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    Dem Tod entronnen, aber einen hohen Preis bezahlt: Seit einem schrecklichen Unfall sitzt Nadine im Rollstuhl

    Nach diesem schrecklichen Unfall war für Nadine nichts mehr so wie vorher. Ihr Leben von jetzt auf gleich ein anderes. Am 11. November 2009 war sie mit ihrer besten Freundin Sarah mit dem Roller unterwegs, als die beiden von einer Corvette erfasst wurden. Nadine sitzt seitdem im Rollstuhl; Sarah hat das Unglück nicht überlebt.

    Von unserer Reporterin Verena Hallermann

    Heute erinnert ein Kreuz an den tragischen Unfall auf der L 304 bei Freilingen, bei dem die damals 16-jährige Sarah ums Leben kam. Foto: Verena Hallermann
    Heute erinnert ein Kreuz an den tragischen Unfall auf der L 304 bei Freilingen, bei dem die damals 16-jährige Sarah ums Leben kam.
    Foto: Verena Hallermann

    Nadine sitzt im Rollstuhl und streicht sich über ihre gelähmten Beine. Sie tun immer noch weh, erzählt die 24-Jährige, die den schweren Verkehrsunfall vor sieben Jahren bei Freilingen überlebt hat. Phantomschmerzen, weiß sie, denn es gibt schon lange keine Hoffnung mehr, dass sie je wieder laufen kann. Zu schlimm waren die Verletzungen, die sie erlitt, als der Corvette-Fahrer sie damals auf ihrem Motorroller auf der Landstraße zwischen Wölferlingen und Freilingen erfasste. "Ich werde mich nie mit meinem Schicksal abfinden können", sagt Nadine und zieht ihre regungslosen Beine übereinander. Ihr Blick ist auf eine große Bilderleinwand in ihrem Zimmer gerichtet. Zwei junge Mädchen halten sich in den Armen, lachen keck in die Kamera, wirken glücklich. Ihre beste Freundin Sarah, die am 11. November 2009 wie so oft hinter ihr auf dem Roller gesessen hatte, hat das Unglück nicht überlebt. Die 16-Jährige starb noch an der Unfallstelle.

    Sportwagen traf sie ungebremst

    Es war schon dunkel, als die Mädchen auf der Landstraße 304 unterwegs waren. Nieselregen lag in der Luft. Wo die Freundinnen hin wollten, weiß Nadine nicht mehr. Wahrscheinlich wollte sie ihre Klassenkameradin mit dem Motorroller nach Hause fahren. Nur kurz den kleinen Umweg nehmen. So wie sie es oft gemacht hat. Wahrscheinlich fuhren sie zunächst auf dem Radweg, bis dieser kurz vor Freilingen endete. Bis sie wieder auf die Landstraße mussten. Bis der schnelle Sportwagen angerast kam und den Roller erfasste. Ungebremst. Mit mehr als 120 Kilometern pro Stunde. "Wenn sie nicht über die Leitplanke ins Feld geflogen wäre, wäre sie jetzt nicht mehr bei mir", sagt Mutter Bianka leise. Sie sitzt neben ihrer Tochter und ringt um Fassung. "Ich werde diesen Tag mein ganzes Leben lang nicht vergessen können."

    Nadines Handy gibt Alarm. Es ist wieder Zeit für ihre Tabletten. Dreimal täglich muss sie Medikamente nehmen. Die junge Frau mit den langen, dunklen Haaren und den Piercings an Nase und Lippe greift widerwillig nach dem Tablettendosierer. Sie wolle sie später nehmen, sagt sie und lässt die Pillendose wieder fallen. Es fällt ihr schwer, täglich diesen Medikamenten-Cocktail zu schlucken. Verschiedene Psychopharmaka und auch Tillidin gehören dazu. Sie betäuben ihre Schmerzen in den Beinen, im Rücken und auch in ihrem Herzen. Es fällt ihr schwer, auf einen Katheter angewiesen zu sein, ständig die Hilfe von der Mutter oder ihren vier Geschwistern zu brauchen. Zu wissen, dass sich daran nie etwas ändern wird.

    Da bin ich in der Küche zusammengebrochen.

    Dreimal wöchentlich muss sie zur Physiotherapie. Alle acht Wochen muss sie ins Krankenhaus. Muss sich untersuchen lassen. Muss sich ihre Narben ansehen, die sie seit ihrem Unfall hat. Schmerz, Scham und Trauer bestimmen ihr Leben. Und Wut. Wut gegen den Mann, der ihr das angetan hat. Der Mann, der mit ungefähr doppelt so hoher Geschwindigkeit wie erlaubt gerast ist. Der Mann, der den Unfall verursacht hat, bei dem sie meterweit durch die Luft geschleudert wurde, den sie fast nicht überlebt hätte.

    Eigentlich wollte ihre Tochter an dem Unfalltag nicht lange wegbleiben, erinnert sich Mutter Bianka. "Ich bin gleich wieder da", habe sie noch gesagt, bevor sie aus der Haustür verschwand. Nur kurz noch mit der Sarah treffen, habe sie gesagt. Als sie von einem Unfall auf der Landstraße erfuhr, wurde sie unruhig. Wo waren die Mädchen? Ihre Anrufe auf dem Handy ihrer Tochter blieben unbeantwortet. Verwandte konnten keine Auskunft über ihren Verbleib geben. Niemand. Dann rief die Polizei an. "Da bin ich in der Küche zusammengebrochen", erzählt Bianka und kämpft mit den Tränen. Stunden saß sie in der Klinik, bevor ihr ein Arzt mit Sicherheit sagen konnte, dass es Nadine ist, die auf dem Operationstisch liegt. Dass Sarah, die ihrer Nadine so ähnlich sah, diejenige ist, die tot von der Landstraße geborgen wurde. Stunden der Ungewissheit. Stunden von Angst und Trauer, die nicht enden wollten. Denn Nadine ist nach der OP nicht aufgewacht. Tagelang lag sie im Koma.

    Das Rückenmark und die Lunge waren gequetscht. Das Sprunggelenk und ein paar Rippen waren gebrochen. Hirnblutungen setzten ein. Schürfwunden am ganzen Körper. Monate musste sie in der Klinik bleiben. Nadine kann sich an den Tag erinnern, als sie aus dem Koma aufwachte. Ihre Glieder lagen wie Blei im Krankenhausbett. Bewegungen fielen schwer, fühlten sich fremd an. Schemenhaft konnte sie die Personen um sich herum erkennen. Ein Schlauch ragte aus ihrer Luftröhre, hielt sie am Leben, nahm ihr die Sprache. Immer wieder hatte sie auf ihre Beine gehauen, um ein Gefühl zu erzwingen. Lange hatte sie gehofft, dass sich die Ärzte irren. Vergebens. Der Tag, an dem sie den Motorroller lenkte, sollte der Letzte sein, an dem sie ihre Beine bewegen konnte.

     

    Der Roller war ein Geschenk. Ihr Vater hatte sie zu ihrem 16. Geburtstag damit überrascht. Stolz war sie gewesen. Ein Traum in schwarzer und weißer Farbe ging in Erfüllung. Gleich eine Spritztour durch den Nachbarort gemacht. "Ich hatte mich wahnsinnig gefreut", lächelt Nadine. "Endlich war ich mobil." Von dem Roller ist nichts übrig geblieben. Der Aufprall hatte die Maschine zerfetzt. Tüten mit Einzelteilen wurden vom Unfallort geborgen.

    Die junge Frau hält in ihrer Erzählung inne, greift sich an den Knöchel und zieht ihr linkes Bein in eine angenehmere Position. Es zuckt leicht. Nadine leidet unter spastischen Zuckungen, die ihr die Kontrolle über ihre Muskeln nehmen. Dann schießen ihre Beine plötzlich gegen die Mama, die ihr grade dabei hilft die Hose auszuziehen, gegen Möbelstücke, gegen die Wand. Offene Stellen sind die Folge an ihren Beinen. Ihre Wunden versteckt sie unter langen Hosen.

    Ich konnte mich zuerst nicht damit abfinden, dass ich schwanger sein soll.

    Irgendwo schreit ein Kind. Nadine horcht auf, nimmt mit ihrem Rollstuhl geschwind die Kurve in der schmalen Erdgeschosswohnung und kommt mit einem kleinen Mädchen zurück. Ihre Tochter. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Eigentlich hatten die Ärzte geglaubt, Nadine könne keine Kinder bekommen. Zu schlimm seien die Verletzungen gewesen, zu viele Medikamente müsse sie täglich nehmen. Aber wie durch ein Wunder ging alles gut. Der kleine Blondschopf gab ihr neuen Mut, neue Kraft. Durch die Kleine habe sie wieder eine Aufgabe. "Ich konnte mich zuerst nicht damit abfinden, dass ich schwanger sein soll", erinnert sich Nadine. "Aber ich habe es mir schwieriger vorgestellt, mich um mein Kind kümmern zu können." Sobald ihr kleines Mädchen in den Kindergarten kommt, möchte sie ihre Ausbildung zur Büromanagerin nachholen.

    Nadine dachte an Selbstmord

    Nadine hat neuen Lebensmut gefunden. Doch das sah in den ersten Jahren nach dem Unfall noch anders aus. Nadine dachte daran, sich umzubringen. Nahm eine Zeit lang Drogen. Zog sich völlig zurück. Konnte das Mitleid nicht ertragen. Die Blicke, die sie durch den Rollstuhl auf sich zog. Die Tatsache, dass sie nie wieder aufrecht gehen kann. Die Scham, dass man ihr in die Badewanne helfen muss. Ihr altes Leben, das sie so sehr vermisst. Schwimmen gehen, sich mit Freunden treffen, unbeschwert sein. Und Sarahs Tod.

    Ihre beste Freundin, die sie seit der fünften Klasse kannte. Das Mädchen, das in der Schule neben ihr saß. Immer wenn sie an die Unfallstelle vorbeikommt, dort wo heute ein Kreuz an das Unglück erinnert, denkt sie an ihre Freundin. Denkt daran, wie sie sich abends heimlich rausgeschlichen haben, um sich zu treffen. Denkt daran, wie viel sie zusammen gelacht haben. Denkt an das Mädchen, dass viel mehr als eine Freundin für sie war.

     

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