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Westerwaldkreis

Kirchenkreise standen sich schon einmal sehr nahe: Vereinigung ist eine 150 Jahre alte Idee

Das kommende Jahr wird ein historisches sein – zumindest für die Geschichte der Evangelischen Kirche in der Region. 2018 schließen sich die beiden Dekanate Selters und Bad Marienberg zum Dekanat Westerwald zusammen und bilden dann den flächenmäßig zweitgrößten Kirchenkreis der gesamten EKHN. Ein Novum, auf das sie sich seit Jahren intensiv vorbereiten. Allerdings wäre es vor rund 150 Jahren fast schon einmal so weit gewesen. Dokumente beweisen, dass sich die Dekanate schon im 19. Jahrhundert sehr, sehr nahe stehen.

Ein wichtiger Augenblick auf dem Weg zum gemeinsamen Dekanat Westerwald: Auf der Synode Ende 2016 haben die Vertreter der evangelischen Dekanate Selters und Bad Marienberg (von links: Dekan Wolfgang Weik, Präses Michael H. Müller, Präses Bernhard Nothdurft und der damalige Dekan Martin Fries) die Vereinigungsvereinbarung unterzeichnet. Dieses Dokument legte die Rahmenbedingungen des Dekanatszusammenschlusses fest. Am 1. Januar 2018 vereinigen sich die Dekanate.  Fotos: Peter Bongard
Ein wichtiger Augenblick auf dem Weg zum gemeinsamen Dekanat Westerwald: Auf der Synode Ende 2016 haben die Vertreter der evangelischen Dekanate Selters und Bad Marienberg (von links: Dekan Wolfgang Weik, Präses Michael H. Müller, Präses Bernhard Nothdurft und der damalige Dekan Martin Fries) die Vereinigungsvereinbarung unterzeichnet. Dieses Dokument legte die Rahmenbedingungen des Dekanatszusammenschlusses fest. Am 1. Januar 2018 vereinigen sich die Dekanate. Fotos: Peter Bongard

Der Mann, der die Schriften entdeckt hat, ist Stefan Ferger. Ein Typ, der es mag, die Dinge genau zu betrachten. Er leitet die Finanzabteilung der Kirchlichen Regionalverwaltung Rhein-Lahn-Westerwald. Sein Faible für Genauigkeit kommt ihm auch bei seiner großen Leidenschaft zugute: der regionalen Heimatgeschichte, mit der er sich dank umfangreicher Literatur, alter Akten, Fotos, Erzählungen und Archivbesuchen inzwischen bestens auskennt.

Heute sitzt er in einem kleinen Raum im Gemündener Gemeindebüro, flankiert von einem wuchtigen Schrank voller vergilbter Bücher und Blätter. Es riecht nach Holz und alten Buchrücken. Ferger mag diesen Raum. Es ist das Archiv der Kirchengemeinde, eine Schatztruhe charmanter historischer Anekdötchen und Merkwürdigkeiten – wie zum Beispiel diesem Sitzungsprotokoll einer Synode des späten 19. Jahrhunderts. Ein Standarddokument von damals, dessen Titel Ferger aber stutzig macht. Auf dem Umschlag ist von einer gemeinsamen Kreissynode der Dekanate Marienberg (noch ohne das „Bad“) und Selters die Rede.

Eine gemeinsame Synode. Das bedeutet, dass die Dekanate vor mehr als 120 Jahren enger zusammengearbeitet haben als heute. Ist die Fusion 2018 am Ende also gar kein Novum, sondern eine Wiedervereinigung? Stefan Ferger holt mit seiner Antwort weit aus: „Der Westerwald gehört Anfang des 19. Jahrhunderts zum neu gegründeten Herzogtum Nassau, das sich aus vielen ehemaligen Klein- und Teilstaaten zusammensetzt und sehr zerfasert ist. Auch die kirchliche Landschaft dieser Region ist recht unübersichtlich.“ Um wieder etwas mehr Ordnung ins evangelische Leben zu bringen, schließen sich 1817 zunächst die Lutheraner und die Reformierten zusammen, und 1818 erlässt die Herzoglich-Nassauische Landesregierung eine Kirchenordnung, die den Westerwald in die Dekanatsbezirke Hachenburg, Rennerod-Marienberg und Selters gliedert.

Stefan Ferger stöbert gern in der Kirchenhistorie.
Stefan Ferger stöbert gern in der Kirchenhistorie.
Foto: Peter Bongard

Was die inhaltliche Arbeit angeht, haben die alten Dekanate mit denen der 2000er-Jahre kaum etwas gemeinsam. Die heutigen sind umtriebige Verwaltungsstätten mit zahlreichen Mitarbeitern und Arbeitsbereichen. „Die damaligen Dekanatsbezirke hatten keinerlei Selbstverwaltungsaufgaben und sind keine juristischen Personen. Ihnen steht der Dekan vor, der der Dienstvorgesetzte der Pfarrer ist, Anordnungen des Herzogtums weiterleitet und die Visitationen führt. Das Dekanat war damals also nicht mehr als die Summe einiger Kirchengemeinden.“ Das ändert sich erst, nachdem das Königreich Preußen im Jahr 1866 das Herzogtum Nassau annektiert. Rund fünf Jahre später setzt König Wilhelm eine Kreis-Synodal-Ordnung in Kraft.

Die legt fest, dass in jedem Kirchenkreis regelmäßige Kreissynoden stattfinden sollen, deren Aufgabe es ist, die „kirchlichen Interessen der zu ihnen verbundenen Gemeinden zu fördern und zu vertreten.“ Die Kirchenkreise (die es so heute nicht mehr gibt) bestehen wiederum aus mehreren Dekanaten. Im Westerwald sind das anno 1871 zwei: Rennerod-Marienberg und Selters. „Und diese zwei Dekanate treffen sich ab jenem Jahr zu regelmäßigen Synoden“, sagt Ferger. Es bleibt also dabei: So richtig vereint waren die Dekanate noch nie. Aber sie kommen sich 1871 schon mal ziemlich nahe. Die Themen, über die während der gemeinsamen Treffen gesprochen wird, klingen für unsere Ohren etwas spröde: „Auf den Synoden berichtet der lebensälteste Dekan über ,die kirchlichen und sittlichen Zustände der Gemeinden im Kreissynodalbezirk’, und die Synode beschließt den Rechnungsvoranschlag, also den Haushaltsplan, sowie die Rechnung der Synodalkasse“, sagt Ferger. Das, was darüber hinaus besprochen wird, legen die Dekanate freilich nicht selbst fest.

Stattdessen gibt die Kirchenverwaltung, das „Consistorium“, genau vor, worüber die Synodalen zu diskutieren haben. Es geht um die kirchliche Armen- und Krankenpflege, über die Fürsorge für entlassene Strafgefangene oder die „Anleitung zur christlichen Liebestätigkeit“. Themen also, die schon damals nahe am Menschen sind. Dazu passend: die Tagungsorte der damaligen Synoden. Statt in kirchlichen Gebäuden treffen sich die Vertreter in schnöden Gaststätten. Denn Gemeindehäuser gab es damals noch nicht.

In diesem ziemlich weltlichen Ambiente ist der Umgangston dementsprechend durchaus „meinungsfreudig“, meint Ferger: „In einem Antrag beschwert sich ein Synodaler zum Beispiel darüber, dass Aufwand und Nutzen der Synode in keinem Verhältnis zueinander stehen und beantragt, sie nur noch alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Schließlich gibt es damals weder Autos noch die Westerwaldbahn, und die Mitglieder mussten teils weite Märsche auf sich nehmen. Der Antrag wird aber trotzdem abgeschmettert.“ Und wie es sich für zwei benachbarte Gebiete gehört, gibt es damals natürlich die gegenseitigen Sticheleien, die auch vor einer Synode nicht haltmachen. „In einer Sitzung werfen die Marienberger den Seltersern vor, dass sie mit ihrer Kollektensammlung für den gemeinsamen Erziehungsverein in Rückstand geraten sind“, sagt Ferger. Die Selterser tragen damals nur rund 40 Mark zum gemeinsamen Verein bei, die Marienberger stolze 312 Mark.

Dass die Dekanate 19 Jahre später doch wieder getrennte Wege gehen, hat aber andere Gründe. 1890 verpasst die Kirchengemeinde- und Synodalordnung den Kreissynoden einen neuen Zuschnitt: „Die Kirchengemeinde Montabaur wird aus dem Dekanat Diez ausgegliedert und dem Dekanat Selters zugeschlagen. Das wird dadurch größer und bildet ab sofort einen eigenen Synodalkreis – ebenso wie das Dekanat Marienberg“, sagt Ferger. Danach ist der Erziehungsverein lange das letzte Bindeglied der beiden Dekanate.

Heute gibt es diesen Verein nicht mehr: Er hat sich irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgelöst, glaubt Ferger. Dafür ziehen die beiden Dekanate Selters und Bad Marienberg seit Jahren in anderen Bereichen an einem Strang: in der Erwachsenenbildung, der Öffentlichkeitsarbeit, der Notfallseelsorge, um nur einige zu nennen. Folgerichtig wollen sie 2018 das umsetzen, was sich schon vor fast 150 Jahren angedeutet hat: Sie wollen sich endlich zu einem großen Dekanat Westerwald vereinigen. Und das ist dann hoffentlich ein Ereignis, das nicht so schnell in den vergilbten Seiten der Chroniken verschwindet wie die zarten Annäherungsversuche des Jahres 1871.

Fusion der evangelischen Dekanate steht kurz bevor

Das Jahr 2018 beginnt mit einer wichtigen Neuerung für die Evangelische Kirche in der Region: Die Evangelischen Dekanate Bad Marienberg und Selters vereinigen sich am 1. Januar zum Evangelischen Dekanat Westerwald. Ein Dekanat ist ein Kirchenbezirk, in dem mehrere Kirchengemeinden organisatorisch zusammengefasst sind.

Diese alten Protokolle sind Beleg für die Zusammenarbeit zwischen Selters und Marienberg.
Diese alten Protokolle sind Beleg für die Zusammenarbeit zwischen Selters und Marienberg.

Mit einer Fläche von rund 1000 Quadratkilometern zwischen Neuhäusel, Alsbach, Kroppach, Liebenscheid, Neunkirchen und Montabaur ist es das zweitgrößte innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und bietet rund 58.000 evangelischen Christen in 32 Gemeinden eine geistliche Heimat. Der künftige Verwaltungssitz des Dekanats ist Westerburg. Die Modernisierungsarbeiten am dortigen Haus der Kirche sind voraussichtlich Mitte 2019 abgeschlossen. Das Gebäude wird unter anderem auf 600 Quadratmeter vergrößert, wird barrierefrei und energieeffizienter. Bis zum Ende der Renovierung arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Propst-Herbert-Haus in Selters.

Die Dekanatssynode – das ist das regionale Kirchenparlament – trifft sich am 20. Januar 2018 zu ihrer konstituierenden Sitzung in der Selterser Festhalle. Dort wählen die Synodalen das neue Leitungsgremium des Dekanats, unter anderem auch den Dekan und dessen Stellvertreter oder Stellvertreterin. Das künftige Leitungsteam wird dann am Sonntag, 22. April, um 14 Uhr in der Westerburger Schlosskirche eingeführt. Zurzeit setzt es sich aus dem Selterser Dekan Wolfgang Weik, dessen Stellvertreterin Ilona Fritz, Präses Michael H. Müller, dessen Stellvertreterin Margit Limpert sowie dem Kommissarischen Bad Marienberger Dekan Ulrich Schmidt, Präses Bernhard Nothdurft und dessen Stellvertreterin Gabriele Fröhlich zusammen.

Die zentrale Aufgabe des Dekanats ist es, das evangelische Leben in der Region zu gestalten. Außerdem betreut es verschiedene kirchliche Arbeitsbereiche wie beispielsweise die Familien- und Erwachsenenbildung, die Jugendarbeit, die Kirchenmusik, die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit, die Krankenhaus- oder die Notfallseelsorge. Der Zusammenschluss der Dekanate Selters und Bad Marienberg folgt aufgrund der im Jahr 2013 beschlossenen Gebietsreform der EKHN. Sie sieht vor, dass aus den bisher 47 Dekanaten der Landeskirche in den kommenden Jahren 25 werden.

Doch auch ohne diese Vorgabe spricht vieles für den Zusammenschluss, betont Wolfgang Weik: „Seit Jahren arbeiten die Dekanate in einzelnen Bereichen eng zusammen“, sagt der Dekan. „Außerdem glaube ich, dass es ziemlich verwirrend ist, wenn wir das evangelische Leben im Westerwald in Unterkategorien unterteilen. Wir sind evangelische Christen – so werden wir wahrgenommen, und das ist, was zählt.“

Für die Gemeindemitglieder ändert sich durch den Zusammenschluss indes nur wenig: Deren Ansprechpartner sind nach wie vor die jeweiligen Kirchengemeinden. Was die Wahrnehmung der Kirche in der Region betrifft, soll die Vereinigung hingegen ein deutliches Zeichen setzen: Künftig möchte die Evangelische Kirche im Westerwald mit einer Stimme und als ein kompetentes, verlässliches Gegenüber der Kommunen und der Katholischen Kirche auftreten. Pfarrstellen fallen durch die Dekanatsvereinigung nicht weg: Ein neuer Pfarrstellensollplan, der die Anzahl dieser Stellen festlegt, wird erst 2019 verabschiedet. Bei der durch das Kirchengesetz bestimmten Vereinigung haben sich beide Dekanate viel Mühe bei der Abstimmung und Harmonisierung von Abläufen und Handlungsfeldern gemacht. Es ist allen Beteiligten dabei sogar gelungen, sich ein Jahr vor dem gesetzlich festgesetzten Termin zusammenzufinden.

Westerwald extra
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