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Simmern

Plattschwätz-Omend in Simmern: Dem Hunsrücker Dialekt auf den Grund gehen

Ratzele, Peppelsbiere, Fiechtebiere, Dannegaggele, Giggele und Schäfcha – wer sich fragt, was all diese Wörter gemeinsam haben, der sollte unbedingt einmal den Schinderhannesturm besteigen. Denn dort trifft sich an jedem dritten Mittwoch der ungeraden Monate eine Runde von 15 bis 20 Plattschwätzern.

Alle zwei Monate begrüßt der Historiker und Mundart-Liebhaber Volker Keller interessierte Plattschwätzer im Schinderhannesturm in Simmern.
Alle zwei Monate begrüßt der Historiker und Mundart-Liebhaber Volker Keller interessierte Plattschwätzer im Schinderhannesturm in Simmern.
Foto: Charlotte Schick

Von unserer Reporterin Charlotte Schick

Sie kommen nicht nur zum Maje und Stickelsche verziele zusammen – sie gehen der Herkunft der Wörter auch auf den Grund und suchen nach verwandten Begriffen in französischer, englischer, oder jiddischer Sprache.

Reihum werden Begriffe genannt, die seit dem vergangenen Treffen in Gesprächen mit anderen Plattschwätzern gehört oder in Mundarttexten wiederentdeckt wurden. Andere erinnern sich in einem ruhigen Moment an Ausdrücke der Großmutter, die heute schon lange nicht mehr benutzt werden. Da kann es durchaus zu Diskussionen kommen: "Dä Ousdruck gitt et bäi uus nit!" – stammen die Besucher des Abends doch aus allen Teilen des Hunsrücks. Von Simmertal bis Uhler, von Raversbeuren bis Pleizenhausen erstreckt sich das Gebiet derer, die sich zum Platt schwätze zusammenfinden.

Bis zu 125 Wörter kommen pro Abend zusammen

Die Ausdrücke, die an den Abenden zusammengetragen werden, werden von den Initiatoren im Anschluss aufgeschrieben und per E-Mail an alle Interessierten verschickt. Auf diese Weise haben sich bereits 900 Wörter angesammelt, und mit jedem Treffen werden es mehr.

"Der Rekord liegt bei 125 Wörtern an einem Abend", berichtet Volker Keller, promovierter Historiker und Heimat-Liebhaber. Er ergänzt die Liste zudem mit der passenden hochdeutschen Übersetzung, und da ist durchaus Kreativität gefragt. Schließlich gibt es im Hunsrücker Platt Wörter wie das unübersetzbare "Gehaichnis", das einen Zustand beschreibt, den man nur erleben kann – und der für jeden einzelnen seine ganz eigene Bedeutung hat. Andere Ausdrücke, etwa das "Näistgewann", können auch heiße Diskussionen über die passende Übersetzung entfachen: "Dat säht ma, wenn ma ebbes mischt, wat näist brängt". Also etwas, was für die Katz ist? Das trifft es dann wohl am ehesten.

Die Muttersprache vor dem Vergessen bewahren

Vor etwa drei Jahren haben sich Hans-Werner Brand, Volker Keller, Hiltrud Ley und Brigitte Antes dazu entschlossen, den Plattschwätz-Omend ins Leben zu rufen. Nachdem sie einen sprachgeschichtlichen Mundartkurs an der Volkshochschule besucht hatten, wollten sie sich weiter mit ihrer Muttersprache beschäftigen und sie vor dem Vergessen bewahren.

Die Zahl derer, die noch Dialekt sprechen, ist stark rückläufig. Dialekte werden in absehbarer Zeit aussterben in Deutschland, prophezeit Stephan Elspaß, Professor für Germanistische Linguistik in Salzburg. Viele Kinder kennen das Platt gerade noch von ihren Großeltern. "Oma, verstehst Du die Sprache, die die Leute da sprechen?", hörte Ley ein Kind fragen.

Und als eigenständige Sprache will mancher das Platt auch verstanden wissen. Eine Sprache, die erhaltenswert und dem Hochdeutschen gleichwertig sein sollte. Denn es wäre doch zu schade, würden Kinder nicht mehr schnouse oder schnuggele und im Matsch knatschele. Davon mal abgesehen klingt "awäile raalste däich, sust gitts paar hinner die Leffel" doch wesentlich zielführender als "benimm Dich".

Zum Plattschwätz-Omend an jedem dritten Mittwoch der ungeraden Monate im Schinderhannesturm sind Interessierte herzlich willkommen. Beginn ist um 19 Uhr. Josef Peil sammelt dabei auch O-Töne und stellt sie ins Internet: www.o-ton-hunsrueck.de

Boppard Simmern
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