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Nach Kritik am neuen Rathaus: VG-Chef hält Siegerentwurf dennoch für den Besten

Das neue Rathaus der Verbandsgemeinde Montabaur soll an zentraler Stelle der Kreisstadt gebaut werden. Deshalb entschied sich die Verbandsgemeinde seinerzeit, einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, um auf diese Weise möglichst viele verschiedene Ideen für den schwierigen, schlauchartigen Standort zwischen Steinweg und Wallstraße zu bekommen. Das Ergebnis des Wettbewerbs wird seit Bekanntwerden viel diskutiert.

In der Bürgerhalle des historischen Rathauses in Montabaur nimmt sich Ulrich Richter-Hopprich viel Zeit für die Bürger, die sich mit den Entwürfen für das neue Verbandsgemeindehaus näher befassen wollen. Der nächste Termin ist am Donnerstag um 16.30 Uhr.  Foto: Sascha Ditscher
In der Bürgerhalle des historischen Rathauses in Montabaur nimmt sich Ulrich Richter-Hopprich viel Zeit für die Bürger, die sich mit den Entwürfen für das neue Verbandsgemeindehaus näher befassen wollen. Der nächste Termin ist am Donnerstag um 16.30 Uhr.
Foto: Sascha Ditscher

Herr Richter-Hopprich. Seit bekannt ist, welcher Entwurf beim Bau des neuen Verbandsgemeinderathauses zum Zuge kommen könnte, sind einige Bürger in heller Aufregung. Auf welchen Wegen erreicht Sie die Kritik? In der Hauptsache über Facebook? Oder schlägt Ihnen auch in persönlichen Gesprächen heftige Kritik entgegen? Bekommen Sie Briefe und E-Mails zu diesem Thema?

Als Brief habe ich bisher nur einen anonymen Hinweis bekommen, der dazu auffordert, dass wir uns doch mal mit der Nachbarschaft in Verbindung setzen sollen. Ich habe zwei E-Mails bekommen, deren Verfasser glühende Anhänger des Entwurfes sind. Ansonsten hat mich auf diesem Weg noch keine Rückmeldung erreicht. Bei Facebook waren die Reaktionen überwiegend heftig und sehr negativ. Ich habe aber schnell gemerkt, dass der Informationsstand ganz unterschiedlich ist. Es gab sogar solche Beiträge, deren Verfasser erst mal gefragt haben, um welches Grundstück es sich denn überhaupt handelt und wer denn ein neues Rathaus baut. Bisher wurde zwar immer alles in öffentlichen Sitzungen beschlossen, aber es ist manchmal schwierig, mit kommunalen Themen viele Menschen zu erreichen. Deshalb sehe ich es als unsere Aufgabe, diese Informationen noch einmal leicht zugänglich bereitzustellen.

Was möchten Sie denen sagen, die den Siegerentwurf mit einem Gefängnis oder ähnlichen negativen Vergleichen belegen?

Das kann ich verstehen. Es ging mir zunächst auch so, nachdem ich das erste Mal alle 15 Entwürfe gesehen habe. Aber ich habe auch sofort gesehen: Von innen betrachtet stimmt der Siegerentwurf. Von außen betrachtet konnte ich damit zunächst nichts anfangen und dachte: Der hat sich vielleicht im Ort vertan. Ob das wirklich hier hingehört, konnte ich in dem Moment nicht erkennen. Erst bei der zweiten und dritten Runde und nachdem ich verstanden habe, wie ich diese Bilder lesen muss, wie dieser Baukörper funktioniert, wie sich das Gebäude in die Umgebungsbebauung einfügt und was man am Ende tatsächlich sieht, erst danach bin ich nach und nach zum Fan dieses Entwurfes geworden. Und jetzt bin ich so weit, dass ich denke: Der ist genau für den Platz gemacht, ich kann mir gar keinen anderen Entwurf dort mehr vorstellen.

Warum gefällt Ihnen persönlich der Siegerentwurf aus Hamburg so gut?

Bei mir kommt natürlich hinzu, dass ich eine ganz spezielle Brille aufhabe. Ganz nüchtern betrachtet war es unser Auftrag, ein Rathaus für unsere Mitarbeiter herzustellen. Wir müssen ein Verbandsgemeindehaus bauen, das die Leute einlädt und in dem wir unsere Arbeit verrichten können. Und wir müssen das möglichst wirtschaftlich tun. Deshalb habe ich auch zuerst auf die Flure geschaut, wie die angeordnet sind, wie groß die Verkehrsflächen sind, wie sich die Kubatur ergibt, ob alles funktioniert. Und im Hinblick auf diese Kriterien ist der Gewinnerentwurf der Einzige, in den wir sofort einziehen und weiterarbeiten könnten. Das ist schon etwas Besonderes. Außerdem, und das ist die zweite besondere Brille, die ich aufhabe, habe ich lange Zeit im Bauausschuss der Stadt gearbeitet. Dazu gehörte unter anderem, dass wir uns intensiv mit den unterschiedlichen bauhistorischen Gebieten befasst haben. So gesehen ist gerade dieses Grundstück eine Besonderheit, weil es unterschiedliche bauhistorische Abschnitte miteinander verbindet: die mittelalterliche Altstadt, das Villenviertel, dieses wild gewachsene Gewerbegebiet in der Mitte und die modernen Imitate der historischen Bauten. Und mittenrein in diese schwierige Lage tatsächlich ein Gebäude zu setzen, das den Fußgänger genau dort abholt, wo er steht, das finde ich toll.

Sie sagen, die Entscheidung sei auch unter wirtschaftlichen Aspekten gefallen. Worin sehen Sie insgesamt die Vorteile des Siegerentwurfes?

Bevor das Preisgericht begonnen hat, haben wir die einzelnen Entwürfe auch auf ihre Wirtschaftlichkeit untersuchen lassen. Dabei ist insbesondere das Verhältnis der Verwaltungsräume zu der Gesamtfläche untersucht worden, aber auch das Verhältnis des umbauten Raumes zur Außenhülle. Und beides sind starke Indikatoren dafür, dass es sich um einen wirtschaftlichen und nachhaltigen Bau handelt. Denn je weniger Außenhülle ich zu errichten und zu unterhalten habe, umso wirtschaftlicher stellt sich das Gebäude insgesamt dar. Unter beiden Aspekten weist der Siegerentwurf überdurchschnittlich gute Ergebnisse auf. Ich meine sogar, dass er in manchen Gebieten ungeschlagen ist im Vergleich zu den anderen Entwürfen. Es gibt keinen, der ein besseres Verhältnis vom umbauten Raum zur Außenhülle hat. Das macht diese schlichte und einfache Kubatur aus. Und schlicht und einfach, das hat auch was Solides. Und ich glaube, mit dem Stichwort solide können sich die Menschen im Unterwesterwald gut anfreunden.

Welche Schritte folgen in diesem Wettbewerbsverfahren als Nächstes?

Während wir weiter mit den Menschen in Kontakt bleiben und Aufklärungsarbeit leisten, folgen als Nächstes die Bietergespräche. Sie werden von der Verwaltungsseite geführt und sind fester Bestandteil dieses Gesamtvergabeverfahrens um das Preisgerichtsverfahren herum. Es gibt strenge Regeln dafür, wie sie ablaufen und was abgeprüft werden soll. Im Vordergrund steht dabei, dass wir jetzt die Büros, die hinter den Entwürfen stehen, kennenlernen. Thema ist also nicht der Entwurf an sich, sondern, ob das Büro auch leistungsfähig ist und vor Ort das Objekt angemessen betreuen kann. Das Büro aus Hamburg hat zum Beispiel von einem Moment zum nächsten die Fahrt nach Montabaur zur Preisverleihung organisiert. Ich werte das zunächst als gutes Zeichen. Diese Bietergespräche müssen mit allen drei Büros geführt werden. Grundsätzlich ist natürlich jemand, der mit 60 Prozent in das Bietergespräch hineingeht, wie eben das Siegerbüro, ein Favorit in diesem Verfahren. Aber das abschließende Ergebnis der Bietergespräche kennen wir noch nicht.

Ulrich Richter-Hopprich betrachtet nicht nur den Siegerentwurf von allen Seiten. Foto:  Sascha Ditscher
Ulrich Richter-Hopprich betrachtet nicht nur den Siegerentwurf von allen Seiten.
Foto: Sascha Ditscher

Das Preisgericht hat eine Vorentscheidung gefällt. Aber wer fällt die endgültige Entscheidung?

Die Entscheidung des Preisgerichts ist ganz auf dieses Vergabeverfahren beschränkt. Die Entscheidung über die Vergabe selbst liegt vollständig beim Verbandsgemeinderat. Das heißt, der Verbandsgemeinderat ist rechtlich nicht eingeschränkt. Er muss allerdings die Konsequenzen tragen, denn mit diesem Preisgerichtsverfahren ist ein Leistungsversprechen über bestimmte Teile der Planungen einhergegangen, und dafür müsste gegebenenfalls ein Ausgleich an das Gewinnerbüro erfolgen. Viel entscheidender scheint mir aber die Frage: Wo sollen unsere Mitarbeiter in Zukunft arbeiten? Denn die Nutzung dieses Gebäudes ist zeitlich begrenzt. Das Vergabeverfahren selbst hat einen bundesrechtlichen Rahmen, aus dem kommen wir nicht heraus. Am Ende des Vergabeverfahrens steht ein Büro, dem die Vergabe grundsätzlich zu erteilen ist. Zu den Kriterien selbst gehört nicht, dass der Verbandsgemeinderat selbstständig aus persönlichen Gründen den zweiten, dritten oder anders Platzierten auswählt. Er kann nur die Vergabe, so wie vorgesehen, erteilen oder ablehnen.

Kritiker bemängeln, dass die Öffentlichkeit nicht gefragt worden ist. Was halten Sie dagegen?

Ich hätte auch gerne das ein oder andere an diesen Entwürfen vorher mit der Öffentlichkeit beraten. Das sieht das Rahmenrecht für dieses Verfahren, das strikt auf Objektivität ausgelegt ist, aber nicht vor. Deshalb bleiben die Entwürfe bis zum Schluss anonym. Ganz wichtig ist in dem Zusammenhang, dass die Gremien und die Verwaltung alles getan haben, um vorher die Öffentlichkeit über das Verfahren und den Verfahrensablauf zu informieren. So ist das Ganze mehrfach in öffentlichen Sitzungen im Verbandsgemeinderat beraten und das Verfahren in diesem Ablauf dargestellt worden.

Können Sie den Wunsch der Bürger verstehen, an der Vorauswahl teilhaben zu dürfen?

Ich kann verstehen, dass das erst einmal frustrierend ist, wenn man sich einfach vor ein Ergebnis gestellt sieht. Ich frage mich allerdings auch andersherum: Wenn wir unterschiedliche, ästhetische Entwürfe zur Abstimmung stellen, wie findet sich dann die Meinung? Auch da werden manche sagen, das passt hier hin oder das passt nicht hier hin. Auch dann wird es davon abhängen, wie intensiv sich die Leute mit den Entwürfen beschäftigen. Und wir dürfen dabei natürlich nicht vernachlässigen, dass das äußere Erscheinungsbild einer von mindestens drei wichtigen Aspekten ist. Außerdem ist es ein großer Vorteil, dass uns in dem Verfahren hoch kompetente Architekten zur Verfügung standen, die alle völlig unabhängig und ohne Eigeninteressen von außen auf das Verfahren geschaut haben. Das alles in eine breite Bürgerbeteiligung zu stecken, ist sehr anspruchsvoll.

Halten Sie eine nachträgliche Bürgerbeteiligung, zum Beispiel auf Grundlage der drei Siegerentwürfe, für denkbar?

Ich halte eine Bürgerbeteiligung nicht für machbar in dem Sinne, dass man drei Siegerentwürfe vorstellt und sagt, die funktionieren, und im Sinne eines Bürgerentscheides kann man zwischen diesen Entwürfen auswählen. Das ist rechtlich ausgeschlossen. Es gibt am Ende nur einen Gesamtsieger. Ich halte aber trotzdem eine Bürgerbeteiligung in der Form für ganz entscheidend, dass jeder Bürger den Zugang zu den entscheidenden Informationen erhalten muss, damit er mitreden kann, damit er auch mit seinem Vertreter in den gewählten Gremien reden kann, und sie aufzufordern, in die eine oder andere Richtung zu entscheiden. Dass aber am Ende die Verantwortung bei den gewählten Mitgliedern im Verbandsgemeinderat liegt, das ist Demokratie.

Im Modell zeigt eine Ausstellung in der Bürgerhalle des historischen Rathauses die Siegerentwürfe des Architektenwettbewerbs. Foto: Sascha Ditscher
Im Modell zeigt eine Ausstellung in der Bürgerhalle des historischen Rathauses die Siegerentwürfe des Architektenwettbewerbs.
Foto: Sascha Ditscher

Beeinflusst die Tatsache, dass Vorplanung und Ideenwettbewerb bereits Geld gekostet haben, den Gedanken an eine Bürgerwahl?

Der Ideenwettbewerb selbst kostet zunächst mal die Preisgelder von 150.000 Euro. Da steckt zusätzlich natürlich auch unheimlich viel Arbeit der Verwaltung drin, die man nicht beziffern kann. Aber ich halte das eigentlich für einen nachgeordneten Aspekt, denn bei der Größenordnung dieses Objektes sollte man an diesen Beträgen die Entscheidung nicht festmachen. Viel entscheidender wäre der Gedanke: Was würde man denn beim Scheitern des Verfahrens überhaupt fragen? Würde man fragen, ob da ein weißes oder ein rotes Haus gebaut werden soll? Welche Form das Dach haben soll? Worüber können wir überhaupt diskutieren? Können wir über die Größe oder die Quadratmeterzahl diskutieren? Steht dann diese Lage überhaupt noch zur Verfügung? Oder muss man sich nicht Gedanken machen, wenn unter 15 Entwürfen kein Einziger tauglich war, ist dann der Bauplatz insgesamt noch geeignet? Es war ja eigentlich die Grundentscheidung des Verbandsgemeinderates, die Innenstadt von Montabaur zu stärken. Das scheinen mir die viel schwierigeren Fragen bei einer Bürgerbefragung zu sein.

Warum hat sich die VG Montabaur für die Ausschreibung eines Ideenwettbewerbs entschieden?

In einem normalen Vergabeverfahren könnte man nie eine solche Zahl an Entwürfen im Vergleich nebeneinanderstellen. Da gäbe es auf Grundlage des Raumprogrammes einen Entwurf, und der passt, oder er passt nicht. Ein Ideenwettbewerb ist eigentlich ein sehr kostengünstiges Verfahren, weil ich für einen Bruchteil der Kosten, die man ansonsten für solche Entwürfe ausgeben würde, sehr viele Entwürfe bekomme. Außerdem hat es natürlich auch ein sehr geregeltes Entscheidungsverfahren, bei dem sachfremde Kriterien ausgeschlossen sind und allein an der Qualität des Entwurfes gemessen wird. Ein Wettbewerb ist wirtschaftlich und er ist zielführend.

Wollen Sie mit dem neuen Rathaus eine Landmarke schaffen?

Das Ziel war es nicht, eine Landmarke zu schaffen. Die Frage war vielmehr: Wollen wir, dass unsere Bürger, wenn sie das Verbandsgemeindehaus suchen, irgendwo ein verstecktes Bürogebäude im Hinterhof aufsuchen müssen? Dieses Problem löst der aktuelle Entwurf sehr geschickt: Er ist keine Landmarke im Sinne eines großen Symbols, das die Stadt überragt. Vielmehr reckt sich der rote Giebel immer nur ein ganz kleines Stück über die Giebel der Umgebungsbebauung hinaus. Und von sehr ausgewählten Plätzen kann man diesen kleinen roten Giebel sehen und erkennen. Und das ist dann die Einladung an die Bürger, ins Verbandsgemeindehaus zu kommen.

Die Fragen stellten Susanne Willke und Martin Boldt

Internetseite am Start

Viele Fragen werden an Bürgermeister Ulrich Richter-Hopprich, Stadtbürgermeisterin Gabi Wieland und die Verwaltung herangetragen. Um dem großen Informationsbedarf zu begegnen, hat die Verbandsgemeinde jetzt eine eigene Homepage für das Verbandsgemeindehaus an den Start gebracht. Unter www.verbandsgemeindehaus-montabaur.de gibt es umfassende Informationen rund um das Bauprojekt.

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