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Westerwald

Iris Schmidt lebt dank ihres "Zwillings": Buch soll Krebskranken Mut machen

Stephanie Kühr

Die Westerwälderin Iris Schmidt hat die Leukämie besiegt – dank einer Stammzellspende ihrer „Blutsschwester“ Birgit Germscheid. Um Mut zu machen, hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben.

Birgit Germscheid (links) hat der Westerwälderin Iris Schmidt das Leben gerettet: Mit einer Stammzellspende konnte die zweifache Mutter, die aus Wittgert stammt und heute in Raubach lebt, die Leukämie besiegen. Heute sind die beiden genetischen Zwillinge beste Freundinnen. Foto: privat
Birgit Germscheid (links) hat der Westerwälderin Iris Schmidt das Leben gerettet: Mit einer Stammzellspende konnte die zweifache Mutter, die aus Wittgert stammt und heute in Raubach lebt, die Leukämie besiegen. Heute sind die beiden genetischen Zwillinge beste Freundinnen.
Foto: privat

„Tausende wollen Leukämiekranken mit Spende helfen“ – so titelt unsere Zeitung am 2. September 2013 auf der ersten Lokalseite und berichtet über die großen Typisierungsaktionen im Westerwald für einen jungen Mann aus Hachenburg und die gebürtige Wittgerterin Iris Schmidt. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist überwältigend. In Hachenburg lassen sich 2232 Erwachsene typisieren. In Wittgert sind es 760 Männer und Frauen, in Raubach, dem Wohnort von Iris Schmidt und ihrer Familie, sind es noch einmal 1516 Menschen. Fünf Jahre später hat die Geschichte von Iris Schmidt ein gutes Ende gefunden. Ein echtes Happy End. Denn die mit 45 Jahren an akuter myeloischer Leukämie erkrankte zweifache Mutter ist heute wieder ganz gesund.

Für die 49-Jährige und ihre Familie ist das ein Wunder. Die Westerwälderin hatte Glück und fand ihren genetischen Zwilling. Birgit Germscheid aus Kürten-Bechen, seit vielen Jahren von der Stefan-Morsch-Stiftung typisiert, wartete 15 Jahre darauf, einem Menschen das Leben zu retten – sie spendete Iris Schmidt die lebensrettenden Stammzellen. Heute sind die beiden unzertrennlich, beste Freundinnen, Seelenverwandte, Zwillingsschwestern. Aus Dankbarkeit und um Leukämiekranken Mut zu machen, hat Iris Schmidt über die schwere Zeit ihrer Krankheit und über ihre Heilung ein Buch geschrieben – „Blutsschwestern. Tagebuch einer an Leukämie erkrankten Mutter“.

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„Ich widme dieses Buch meiner lebensrettenden Spenderin und Blutsschwester Birgit Germscheid, ohne die mein Leben sicherlich schon lange zu Ende wäre. Gott machte uns zu genetischen Zwillingen, und unsere Herzen machten uns zu echten Freundinnen.“

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In ihrem Buch erzählt Iris Schmidt, wie die Diagnose „Leukämie“ ihr Leben und das ihrer Familie von heute auf morgen tief- greifend verändert. Für sie, Ehemann Frank und die beiden Kinder bricht eine Welt zusammen. Die Tagebucheinträge geben tiefe Einblicke in die erschütternde Gefühlswelt der zweifachen Mutter, in ihre Verzweiflung, ihre Angst, ihre Schmerzen, aber auch ihre Hoffnung und ihren unbändigen Lebensmut.

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„Okay, dann hatte ich jetzt also Leukämie. Frank begriff die Diagnose sofort und zusammen weinten wir erst einmal eine Zeit lang. Was machen wir denn jetzt bloß? (...) Meine Tochter erzählte mir später, wie Frank ihnen die Horrornachricht überbracht hatte. Er nahm unsere Goldschätze in unserer Küche in die Arme und erzählte ihnen, dass ich sehr krank sei. Er sagte ihnen, dass sie alle sehr tapfer sein müssten und dann weinten sie alle drei eng umschlungen.“

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Das ist am 20. Juli 2013. Es sind Sätze wie diese, die einen die Tränen beim Lesen immer wieder herunterschlucken lassen. Doch das Wissen um das gute Ende beruhigt, so aufwühlend solche Passagen auch sind. Ein gutes Gefühl. Der schrecklichen Diagnose vorausgegangen ist eine aufreibende Krankheitsodyssee. Über Monate hat Iris Schmidt immer wieder schwere grippale Infekte. Sie fühlt sich schlapp und kraftlos , muss immer wieder das Bett hüten und Cortison nehmen. Der Zusammenbruch kommt während eines Türkeiurlaubs. Weil sich der Gesundheitszustand der 45-Jährigen dramatisch verschlechtert, bricht Ehemann Frank den Urlaub ab – bucht kurzerhand den Rückflug nicht nach Köln, wo das Auto steht, sondern nach Frankfurt. Es ist der frühere Flug – und er wird das Leben der zweifachen Mutter retten. Mit Blaulicht wird Iris Schmidt in die Frankfurter Uniklinik gebracht. Die Ärzte finden heraus, dass die Mutter an einer Blutvergiftung, einer Lungenentzündung, einer Bronchitis, an Nierenversagen sowie an einem Pilz in Speise-, Luftröhre und Lunge leidet. „Es war fünf vor zwölf“, sagt sie heute. Ihr Leben hängt am seidenen Faden.

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„Dann folgte meine Erfahrung mit dem Nahtod. Ich schwebte völlig leicht, schmerzfrei und zufrieden in einer weißen, weichen, warmen Umgebung, es fühlte sich an, als ob man auf einer Wolke liegt, zumindest stelle ich es mir so vor. Mir tat gar nichts mehr weh. Genauso muss es sein, wenn man stirbt. Viele Menschen beschreiben es so oder so ähnlich. Aber der liebe Gott hatte ein Einsehen mit mir, er schickte mich wieder zurück zu meinen Lieben, er wollte mich noch nicht. (...) Seit diesem Erlebnis habe ich überhaupt keine Angst mehr vor dem Sterben.“

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Am Tag darauf bekommt Iris Schmidt die Diagnose. Leukämie. Die Ärzte beginnen mit dem ersten von drei Chemoblöcken. Die 45-Jährige kann nicht weinen und nicht lachen. Sie hat keine Wut und auch sonst keine Gefühle. Ihre Psychoonkologin bezeichnet es als einen gut tuenden Schutzzustand. Iris Schmidt verträgt die Chemotherapie gut, ihr Zustand bessert sich zusehends. Doch dann kommt die nächste schlimme Nachricht. Es ist der 5. August 2013.

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„Dieser Tag sollte der schlimmste Tag meines Lebens werden. (...) Plötzlich standen drei Ärzte vor meinem Bett und machten ziemlich ernste Gesichter. Meine Ärztin setzte sich neben mich auf mein Bett, hielt meine Hand und begann zu reden. Sie erklärte mir, dass bei der Knochenmarkuntersuchung festgestellt wurde, dass meine Leukämiezellen größtenteils chromosomenverändert seien. Es gäbe keine andere Möglichkeit, als eine Stammzelltransplantation durchzuführen, um mich zu heilen.“

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Der Boden scheint Iris Schmidt unter den Füßen wegzubrechen. Sie hat Angst, ist verzweifelt. Was die gebürtige Wittgerterin damals noch nicht weiß: Bereits drei Tage später fragt die Stefan-Morsch-Stiftung telefonisch bei der späteren Stammzellspenderin Birgit Germscheid an, ob sie noch als Spenderin zur Verfügung stehen würde. Ja, natürlich tut sie das. Die gute Nachricht erfährt Iris Schmidt am 17. August – nur zwölf Tage nach der niederschmetternden Nachricht ist ein Spender für sie gefunden, noch dazu ein „10 zu 10“-Spender, alle zehn möglichen genetischen Merkmale des Spenders passen mit ihren überein. Die Ärzte beginnen mit den Vorbereitungen für die Transplantation, während Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Vereine in Raubach, Wittgert und Hachenburg die groß angelegten Typisierungsaktionen vorbereiten. „Es war einfach nur überwältigend zu hören, dass mir alle helfen wollten. Ich war sehr gerührt“, sagt die heute 49-Jährige. Über die anstehende Transplantation vereinbarte die Familie aber Stillschweigen.

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„Wir wollten es vorerst nur unseren Eltern sagen. Die anstehenden Typisierungsaktionen sollten auf keinen Fall gefährdet werden. Diese Vorgehensweise rieten auch die Ärzte eindringlich. Sie verbaten uns quasi zu erzählen, dass ein Spender gefunden sei. Wir müssten verantwortungsbewusst sein und an die vielen wartenden Patienten denken, deren Leben eventuell durch die drei Typisierungsaktionen gerettet werden könnten“

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Und das Schweigen sollte sich lohnen: Bis März 2017, erzählt Iris Schmidt, wuchs die Zahl der Stammzellspender aus der Raubacher und der Wittgerter Aktion auf 15 Menschen. „Das ist eine sagenhafte Quote und macht uns heute noch froh, damals geschwiegen zu haben“, sagt sie lächelnd. Die Erfolgsquote macht Leukämiepatienten Mut. So wie das Buch von Iris Schmidt. „Ich habe meine Geschichte für all die Patienten in den Unikliniken geschrieben, die wie ich damals hoffen, dass sie die Krankheit überstehen. Es soll ein Hoffnungsbringer sein und den Krebspatienten und ihren Familien Kraft und Hoffnung geben“, wünscht sie sich.

In der Klinik führt Iris Schmidt Tagebuch. „Meine Nichte brachte mir das Büchlein mit. Ich dachte mir, okay, wenn ich es schon habe, dann schreibe ich auch etwas rein“, sagt Iris Schmidt. Und so geschieht es. Täglich notiert sie präzise, wie sich ihr Gesundheitszustand entwickelt, welche Untersuchungen anstehen und wie ihre Therapie aussieht. Auch private Dinge wie Besuche von Familie und Freunden hält die Westerwälderin hier fest. Und viele Emotionen.

Das Buch selbst schreibt Iris Schmidt erst später. Zu Hause, als sie wieder gesund ist. „Für mich war das eine Art Krankheitsbewältigung“, sagt sie rückblickend. Das Schreiben fällt ihr nicht immer leicht, viele Tränen fließen in Erinnerung an die schwere und ungewisse Zeit. Eine Zeit lang lässt sie das Buch liegen, dann arbeitet sie weiter daran – von Anfang 2014 bis Oktober vergangenen Jahres.

Doch zurück zu den „Blutsschwestern“. Die Nachricht, dass ein Stammzellspender gefunden ist, haut Iris Schmidt um. Aufgeregt ruft sie zu Hause an.

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„Meine Tochter ging ans Telefon und ich rief nur immer wieder: Sie haben einen Spender für mich. (...) Ich hörte dass sie außer sich vor Freude zu Frank rannte und die gute Botschaft überbrachte. Wir weinten und lachten wie die Verrückten, die Freude kannte keine Grenzen.“

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Für die zweifache Mutter eröffnet sich eine neue Perspektive. „Man fängt wieder an zu hoffen. Es war ein Gefühlschaos. Es ging rauf und runter. Meine Angst war groß, dass der Spender in letzter Sekunde abspringt, dass ihm etwas zustößt oder irgendetwas schief geht“, erzählt Iris Schmidt mit ruhiger Stimme. Doch alles geht gut: Voller Energie geht Birgit Germscheid zur Stammzellspende. Und sie glaubt fest daran, dass ihr genetischer Zwilling es schaffen wird, wieder gesund zu werden. Sie sollte recht behalten.

Der große Tag rückt heran: Es ist der 8. Oktober 2013 – der Tag der Transplantation. Von nun an überschlagen sich die Ereignisse. Iris Schmidt geht es von Tag zu Tag besser. Nur einen Monat nach der Transplantation, am 1. November 2013, wird sie nach Hause entlassen. Ein Wunder, für das sie von ganzem Herzen dankbar ist. Den Tag der Transplantation feiert Iris Schmidt von nun als zweiten Geburtstag – mit ihrer „Blutsschwester“. „Sie ist wie meine Zwillingsschwester. Wir ticken ganz ähnlich und verstehen uns einfach gut.“ Das Leben von Iris Schmidt hat sich seitdem verändert, so wie ihr Buch den Leser unmerklich beeinflusst. Augen öffnet. Bewusster macht. „Ich bin dankbar für jeden neuen Tag. Ich lebe bewusster und bin für die kleinen Dinge froh. Ich ärgere mich nicht mehr über Dinge, die ich nicht ändern kann, und lasse mich nicht mehr hetzen. Ich genieße jede Stunde meines zweiten Lebens“, sagt sie. Eine Botschaft liegt ihr dabei besonders am Herzen:

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„Wenn du, lieber Leser, es mit deinem Gewissen vereinbaren kannst, lass dich bitte typisieren. Es (...) tut überhaupt nicht weh. Du musst nur auf die Web-Seite der Stefan-Morsch-Stiftung gehen und dich dort online registrieren, und schon kommt das Röhrchen für die Speichelprobe mit der Post zu dir nach Hause. Vielen Dank im Namen aller an Leukämie erkrankten Menschen, die dringend auf einen passenden Spender warten.“

Von unserer Redakteurin Stephanie Kühr

Das Buch „Blutsschwestern“ ist im Pandion-Verlag erschienen. Infos: www.pandion-verlag.de und www.stefan-morsch-stiftung.com

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