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Westerburg

Festgefroren in Irland: Reisegruppe aus dem Westerwald saß fest

Angela Baumeier

Eiskalt erwischt es eine Schülergruppe der BBS Westerburg in Irland. Im Land ist plötzlich die „Warnstufe rot“ ausgerufen, Premierminister Leo Varadkar appelliert im Fernsehen an alle Menschen, ja nicht vor die Tür zu gehen. Was wie ein Science-Fiction-Drehbuch klingt: Für 37 angehende Erzieher und zwei Lehrer ist dieses Szenario wahrgeworden. Diese Reise nach Dublin, so viel ist sicher, werden sie so schnell nicht vergessen – und sie dennoch in guter Erinnerung behalten. „Es war wirklich schön! Auch wenn Dinge passierten, die so nicht abschätzbar waren“, sagt Johanna Pawlak (25).

Der Schneesturm legt die Stadt lahm, nicht nur diese Reisegruppe aus dem Westerwald hängt in Irland fest.
Der Schneesturm legt die Stadt lahm, nicht nur diese Reisegruppe aus dem Westerwald hängt in Irland fest.
Foto: BBS Westerburg

Als die BBS-Schüler am Montag, 26. Februar, nach Irland fliegen, ist alles noch im grünen Bereich. Seit Schuljahresbeginn haben sie für diese Reise gespart, sie freuen sich auf die Begegnungen, die sie erwarten, auf das, was sie in Dublin erleben werden. Auch ein paar gute Bekannte wollen sie treffen, denn die BBS Westerburg pflegt seit Jahren eine Partnerschaft mit dem Liberties College in Dublin. Alles ist gut vorbereitet, das Programm steht, das Hostel ist gebucht. Die Pubs locken, in denen gleich am ersten Abend die Stimmung so irisch gut ist, dass die Jugendlichen spontan mit den Einheimischen zur Livemusik tanzen. Es soll etwas Schnee geben, wissen sie. Kein Problem für Westerwälder, die Winterwetter gewohnt sind.

Den nächsten Tag nutzen die Schüler für einen Stadtrundgang und eine Stadtrallye. Noch ahnen sie nicht, was sie erwartet. Die Sonne scheint, es ist etwas kühl. Doch dann heißt es: Es wird schneien. Schlimmer noch: Ein Schneesturm kündigt sich an.

Und dann geschieht das für Dublin Unglaubliche: Es schneit und schneit. Die Stadt hat so einen Wintereinbruch das letzte Mal 1982 erlebt. Manche Kinder und Jugendliche haben noch nie in ihrem Leben Schneeflocken tanzen sehen. Ganz anders reagieren die deutschen Jugendlichen: „Wir Kinder des Westerwaldes sehen das nicht so kritisch. Ja, es war gut Schnee da. Das eigentliche Problem aber waren der Sturm und Wind“, erzählt Johanna Pawlak. Und erinnert sich, dass die Iren sich gar nicht vorstellen konnten, dass so ein Schnee im Westerwald normal ist. „Wir haben ein bisschen geschmunzelt. Das war für unsere Westerwälder Verhältnisse kein Schnee – aber für Dublin schon“, sagt auch Saskia Schütz (26).

Denn die irische Hauptstadt ist auf so einen Wintereinbruch nicht vorbereitet: Kein Auto fährt mit Winterreifen, es gibt keine Räumfahrzeuge, kaum Streusalz. Und auch keine Schneeschippen, wie die Wäller in den nächsten Tagen sehen werden. Erfinderisch binden einige Iren Bretter an Besenstiele, um so den Schnee schieben zu können, der die Stadt lahmlegt. Der Nahverkehr ist eingestellt, Regale in den Supermärkten werden angesichts der drohenden Notlage leergekauft. Ein krasser Eindruck. Behörden, Firmen, Geschäfte und Museen schließen, ebenso die Universität, das College und der Kindergarten, die die angehenden Erzieher eigentlich besuchen wollen. „Wir hatten uns auf die Runde im College gefreut“, bedauert Saskia Schütz (26) diesen Totalausfall und fügt fröhlich an: „Aber, wir haben das Beste draus gemacht.“

Der Nahverkehr ruht, aber noch fahren Züge. Also geht es weiter im Programm – mit unwirklich anmutenden Momenten. Auf dem zugigen Bahnsteig steht ein Klavier, surreal wie in einer Filmszene. Eine Schülerin greift in die Tasten und spielt die Titelmelodie aus dem Film „Die wunderbare Welt der Amélie“.

Mit dem Zug gelangt die Gruppe nach Killiney, wo neben einem Spaziergang am Strand auch eine kleine Bergbesteigung des Killiney Hill auf die Deutschen wartet. Sie sehen, wie einige Iren diesen Hügel nutzen, um Schlitten zu fahren. Wo bekommt man in einer Stadt, die eigentlich keinen Winter kennt, wohl einen Schlitten her, geht es ihnen später durch den Kopf.

Und die Wetterlage verschlechtert sich. Nun heißt es: Am Donnerstag soll bis Freitag, 15 Uhr, die „Warnstufe rot“ ausgerufen werden. Alles öffentliche Leben steht still. Auch die Pubs? „Are you crazy?“ („Sind Sie verrückt?“), antwortet ein Ire entsetzt auf diese Frage. Natürlich nicht!

Geplant ist, dass die Gruppe am Freitag um 15.40 Uhr nach Hause fliegt. Das scheint nun jedoch mehr als fraglich angesichts der Wetterlage, alle Flüge sind gestrichen. Sind dem Schneesturm und der Sichtweite „Null Meter“ zum Opfer gefallen. Eine Naturgewalt, gegen die der Mensch machtlos ist. Die Schülergruppe macht das Beste daraus: Die jungen Leute hören Musik, schauen DVDs, gehen auf eigene Faust in die Stadt, sind gut drauf. Sie kommen mit den anderen Hostelgästen ins Gespräch: Der Schneesturm regt zum Austausch an, wie Johanna Pawlak erzählt.

Im Lauf des Donnerstags verschärft sich die Lage weiter, die Warnstufe rot gilt bis Freitagabend. Wie soll die Gruppe, in der es auch Alleinerziehende gibt, nach Hause kommen?

Das Reisebüro, über das der Trip gebucht ist, erreicht die Fluggesellschaft nicht. Auf dem Dubliner Flughafen herrscht ein absolutes Chaos: Viele „Gestrandete“, die der Schnee in Irland festhält, warten an den Schaltern. Massen von Menschen. Schließlich wird für die Rückkehr eine andere Lösung gefunden: Die Flüge werden storniert, stattdessen für Samstagfrüh eine Fähre von Dublin nach Holyhead (Wales) geordert, von dort soll es mit einem Bus weitergehen, der ebenfalls gebucht wird und der von Deutschland kommt, um die Gruppe heimzuholen.

Komplikationsloser gestaltet sich die Frage der Unterkunft. Schnell ist ein neues Hostel für die Reisegruppe gebucht, die nur bis Freitag in dem ersten Quartier bleiben kann. Die Jugendlichen nehmen alles mit Humor und Gelassenheit. Sie machen das Beste aus der Zeit, die sie plötzlich haben – nutzen sie für ein gemeinsames Frühstück (das vom Hostel gestellt wird), oder auch für ein gemeinsam improvisiertes Abendbüfett aus allem, was sich Essbares noch in den Taschen findet.

Derweil erleben sie Dublin in einem besonderen Moment: Dort, wo sonst ein Auto das nächste jagt, ist kein Motorengeräusch zu hören. Die Schneedecke deckt nicht nur den Asphalt zu, sondern legt auch ein Kleid der Stille über die sonst brummende Stadt.

Über Nacht schlägt das Wetter um, am Freitagmorgen ist es nasskalt. Schneeregen kriecht unangenehm in die Knochen, als sich die Westerwälder am Nachmittag wie eine Schlange von einem Hostel zum nächsten begeben. Rund 1,1 Kilometer zu Fuß, mit Gepäck. Kein Vergnügen. Doch auch das lässt die Stimmung nicht kippen. Zumal ihr Lehrer Johannes Keßler ja eine Lösung für die Heimfahrt gefunden hat. Doch noch sind die Wäller nicht zu Hause.

Gut gelaunt verlassen alle am Samstagmorgen um 6 Uhr das Hostel, vor dem pünktlich ihr Bus wartet, der sie zur Fähre bringen wird. Doch am Fährhafen kommt die Hiobsbotschaft: Das Schiff ist nicht in Sicht, sondern noch immer in Wales. Neun Stunden warten die „Reisenden“ nun auf die Fähre. Ohne Frühstück, aber mit guter Laune: Spontan tanzen einige Schüler zu Kinderliedern, andere bekommen vorgelesen. Und es gibt W-LAN, das hilft, die Laune hochzuhalten. Als die Fähre endlich eintrudelt, geht es wie geplant weiter – der Heimat immer ein Stückchen näher.

34 Stunden sind die Westerwälder unterwegs, ehe sie Westerburg erreichen. Doch manche von ihnen schmieden da schon wieder Reisepläne. Wie Aline Schmidt (20), die im Sommer noch einmal nach Dublin zurückkehren möchte, um die grüne Insel ohne weißes Kleid zu erleben. So, wie es eigentlich schon bei dieser Reise geplant war.

Westerwald extra
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