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Gemünden/Nepal

Immer wieder neue Herausforderungen: Ralf Bossert folgt dem Ruf der höchsten Berge

Angela Baumeier

Erleichterung ist es, was Ralf Bossert empfindet, als er nach stundenlangem Aufstieg auf dem Chulu East (Nepal) steht. Er ist erfüllt von der Gnade, diesen Moment erleben zu dürfen.

Auf dem Gipfel des Chulu East.  Foto: Inna Yagudina
Auf dem Gipfel des Chulu East.
Foto: Inna Yagudina

Immerhin ist dieser Berg im Himalaja mit seinen 6429 Metern der zweithöchste Gipfel nach dem Aconcagua (6962 Meter), den er je bestiegen hat. Ohne Wenn und Aber bekennt der 67-Jährige: Ja, ich bin ein Gipfelsammler. Auf seiner Homepage hat der pensionierte Bankkaufmann seine 69 höchsten, erklommenen Berge aufgezählt. „Da nenne ich aber nur die, welche höher als 3300 Meter sind“, meint er gelassen.

Was treibt einen Banker in die Berge, lässt ihn immer wieder aufbrechen, um in der Gebirgswelt bis an die Grenzen seiner eigenen körperlichen Möglichkeiten zu gehen? „Vielleicht ist es die Aufhebung der Schwerkraft“, antwortet Bossert und fährt fort: Vielleicht ist es auch, weil man „oben“ besser sehen kann. Nicht nur optisch, sondern in sich selbst hineinsehen kann. Hinzu kommt, dass schon in frühester Jugend das Fernweh und der Entdeckergeist in ihm geweckt wurden. Die Liebe zu den Bergen wurde ihm von seinem Vater in die Wiege gelegt. Er war es, der ihm von den Bergtouren vorschwärmte, die er einst als Soldat gemeinsam mit seinen Kameraden unternommen hatte.

Viele Informationen und Fotos zu seinen Bergtouren und seinen Lieblingsworten finden sich auf der Homepage von Ralf Bossert www.ralfbossert.de

Das Bergsteigen ist für Ralf Bossert unmittelbar mit seiner zweiten großen Leidenschaft, dem Laufsport, verbunden. Seit seinem 15. Lebensjahr ist er Langstreckenläufer. Rund 150 Kilometer lief er in den 1970er-Jahren pro Woche, bis Knieprobleme ihn zur Einsicht zwangen, dass der Leistungssport ihn überfordert. „Da die Berge nicht vor meiner Haustüre liegen, ist Laufen für mich eine gute Motivation und Vorbereitung für die Bergtouren“, erklärt der 67-Jährige, der täglich rund zehn Trainingskilometer, mal mehr mal weniger, absolviert. Bossert freut sich, diese beiden für ihn schönsten Sportarten ausüben zu können. „Bergsteigen ist dabei die Würze“, sagt er. Solange es geht, will er deshalb aktiv bleiben. Auch, um den Anforderungen des Alltags gewachsen zu sein, zu denen drei pflegebedürftige Familienmitglieder und nicht zuletzt sein ehrenamtliches Engagement in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde vor Ort gehören.

Auf dem Chulu East stehen zu können, das war nicht zuletzt einer der Gründe, warum sich Ralf Bossert einer Extrem-Trekking-Tour in Nepal anschloss: dem sogenannten Seven-Passes-Trek in der Annapurna-Region. Ausgangspunkt ist dabei die Ortschaft Besisahar. Von dort geht es zunächst nordöstlich zum Dona Lake, einem in der Region bekannten Gletschersee. Einige Tage später wieder zurück ins Tal, dann in nordwestlicher Richtung durch verschiedene Dörfer – immer wieder über einsame Höhenwege und unterbrochen durch eine fünftägige Bergbesteigung – über die kleine Stadt Manang zum Endpunkt der Route.

Anreiz für ihn war dabei nicht nur die gigantische, atemberaubende Bergwelt des Himalaja, sondern auch, während der fünfwöchigen Expedition die Menschen dort kennenzulernen und das Land, in dem in den hohen Bergen (Besteigungs-)Geschichte geschrieben wurde. Ein halbes Jahr lang zögerte er, bis er sich entschied, sich auf die Herausforderung einzulassen. Schließlich siegte der unbedingte Wille, eine solche Situation durchzustehen, mit allem Komfortverzicht und allen Strapazen. Es folgten Wochen der Vorbereitung. Dann packte Ralf Bossert sein bis ins Detail wohlüberlegtes Reisegepäck, das Abenteuer konnte beginnen.

Von Nepals Hauptstadt Kathmandu aus geht es endlich los. Fünf Wochen dauert die Extrem-Trekkingtour, der erste Ruhetag ist nach vier Wochen geplant. Wie viele Kilometer Ralf Bossert mit seiner Wanderkameradin Inna zurücklegt, wie viele Höhenmeter er bewältigt: Er kann es nicht sagen. Denn die Route ist etappenweise neu. Jeden Tag ist er nun stundenlang unterwegs, mal sind es nur acht, mal werden es zwölf. Auf ihn warten Einsamkeit, Kälte, Strapazen, Erschöpfung. Aber auch ein intensives Erleben des Augenblicks und Glücksmomente als Lohn für alle Entbehrungen, Durst und Heimweh.

Ralf Bossert kennt diese Gefühle von seinen bisherigen Bergtouren: Zu seinen nachhaltigsten Eindrücken zählt er die Besteigung des Matterhorns (1994, Walliser Alpen, 4476 Meter), womit er sich einen Kindheitstraum erfüllte. Er stand 2001 auf dem Gipfel des Mount McKinley (heute: Denali, Alaska, 6190 Meter) und scheiterte zweimal witterungsbedingt beim Aufstieg zum Pik Lenin (Pamir, Kirgisistan, 7134 Meter). Viermal bestieg er bereits den Pico de Teide (3718 Meter, Teneriffa), einmal bei sengender Hitze ab Meereshöhe in 15 Stunden mit anschließender Übernachtung auf dem Gipfel. Unvergessen bleibt für ihn dort der Einblick in die Erdgeschichte durch austretende Schwefeldämpfe. Insgesamt bewältigte er etwa 80 Höhen (wie die Bergsteiger sagen) über 1000 Meter, 170 über 2000 Meter, 150 über 3000 Meter, dazu 50 Höhen über 4000 Meter, 15 Höhen über 5000 Meter und vier der „Seven Summits“, die höchsten Berge aller sieben Kontinente.

Nun also Nepal mit seiner faszinierenden Dimension der Berge, der Täler, der Schluchten. Aber ebenso beeindruckt ist der Westerwälder von der Freundlichkeit der Einheimischen. Er erlebt, wie die Menschen dort in ihren ärmlichen Dörfern das Leben in einfachsten Verhältnissen fristen, der Natur durch harte Arbeit das Nötigste zum Überleben abringen und trotzdem Zufriedenheit ausstrahlen. Er wandert über gewaltige Hängebrücken, trifft auf allerlei heimische Tiere, sieht Haubenadler hoch oben ihre stolzen Runden ziehen und ebenso das glasklare Wasser des Tilicho-Sees in 5000 Metern Höhe glitzern.

Am Abend nach dem Gipfelerfolg.  Foto: Asman Rai
Am Abend nach dem Gipfelerfolg.
Foto: Asman Rai

Überrascht ist er von den Trägern, die ihm und seiner Wanderkameradin einen Großteil des Gepäcks transportieren: Junge Kerle, enorm leistungsstark, trotz aller Strapazen immer gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt. Nur die wenigsten von ihnen sprechen Englisch, aber auch eine Verständigung mit Händen und Füßen ist möglich. Dabei geht es teilweise über Strecken, auf denen jeder unüberlegte Schritt zum Absturz führen kann. Ohne Ortskenntnisse durch den Mountainguide, der an manchen Stellen lange zögert und endlich doch den richtigen Weg findet, wäre die Besteigung des Chulu East nicht möglich gewesen. „Ich hatte den Gipfel schon aufgegeben“, bekennt Bossert. Denn die Suche nach der richtigen Route, vorbei an haushohen Gletscherspalten und über Schneebrücken hinweg, erweist sich als schwierig. Die letzten 300 Höhenmeter sind kräftezehrend, Gletscherspalten und Firngrate säumen den Weg. Stunden ist Ralf Bossert da schon unterwegs, anfangs im Dunkeln, denn der Aufbruch vom Basislager erfolgte schon nachts um 1 Uhr. Um 10.13 Uhr ist der Gipfel erreicht. Nur wenige Minuten, gerade mal Zeit genug für ein paar Fotos, verweilen die Bergsteiger dort, bei gefühlten Minus 20 Grad und einem kräftigen Wind. Vor ihnen liegt der stundenlange Abstieg, bis das Basislager wieder erreicht ist, das längst wieder in der Dunkelheit liegt.

Wenige Stunden später geht es weiter auf der Trekkingroute, bis nach Tagen die kleine Ortschaft Jomsom erreicht ist. Von dort bringt ein Kleinflugzeug Bossert zurück in die Zivilisation, zunächst nach Pokhara, dann mit dem Bus nach Kathmandu. Ein letzter Bummel durch die quirlige, lärmende Stadt, und schon naht die Heimreise. Im Gepäck hat Ralf Bossert unzählige Fotos und Erinnerungen, von denen er gerne bereit ist, im Rahmen seiner Multimedia-Vorträge zu erzählen.

So in ein/zwei Jahren will er sich an die Arbeit machen und eine Zusammenfassung aller seiner Reisen, der erreichten 6000er-Gipfel oder einiger markanter Berge in einen Vortrag packen. Dabei gibt es noch so einige Traumziele für ihn. Da hält er es mit dem Extrembergsteiger Fred Beckey, der auf die Frage: „Hattest du je das Gefühl, getan zu haben, was du tun wolltest?“ antwortete: „Nein, nie. Ich habe gerade mal die Oberfläche angekratzt.“

Von unserer Reporterin Angela Baumeier

Was ist Trekking?

Was unterscheidet Bergsteigen von einer Trekkingtour?

Ralf Bossert erklärt es so: „Auf einer Trekkingtour geht es darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, eine bestimmte Streckenlänge zu bewältigen. Bergsteigen ist fokussiert auf einen bestimmten Punkt: den Gipfel.“ bau

Nepal hat viele der höchsten Berge der Welt

Nepal liegt in Asien. Das Land grenzt im Süden an Indien und im Norden an China. In Nepal befinden sich 8 der 14 welthöchsten Berge, einschließlich des Mount Everest. Hauptstadt des Landes ist Kathmandu.

Die Annapurna-Region liegt nördlich von Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals, in Zentralnepal. Die Region ist mit einer Größe von 7629 Quadratkilometern das größte Naturschutzgebiet Nepals, bekannt als Annapurna Conservation Area (ACA). Seine einzigartige Landschaft, gepaart mit multi-kulturellen und multi-ethnischen Eindrücken, macht es zum beliebtesten Trekkingziel Nepals. Rund 100.000 Menschen leben in der Annapurna-Region, die hauptsächlich den ethnischen Gruppen der Gurung, Magar, Bhotia, Thakali, Manangi und Chhetri angehören.

Religionen: Hinduismus 86,2 Prozent, Buddhismus 7,8 Prozent, Islam 3,8 Prozent, andere 2,2 Prozent

Staatsform: Konstitutionelle Bundesrepublik

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