits nach wenigen Jahren wegen eines Augenleides beenden musste. 1845 heiratete er in Remagen die von dort stammende 17-jährige Apothekerstocher Emilie Storck, mit der er sieben Kinder hatte, von denen drei schon im Kleinkindalter starben.

Seine Frau selbst starb in noch jungen Lebensjahren bereits 1863. Er stand allein mit vier Kindern da. Nach seiner Bürgermeisterzeit in Weyerbusch und in Flammersfeld kam er 1852 nach Heddesdorf. Bereits 1865 wurde er dort wegen seines zunehmenden Augenleidens in den Ruhestand versetzt. In Neuwied steckte er sich im Zuge einer Epidemie mit Typhus an, und sein bereits seit Jahren angegriffener Gesundheitszustand zwang ihn, immer wieder Pausen einzulegen.

Trotzdem blieb er bis zum Tod 1888 seinem Weg treu, unermüdlich setzte er sich für die Gründungen von Genossenschaften ein, warb, kämpfte – auch gegen vielerlei Angriffe. 1866 veröffentlichte er mit großer Unterstützung seiner ältesten Tochter Amalie das für die Verbreitung seiner Ideen grundlegende Buch „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“. Er sah seinen Einsatz und seinen Kampf als Christenpflicht, wobei er nach und nach die Nächstenliebe mit der Ökonomie verband. Raiffeisen hatte bei seinem Denken und Handeln immer ein festes Wertekonzept. Ihm war immer klar: Das, was Du tust, musst Du auch verantworten können und wollen. Unter diesem Blickpunkt ist Raiffeisen für uns alle auch ein Provokateur gegen Selbstgewissheit, Selbstzufriedenheit, für Normen und Werteorientierung. Raiffeisen kann, ja muss in der Genossenschaftsfamilie historisches, ökonomisches und soziales Gewissen in der sich so stark ändernden Gesellschaft sein. Sonst dürfen wir seinen Geburtstag nicht so feiern, wie wir es in diesem Jahr tun. Selbstverantwortung, Selbsthilfe, Selbstverwaltung: Das können die Genossenschaften, und das wollen und müssen wir erhalten und stärken. In den vielfältigen genossenschaftlichen Reihen, aber auch gegenüber der deutschen und europäischen Politik und Verwaltung.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Friedrich Wilhelm Raiffeisen

In Deutschland und weltweit entdecken immer mehr Menschen die Genossenschaftsidee für sich. Sie steht für Regionalität und Nähe, Transparenz, Demokratie, Offenheit, Zukunftsfähigkeit. Die Genossenschaft ist eine allen offen stehende Form der gesellschaftlichen Selbstorganisation, ein Modell der kooperativen Selbsthilfe und Selbstverantwortung. Sie vereint Menschen mit gleichen Interessen, fördert individuelles Engagement und Selbstbewusstsein und ermöglicht soziale, kulturelle und ökonomische Partizipation. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Ansätze und politischen Einstellungen legten Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland wichtige Grundlagen für die heutige Genossenschaftspraxis.

Die Genossenschaftsidee und -praxis ist durch ihre weite Verbreitung bei uns in Deutschland eine gesellschaftsprägende Kulturform. Jeder kennt die „grüne Welt“ der Raiffeisen-Warengenossenschaften. Jeder kennt die Volks- und Raiffeisenbanken. Über fünf Millionen Menschen sind Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft. Aber nur wenige Eingeweihte kennen die wahre Vielfalt der Genossenschaftsfamilie. Bäcker, Apotheker, Dachdecker und viele andere Berufsgruppen schließen sich zu Genossenschaften zusammen. Durch die Änderung des Genossenschaftsgesetzes 2006 haben sich neue Räume für diese Form der Solidargemeinschaft geöffnet. In der Kultur- und Kreativszene erleben Genossenschaften in den letzten Jahren einen wahren Gründungsboom: von Kinos und Filmverleihen über Theater, Orchester, künstlerische Proberäume, Ateliers und soziokulturellen Zentren bis hin zu Netzwerken der Kultur- und Kreativgesellschaft.

Idee wird Kulturerbe

Am 30. November 2016 wurde die Genossenschaftsidee von der Unesco als erster deutscher Vorschlag in die repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Ein großer Tag für die Genossenschaften. Die Weltkulturorganisation unterstrich damit die Bedeutung der Genossenschaften für das Zusammenleben der Menschen.

Die Genossenschaftsfamilie verstand sich von jeher als eine an sozialen Werten orientierte Bewegung, die auf ideellen Grundsätzen wie Solidarität, Ehrlichkeit, Verantwortung und Demokratie aufbaut. Diese Werteorientierung aktiv in die Gesellschaft hineinzutragen, verstehen wir als großen Auftrag und Impuls. Das Allerwichtigste ist aber, die genossenschaftliche Idee zu erhalten und zeitgemäß weiterzuentwickeln. Ganz im Sinne Johann Wolfgang von Goethes: „Was Du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Deswegen ist es gut und wichtig, dass wir Raiffeisens 200. Geburtstag feiern. Denn es heißt zu Recht: „Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“

Westerwald extra
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